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Der Zeitgeist kann ihn nicht erschüttern

Als „umstritten“ zu gelten, dürfte heute eher eine Auszeichnung sein. Sie unterscheidet den Hervorragenden, den Außerordentlichen, den Vorzüglichen, also die Eminenz, von jenen flüchtigen und austauschbaren Gestalten, die sich ducken, anpassen und damit auch dem Durchschnitt unserer Eliten entsprechen. Seine, Kardinal Meisners Eminenz steht für „Furchtlosigkeit und Demut“. Diese Tugenden in Glaubensfragen stets bewiesen zu haben, hat ihm Papst Benedikt XVI. in seiner Geburtstagsgratulation bestätigt. Für diese Tugenden habe Meisner schmerzliche Angriffe, aber auch Respekt erfahren. Er spreche die Sprache der Menschen und teile ihr Leben. Damit ist schon das Wesentliche über Kardinal Meisner gesagt. Und auch schon erklärt, warum der Papst dem obligatorischen Rücktrittsgesuch des Fünfundsiebzigjährigen nicht entsprach, sondern ihn vielmehr bat, sein Amt „bis auf weiteres“ auszuüben. Dem klassischen kirchlichen Amtsverständnis gemäß ist damit ein Dienst gemeint, dem die Tugend der „Demut“, also der Dien-Mut, die Dienstbereitschaft, zukommt. Vielleicht ist es gerade die den Kardinal auszeichnende Dienstbereitschaft gegenüber der Kirche, die ihn zur Zielscheibe „schmerzlicher Angriffe“ werden ließ: Man schoß auf ihn, um die Kirche zu treffen. Angriffsflächen bietet die katholische Kirche in einer hedonistischen, auf individuelle Selbstverwirklichung angelegten Gesellschaft genug. Und wer die „Diktatur des Relativismus“ (Joseph Ratzinger) in dieser Gesellschaft kritisiert, gilt als ihr Feind. Kaum war Meisner zu Beginn des Jahres 1989 als Erzbischof von Köln eingeführt worden, fielen sie über ihn her, die vermeintlich liberalen Medien. Allen voran der WDR und der Spiegel, die sich inzwischen auf ihn eingeschossen haben und ihn sehr vermissen würden, gäbe er nicht mehr die Zielscheibe ab. Immerhin gelang es ihnen, um ihn herum ein Klima des Verdachts, eine Sphäre des Umstrittenheit aufzubauen. Anlässe waren schnell gefunden. Wenn der Zeitgeist mal wieder über die Stränge schlägt, sich in Beliebigkeit und Willkür austobt, sollte wenigstens noch die Kirche klaren Kopf bewahren und vor dem „Fortschritt in den Untergang“ warnen. Jedenfalls zögerte Meisner nicht, in Sachen Abtreibung, „verbrauchende“ Embryonenforschung, Euthanasie und „Homo-Ehe“ die christliche Position, auch die kirchliche Abgrenzung, deutlich zu markieren. Das war und bleibt für ihn eine christliche Gewissenspflicht. Zugleich erwies er sich in diesem Moralengagement als einer der wenigen, die das Erbe des abendländischen Humanismus und der europäischen Aufklärung hochhalten. Dabei liebt er es, Klartext zu reden. Er spricht eben die „Sprache der Menschen“ – also der einfachen, der normalen Leute, die ihn dann auch verstehen. Zu den Intellektuellen mit ihrem elaborierten Code, mit ihren komplexen Sprachspielen, wahrt der promovierte Doktor der Theologie eine gewisse Distanz. Auch gegenüber der akademischen Zunft der Theologie, die es hierzulande weit gebracht hat in der Kunst, sich unverständlich zu machen, besteht Meisner auf der Reduktion einer Komplexität, die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen läßt. Mit dieser Einstellung begibt sich der Kardinal freilich auf ein gefährliches Terrain. Dessen Abgründe hat er gewiß nicht immer vorher „ausgelotet“. Wer die möglichen Wirkungen seiner Wortwahl ängstlich kalkuliert, kommt nie zu einer klaren Aussage und flüchtet sich in wolkige oder schwammige Formulierungen. Nicht so Meisner. Im September 2007 erklärte er bei einer Ansprache zur Eröffnung des Neubaus des Erzbischöflichen Diözesanmuseums: „Vergessen wir nicht, daß es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.“ Der Terminus „entartet“ wurde prompt von den Anhängern der Political Correctness beanstandet, die den mißbräuchlichen Wortgebrauch der Nationalsozialisten für bare Münze halten. Medien, Parteien und auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken erhoben Protest. Obwohl der Kardinal gar nicht von „entarteter Kunst“ im Sinne der Nationalsozialisten gesprochen hatte, nannten ihn der Tagesanzeiger und der Zentralrat der Juden einen „notorischen geistigen Brandstifter“. Dafür müßten sie sich bei dem jüdischen Wortmetaphysiker Karl Kraus entschuldigen, der oft von „entartet“ sprach. Und überdies: Sind die Soziologen und Theologen, die heute gern wieder vom „Lebensraum“ reden, geheime Nazis? Nun gut. Viele Journalisten, die den Ton ihrer Zeit angeben, haben trotzdem ein Interesse, für ein Kontrastprogramm zu sorgen. Bestimmte Massenmedien brauchen so etwas wie einen Buhmann, ein Schreckgespenst, das aus dem „finsteren“ Mittelalter auftaucht – ohne zu ahnen, daß sie es inzwischen selber sind, die die Inquisition getreu abbilden und entsprechende Pranger und Folterwerkzeuge bereitstellen. Wenn Meisner nicht wäre, wer käme sonst noch in Frage, dem deutschen Katholizismus eine deutliche Stimme – und dem öffentlichen Aufregungsbedürfnis kräftiges Futter – zu geben? Meisners Stimme erklingt im schlesischen Tonfall, und die Mentalität seiner Herkunft begleitet ihn ein Leben lang. Joachim Kardinal Meisner wurde am ersten Weihnachtstag des Jahres 1933 in Breslau geboren. Als Kind hat er die totalitäre und antichristliche Ausrichtung des NS-Regimes zu spüren bekommen. Trotz allem erlebte er in Schlesien das, was ihm bis heute besonders wertvoll erscheint: die Volksfrömmigkeit. Nach dem Zusammenbruch von 1945 wurde er mitsamt seiner Familie aus Schlesien vertrieben und siedelte sich in Thüringen an. Auch dort hatte sich – besonders im Eichsfeld – eine starke katholische Volksfrömmigkeit erhalten, die sogar die vierzigjährige DDR-Diktatur überlebte. Zunächst absolvierte er eine nützliche Lehre als Bankkaufmann. Schon früh spürte er seine priesterliche Berufung. Dem nachgeholten Abitur folgte ein Studium der Philosophie und Theologie in Erfurt. 1962 wurde er zum Priester geweiht. Als Kaplan wirkte er in Heiligenstadt und Erfurt, 1975 wurde er Weihbischof in Erfurt. 1980 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Berlin, damals wohl das kirchenpolitisch schwierigste Bistum in Deutschland. Der vormalige Krakauer Erzbischof Karol Wojtyła hatte Meisner als mitreißenden Prediger und einfühlsamen Seelsorger „entdeckt“ und nahm den Berliner Bischof 1983 in das Kardinalskollegium auf. Johannes Paul II., der ganz erheblich zur Beendigung des Sowjetkommunismus und damit zur Befreiung der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung beitrug, hatte sich wohl eine positive Signalwirkung erwartet, als er seinen Freund am 20. Dezember 1988 zum Erzbischof von Köln ernannte. Diese Erwartung wurde freilich durch bestimmte politische Interessen (Meisner galt als DDR-Kritiker, also hinderlich für die „Entspannung“) und durch einige „Kölner Wirren“ getrübt. Letztere sind bin heute noch nicht ganz aufgeklärt. Neben den kirchenjuristisch verworrenen Verhältnissen des Wahlmodus des Kölner Domkapitels, das schließlich doch Meisner wählte, war es vor allem eine gewisse kölnisch-rheinische Mentalität, die dem neuen Erzbischof mit Skepsis begegnete. Der Neue kam nicht aus Köln, sondern galt als „Pimock“, der als „Immi“ nicht einmal „Blootworsch“ (statt „Blutwurst“) sagen konnte. Solche Verunsicherungen haben sich inzwischen gelegt. Man beginnt in Meisner einen Mann zu schätzen, der – gefeit vor den Versuchungen des linken und rechten Totalitarismus – klar zu sagen versteht, was katholisch ist. Der zu fragen wagt, was das „C“ in der CDU bedeutet. Und wie es in der Türkei mit der Religionsfreiheit steht. Er ist jedenfalls kein Hirte, der mit den Wölfen heult.   Prof. Dr. Wolfgang Ockenfels, Jahrgang 1947, ist Dominikanerpater und Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Theologischen Fakultät der Universität Trier sowie Chefredakteur der Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ in Bonn. Foto: Joachim Kardinal Meisner: Mit Vorliebe redet er Klartext

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