Ein Fabeltier seiner Zeit

Im November 1936 kam die deutsche Übersetzung einer Biographie Wilhelms II. heraus, die den rätselhaften Titel „Ein Fabeltier unserer Zeit“ trug. Das Werk „des Briten“ Jacques Daniel Chamier näherte sich 1938 bereits dem 40. Tausend und war damit, neben Jochen Kleppers „Roman des Soldatenkönigs“ („Der Vater“), das erfolgreichste Stück historischer Belletristik auf dem deutschen Buchmarkt. Was vor allem daran lag, daß Chamier, „dessen“ Buch in der englischen Ausgabe höchst despektierlich „Fabulous Monster“ (1934) hieß, den letzten deutschen Kaiser als Sympathieträger konterfeite, ein wenig auch als Kontrastfigur inszenierte zum Führer und Reichskanzler, der seit 1933 anstelle des Hohenzollern die Geschicke Deutschlands bestimmte. J. D. Chamier war das Pseudonym der britischen Generalstochter Barbara Chamier, einer Amateurhistorikerin, die nicht einmal Deutsch sprach. Die Übersetzung ihrer „ritterlichen Apologie“ lag dem exilierten Herrscher in Doorn zur Korrektur vor. Spätestens nach 1945 waren diese Hintergründe bekannt, was weitere Auflagen nicht verhinderte, die letzte 1989, mit einem Vorwort des Kaiserenkels Louis Ferdinand. Im Frühjahr 1938, zu Zeiten schönster Absatzerfolge Chamiers, erblickte John C. G. Röhl das Licht dieser Welt, dem es bestimmt war, mit solchen Glorifizierungen und „Rechtfertigungsbestrebungen“ ein für allemal aufzuräumen. Seit 1978 wühlt sich der inzwischen emeritierte Professor für Neuere europäische Geschichte an der Universität Sussex durch Papierberge, die die deutsche Ministerialbürokratie, vor allem aber eine mit Bienenfleiß Briefe schreibende, Tagebuch führende Epoche hinterlassen hat. 1993 waren die ersten 1.000 Seiten geschafft, die „Jugend des Kaisers“ bis zur Thronbesteigung im Juni 1888 abarbeitend. 2001 reichte der zweite Band mit 1.400 Seiten gerade einmal bis 1900, und einige Kritiker des „führenden Experten für den Kaiser und seine Herrschaft“ (Christopher Clark) begannen zu fürchten, der aktenselige Verfasser könne in irgendeinem dunklen Archiv den ehrenvollsten Historikertod sterben, ohne mit seinem Helden auch nur das Glacis des Ersten Weltkriegs zu betreten. Nun, dank „Gottes Fügung“, blieb uns das erspart, und mit einem wilhelminischen „Es ist erreicht“ ist der dritte Band zu begrüßen, der die gewohnten Proportionen verschiebt und die zweite Lebenshälfte des Monarchen auf „nur“ 1.600 Seiten abmacht. An der These, Wilhelm II. sei das Zentralgestirn seiner Zeit gewesen und eben nicht bloß ein — von der auf „Strukturen“ fixierten „Historischen Sozialwissenschaft“ zum „Schattenkaiser“ (Hans-Ulrich Wehler) degradierter — Kostümständer, hält Röhl nicht nur eisern fest, sondern ihm scheint gerade die von Kriegen und Konflikten geschüttelte Ära zwischen 1900 und 1914 prädestiniert, Belege in Hülle und Fülle zu liefern, um mit Materialmassen Zweifler regelrecht zu ersticken. Um dieser These vom starken Monarchen willen, die kein geringer Rückfall ins Credo „Männer machen Geschichte“ ist, muß Röhl Wilhelm II. zum weltpolitischen Akteur erster Ordnung aufbauen. Deutsche Innenpolitik findet in seiner Darstellung daher kaum noch statt. Mit der „Eulenburg-Affäre“ nebst einigen Hofskandalen um homosexuelle „Schweinereien“ ist für Röhl die Innenpolitik erledigt, deren explosive „Integrationsprobleme“ und „Krisenherde“ doch einst für die Wehler-Schule zum Motor aller außenpolitischen „Abenteuer“ des „ruhelosen Reiches“ wurden. Außen- und das heißt natürlich „weltpolitisch“ will Röhl hingegen ganz großes Kino bieten, um selbst einen Fritz Fischer zu übertrumpfen und den „Griff nach der Weltmacht“ auf die Jahrhundertwende zu datieren, lange vor der „Julikrise“ von 1914. Begeistert referiert er deshalb die kompendiöse Studie Ragn­hild Fiebig-von Hases über die deutsch-amerikanische Handelskonkurrenz in Lateinamerika (1986), über die Suche nach Flottenstützpunkten in der Karibik, über „wahnwitzige“ Kriegsspiele der Marineführung, der US-Navy vor Kuba eine Entscheidungsschlacht aufzunötigen und über „Operationspläne gegen Nordamerika“, die für Röhl Wilhelms frühe globale Ambitionen belegen: „Nicht nur wollten der Kaiser und die Machtelite, die er um sich versammelt hatte, den europäischen Kontinent unter deutscher Vorherrschaft zusammenführen, nicht nur in Afrika, im Orient, in China und im Stillen Ozean strebten sie den Erwerb von Kolonien, Stützpunkten und Einflußsphären, sondern selbst in Zentral- und Südamerika sollte ein deutsches Imperium geschaffen werden, erforderlichenfalls auch um den Preis eines militärischen Konflikts mit den Vereinigten Staaten.“ In solchen Anklagen scheint Röhl die von deutscher „Weltherrschaft“ fabulierende angloamerikanische Propaganda zweier Weltkriege reformulieren zu wollen. Tatsächlich bleibt er diesem Strickmuster treu, ausufernd zitierend, ohne Rücksicht auf die Kondition des Lesers, dem er vom Burenkrieg zu den Marokkokrisen, vom „Panther-Sprung“ zur Haldane-Mission immer wieder einbleut, daß ein manischer Wilhelm II. vierzehn Jahre lang auf die im August 1914 ausgebrochene „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ hingearbeitet habe. Sind die Krisenwochen nach dem Mord in Sarajewo endlich erreicht und nochmals alle diplomatischen Schachzüge zwischen London, Wien, Berlin und Sankt Petersburg rekonstruiert, ist es jedoch nicht der angeblich stets kriegslüsterne Kaiser, dem sein Biograph die „Schuld“ am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuschieben kann, sondern Reichskanzler Bethmann Hollweg und das Auswärtige Amt bekommen den Schwarzen Peter, weil sie die Vermittlungsbemühungen ihres Monarchen hinter seinem Rücken torpediert hätten. Wer glaubt, Wilhelm dürfe daher endlich einmal bei Röhl auf mildernde Umstände hoffen, verkennt die prosekutorische Energie des Briten: mit seinem „kindischen Glauben“ an die Neutralität Englands, diesem „an Wahnsinn grenzenden Realitätsverlust“, trage der Kaiser eben doch die Hauptverantwortung am „Sprung in den Abgrund“, da es keinen „grundlegenden Dissens“ zwischen ihm und seinem Reichskanzler gab. Was folgt, ist die rasch skizzierte Entmachtung des Obersten Kriegsherrn durch die Oberste Heeresleitung, der Thronverlust im November 1918 und die dann wieder in exzessiver Breite dargestellten, uns keine Tagebuchnotiz seines Leibarztes ersparenden Exiljahre, die den „Gärtner von Doorn“ als Verschwörungstheoretiker präsentieren, dessen „Antisemitismus“ bereits die „genozidalen Züge“ der NS-Judenpolitik vorwegnehme. In dieses Altersbild investiert Röhl abermals, was an obsessivem Haß in ihm zur Entladung drängt, den Leser ratlos mit der Frage zurücklassend, warum jemand sein gesamtes Forscherleben opfert, um es einer historischen Gestalt zu widmen, die er im Stil der Northcliff-Presse zum maximal abstoßendsten „Fabulous Monster“ aufbläht. Foto: Kaiser Wilhelm II. in Doorn 1938: Zerrbild gerät ins Wanken John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900—1941, C. H. Beck Verlag, München 2008, gebunden, 1.611 Seiten, Abbildungen, 49,90 Euro

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