Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Französisches Allerlei

Die Zuschauer waren gewarnt. Der berühmte Goldschmied Cellini sei immer selbstzufrieden, unverschämt, hochmütig, ein Lästermaul, arbeitsscheu, prahlerisch, impulsiv, wollüstig und skrupellos gewesen, erklärt die Regisseurin Laura Scozzi im Programmheft zur Oper „Benvenuto Cellini“. Sie empfinde eine enorme Abneigung gegen Cellini und wolle eine groteske Karikatur auf die Bühne bringen. Zu sehen ist in Nürnberg dann kein wie auch immer historisch zugerichteter Cellini (1500—1571), kein Renaissance-Künstler und Bildhauer, kein Schöpfer berühmter Skulpturen wie „Perseus und Medusa“, kein Schriftsteller und Musiker, kein Mörder und Knabenschänder. Vielmehr springt die Handlung in unsere Gegenwart (wie sollte es anders sein), genauer gesagt nach Paris: zur Pariser Schickeria, wie die italienische Regisseurin und Choreographin Laura Scozzi betont. Aus dem Goldschmied Cellini wird ein selbstverliebter Popstar in Lederjacke, der seinen Nebenbuhler wegbläst und in einen Kleiderschrank sperrt. Tanzend tauchen immer mehr Kopien des Popstars auf: Sechs Personen, dann acht, gar vierzehn Personen bewegen sich identisch zum Meister, gleicher Haarschnitt, gleiche schwarzweiß karierte Hemden. Das bunte Treiben im römischen Karneval reduziert sich in Nürnberg auf Advokaten, die alle gelbe, schaukelnde Perücken tragen. Etwaige Rivalen werden mit einer Fliegenklatsche niedergestreckt statt mit einem Degen. Und so geht der aufgedonnerte Klamauk fast drei Stunden lang tanzend dem Niveau privater Fernsehstationen entgegen. Auf der Bühne (verantwortlich: Barbara de Limburg) steht fast alles auf Podesten: der Kühlschrank und der Kleiderschrank, ein rosabraunes Nashorn und Kunstwerke aus vielen Epochen, Cellinis Meisterwerke dagegen nicht. Als Fazit bleibt zu notieren: Das Konzept der Regie ist zu eindimensional. Selbst wenn man die Pariser Gesellschaft auf die Schippe nehmen möchte, selbst wenn man im Papst einen Popstar sieht, geht die Rechnung nicht auf: Idole verhalten sich nicht alle gleich. Die Beatles treten in unseren Medien anders auf als der Dalai Lama, die Rolling Stones anders als Papst Johannes Paul II. Zusätzlich ist eine Themaverfehlung zu vermelden, weil die Regie den Konflikt zwischen Kirche und Kunst vernebelt, weil die Inszenierung nicht klärt, warum der Papst einem vielfachen Mörder wie Cellini verzeiht und behauptet: „Männer wie Benvenuto, die einzig in ihrer Kunst sind, haben sich nicht an Gesetze zu binden“. Anders als die Regie bemüht sich der Dirigent um historische Präzision. Guido Johannes Rumstadt will wissen, wie es damals beim Komponisten Berlioz geklungen hat, um 1838. Rumstadt zerbricht sich den Kopf darüber, welche Instrumente damals musizierten, welche Klangfarben Berlioz (1803—1869) anpeilte, als er lyrisch-intime oder bombastische Episoden komponierte. Zwei hervorragende Frauenstimmen geben der Aufführung eine positive Wendung. Die Sopranistin Hrachuhi Bassénz erklimmt als Geliebte Cellinis in Windeseile stimmliche Höhenzüge, Jordanka Milkova brilliert als Lehrling Cellinis. „Benvenuto Cellini“ ist die erste Premiere des neuen Intendanten Peter Theiler. Als Christian Thielemann vor Jahrzehnten mit Pfitzners „Palestrina“ seinen Einstand gab, monierten einige SPD-Stadträte die deutschnationale Ausrichtung des Opernprogramms, und später die überlangen Proben mit dem Orchester (jenseits der offiziellen Pausenregelung). Schlußendlich kassierte Thielemann nach längeren Streitereien ein Hausverbot und eine sechsstellige Abfindung. Welche Überraschung könnte ein französischnationaler Einstieg wohl bringen? Die nächsten Aufführungen in der Nürnberger Oper, Richard-Wagner-Platz 2—10, finden statt am 23. November, 7., 14. und 25. Dezember 2008, 10. und 28. Januar 2009. Kartentelefon: 0180 / 52 31-600 Literaturempfehlung: Leben des Benvenuto Cellini, florentinischen Goldschmieds und Bildhauers, von ihm selbst geschrieben, übersetzt von Johann Wolfgang von Goethe, Insel Taschenbuch, Frankfurt/Main 2004, 558 Seiten, 14 Euro Foto: Cellini (Jean-Francis Monvoisin) und seine Lehrlings-Kopien: In unseren Medien verhalten sich nicht alle Idole gleich

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