Geknechtete Wesen

Die politische Wirkung der Philosophie Ernst Blochs (1885—1977) während seiner zwölf Leipziger Jahre von 1949 bis 1961 ist noch weitgehend unerforscht. Es gibt eine Reihe veröffentlichter Dokumente, autobiographischer Texte und Briefausgaben, es gibt auch die gesammelten Aufsätze des einstigen DDR-Philosophen Guntolf Hertz­berg „Abhängigkeit und Verstrickung“ (1996) mit dem Beitrag „Ernst Bloch in Leipzig“. Was aber immer noch fehlt, ist eine systematische Darstellung der Leipziger „Hoffnungsphilosophie“ in ihren politischen Auswirkungen zwischen Stalins Tod im März 1953 und der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands im Herbst 1956 wie der nachfolgenden Verhaftungswelle von DDR-Intellektuellen. Zu diesen kritischen Intellektuellen gehörte auch Günter Albrecht Zehm, der von 1952 bis 1956 bei Ernst Bloch Philosophie studierte. Bloch besaß als Gelehrter und heimgekehrter Emigrant eine ungeheure Ausstrahlungskraft. In seinen Vorlesungen saßen Hörer aller möglichen Disziplinen; von seinen Studenten verlangte er, die philosophischen Texte, die er am Podium interpretierte, auch selbst zu lesen, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit war, aber von der Staatspartei, die die „bürgerliche“ Philosophie strikt ablehnte, nicht gern gesehen wurde. Auch das utopische Denken, wie es Bloch vertrat und in den drei Bänden seines Hauptwerks „Das Prinzip Hoffnung“ (1954/59) niederlegte, wurde der Partei zunehmend unheimlich. Für sie war das Ziel der Geschichte mit dem beschlossenen „Aufbau des Sozialismus“ fast erreicht, sie brauchte eine platte Gegenwartsphilosophie, die diesen Aufbau beförderte. Dennoch wurde Ernst Bloch noch 1955 mit dem DDR-Nationalpreis und dem Vaterländischen Verdienstorden ausgezeichnet und zum 70. Geburtstag mit einer Festschrift geehrt. Der Umschwung in der staatlichen Wertschätzung kam im Jahr darauf, nach dem XX. Parteitag der Moskauer Kommunisten im Februar 1956. Die Entstalinisierungspolitik, die auch bei Günter Zehm eine „trügerische Perspektive“ geweckt hatte, währte nur einen Sommer. Sie hatte zum Ungarn-Aufstand geführt, nach dessen Niederschlagung Blochs Kollegen, Freunde und Schüler verfolgt, verhaftet und außer Landes getrieben wurden. Der Budapester Literaturhistoriker Georg Lukács, mit dem Bloch befreundet war, wurde nach Rumänien verschleppt. Der Ost-Berliner Philosophieprofessor Wolfgang Harich bekam zehn Jahre Zuchthaus, Walter Janka, der Leiter des Aufbau-Verlags, fünf Jahre. Günter Zehm war in diesen aufregenden Wochen des Jahres 1956 Examenskandidat bei Ernst Bloch in Leipzig. Er schrieb eine mit summa cum laude bewertete Diplom-Arbeit, worin es um die „Ausarbeitung einer wissenschaftlichen Ethik (…) vom Standpunkt des Historischen Materialismus“ ging. In seinem Aufsatz „Weh dem, der denkt. Die Geschichte eines jungen Wissenschaftlers in der Sowjetzone“ (1961) hat er fünf Jahre später, nun schon geflüchtet, über seine wissenschaftlichen Bemühungen berichtet. Er hatte damals lediglich versucht, den „Historischen Materialismus aus dem armseligen Kategorienschema herauszulösen, auf das ihn der stalinistische Dogmatismus reduziert hatte“. Dazu genügte es aber nicht, auf die Frühschriften von Marx und Engels zu rekurrieren, es mußte auch eine „gründliche Durchleuchtung und kritische Aneignung des gesamten umfangreichen Materials wissenschaftlich-philosophischer Anthropologie, welches von der westlichen Philosophie im Laufe der letzten Jahrzehnte beigebracht worden war“, vorgenommen werden. Das hieß, er mußte auch die Schriften von Ludwig Klages, Max Scheler, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Arnold Gehlen und Jean-Paul Sartre lesen und in seinen Versuch einer marxistischen Anthropologie einarbeiten. Von den Schwierigkeiten, diese Literatur überhaupt beschaffen und einsehen zu können, ganz zu schweigen! Hier freilich war eine ideologische Grenze gesetzt, die Denkverbot erheischte und nicht überschritten werden durfte, weil jenseits davon der Artikel 6 der DDR-Verfassung („Boykotthetze“) wirksam wurde. Viele dieser Westdenker nämlich wurden von SED-Funktionären mit Schimpfworten wie „Nato-Philosophen“ belegt. Als der Stalinist Rugard Otto Gropp in seinem Artikel „Idealistische Verirrungen unter ‘antidogmatischem’ Vorzeichen“, veröffentlicht am 19. Dezember 1956 im SED-Zentralorgan Neues Deutschland, Ernst Bloch als „Verführer der Jugend“ und seine Schüler als „imperialistische Agenten“ beschimpfte, wußte auch Günter Zehm, daß er spätestens jetzt hätte fliehen müssen. Aber er blieb, inzwischen arbeitete er als Assistent an der Universität Jena, er wartete ab. Seine Diplomarbeit freilich wurde unter den ML-Studenten in Leipzig und anderswo zur begehrten Lektüre, wurde darin doch die Marxsche Entfremdungstheorie auch unter sozialistischen Verhältnissen noch für gültig erachtet. Wie in Marx’ Einleitung „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ (1843/44) zu lesen war, blieb demzufolge der Mensch noch immer „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ — was, wenn man den Kontext kennt, ein Aufruf zur Revolution war. Das hatten auch die DDR-Behörden erkannt und dafür gesorgt, daß alle Belegexemplare eingesammelt und weggeschlossen wurden wie ein gefährliches Gift. Selbst sein eigenes Exemplar mußte der Autor dem Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen abliefern. Günter Zehm, zunächst von der Universität Jena entlassen, wurde am 5. Juni 1957 verhaftet und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

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