Daumen drücken

Eine im Zwielicht kaum erkennbare Gestalt tanzt schwer atmend um einen Sandsack. Die Handfilmkamera geht immer näher heran, der schwitzende Boxer dreht sich ihr zu, bearbeitet zäh und entschlossen die Luft mit seinen Fäusten. So beginnt „Comeback“, Maximilian Plettaus präzise strukturiertes Dokumentardebüt im Stil des Cinéma vérité. Mit derselben zähen Entschlossenheit begleitet Jungregisseur Plettau Jürgen „The Rock“ Hartenstein Schritt für Schritt auf dessen Reise von einer spartanischen Dachwohnung in München über einen Kurzaufenthalt in einer verfallenen New Yorker Billigabsteige namens „American Dreams“ bis zum Schicksalsmatch in Philadelphia, der Stadt der Bruderliebe. Als Neunzehnjähriger hatte Hartenstein bereits zwei deutsche Amateur-Titel in der Tasche. 1998 wurde er nach 25 Kämpfen für die Nationalmannschaft deutscher Meister im Supermittelgewicht. Doch danach ging es abwärts, und 2004 stand der Ex-Champion ohne Sponsoren und Manager da. Plettaus Abschlußfilm für die Filmhochschule München zeigt den inzwischen 35jährigen Boxer als Türsteher einer Disko. Seit zwei Jahren hat der „Rock“ keinen Boxkampf mehr bestritten. Er lebt in geradezu mönchischer Enthaltsamkeit, trinkt keinen Alkohol und beschränkt sein Privatleben auf Besuche bei seiner an den Rollstuhl gefesselten Großmutter. Unter der wachsamen Obhut seines Trainers Markus Kone bereitet er sich mit einem strengen Fitneß-Regime in den Münchner Straßen und Parks und wöchentlichen Anrufen bei einem Boxveranstalter im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf sein großes Comeback vor. Als nach einem Jahr endlich der ersehnte Rückruf kommt, kann man als Zuschauer kaum umhin, mitzufiebern und Hartenstein alle verfügbaren Daumen zu drücken, daß er es tatsächlich noch einmal packt. Der hier aufgezogene Spannungsbogen ist natürlich nicht neu, sondern unzähligen Hollywood-Produktionen abgeschaut. Mehr als einmal zitiert Plettau das berühmteste aller „Außenseiter macht seinen Traum im Ring wahr“-Dramen, wenn er etwa seinen Helden die berühmten 72 Stufen vor dem Kunstmuseum in Philadelphia hochlaufen läßt oder eine alte Dame die „Rocky“-Erkennungsmelodie pfeift, als dieser im Park an ihr vorbeihechelt. Doch diese trist-realistische Doku voller Hoffnung und Verzweiflung geht stärker unter die Haut als jeder Spielfilm. Kritisch wäre höchstens anzumerken, daß bei einer Spielzeit von 79 Minuten die erzählerische Kohärenz zu kurz kommt und man sich doch die eine oder andere Hintergrundinformation gewünscht hätte.

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