Joachim Kuhs

 

Das Geheimnis der Spuren

Günter Zehm, hat Harald Seubert einmal sinngemäß angemerkt, schreibt über aktuelle Ereignisse, als seien sie vor zehntausend Jahren passiert, und er schreibt über Ereignisse, die vor zehntausend und mehr Jahren passiert sind, als würden sie heute passieren. Es sei typisch für Zehms Denken, daß er „das älteste Alte und das neueste Neue mit Esprit aufeinander beziehen kann, so wie es schon sein Lehrer Ernst Bloch vermochte“, schrieb Seubert unlängst in dieser Zeitung (JF 28/08).

Das trifft zweifellos eine wesentliche Komponente im jahrzehntelangen publizistischen Schaffen Zehms. Der Stil des am 12. Oktober 1933 in der sächsischen Textilarbeiterstadt Crimmitschau im Landkreis Zwickau geborenen Philosophen und Publizisten ist zeitlos und modern zugleich. Mit höchster Sensibilität reagiert er auf aktuelle Regungen der Sprache, auf neuartige Formen und strukturelle Veränderungen, aber er übernimmt diese Formen und Strukturen nicht einfach. Er bettet sie vielmehr planvoll und gefühlssicher in den ewigen Strom der Sprache ein. So entsteht ein Agglomerat aus Zeitgenossenschaft und Distanz, das fasziniert und selbst eingefleischte Zehm-Gegner insgeheim den Hut ziehen läßt.

Gegner hat Zehm durchaus einige. Der Mann irritiert, weil er schwer einzuordnen ist, und er erzürnt alle möglichen Platzhalter in Politik, Kultur und Medien, weil er sich jedem Schlagwort verweigert und zur Beförderung von Herdenbildung gänzlich ungeeignet ist. Er steht unveränderbar für einen freien, ungegängelten Diskurs auf höchstem Niveau, und er ist dabei „radikal“ im genauen Sinne des Wortes, möchte stets die Wurzeln einer Sache freilegen, ihre organischen Tendenzen, Latenzen und Möglichkeiten.

Sein Kampfname im publizistischen Alltagsgeschäft, „Pankraz“, ist wohlüberlegt und durchaus als Programm gemeint. „Pankraz“ ist griechisch und heißt Alleskönner, nicht in dem Sinne, daß er sich anmaßt, alles zu können, aber in dem, daß er sich für alles Interessante und Wichtige auch wirklich interessiert, es ernsthaft bedenkt und haltbar in Sprache zu fassen versucht.

Zehm selbst, seit 1963 Feuilleton-Redakteur der Tageszeitung Die Welt, hat in seiner allerersten Pankraz-Kolumne, erschienen ebenda vor über dreißig Jahren, im Juni 1975, zudem auf die literarische Namensvetternschaft zu Pankraz dem Schmoller verwiesen. Wie diese Gestalt aus Gottfried Kellers Novelle über die Leute von Seldwyla ist auch der Kolumnen-Pankraz „von einem unvertilgbaren Groll und Weh erfüllt“, am Ende jedoch, nach einem Läuterungsprozeß, überwindet er das düstere Schmollwesen.

Pankraz löste damals die ihrerseits legendäre Caliban-Kolumne des verstorbenen Willy Haas ab, für den Zehm auch den Nachruf verfaßte, wobei er sich vermutlich nicht träumen ließ, daß seine Pankraz-Kolumne einmal in Langlebigkeit und Bedeutung die Kolumne des Mitbegründers der Literarischen Welt bei weitem übertrumpfen würde. Tatsächlich erscheint Pankraz inzwischen im fünfunddreißigsten Jahr, nach Zehms Ausscheiden bei Springer zunächst vier Jahre lang im Rheinischen Merkur und seit 1995 in der JUNGEN FREIHEIT.

Pankraz ist Generalist und Konkretdenker in einem. Er möchte das Dauernde im Fluß der Dinge durchaus erfassen, doch er sucht es nicht in abstrakten Allgemeinheiten, nicht in Generalsprüchen oder wesenlosen Formeln, sondern widmet sich mit äußerster Hingabe den konkreten Einzelheiten und Augenblicken. Er ist Lebensphilosoph im Sinne seiner Lehrer Ernst Bloch, Georg Simmel und Friedrich Nietzsche. „Was wir erkennen und sprachlich erscheinen lassen“, sagt er, „sind Spuren. Diese sind da, und niemand kann sie wegdiskutieren, aber sie bergen ein Geheimnis, das wir immer nur umkreisen und von ferne respektvoll anleuchten können.“

Im Zeichen energischer und respektvoller Spurensuche vereinigen sich mühelos die verschiedenen, nur scheinbar divergierenden Schaffensbereiche Zehms: seine Tätigkeit als Philosoph und Schriftsteller, als Universitätsdozent sowie als Journalist und kulturpolitischer Kolumnist. Seinen Büchern liegen meist seine Jenaer Vorlesungen zugrunde, wo die philosophischen Exkurse in lebendiger Auseinandersetzung mit Studenten und Kollegen erprobt und erhärtet wurden. Und in seinen Pankraz-Kolumnen spiegeln sich die Bücher vielfach, wie auch umgekehrt die Bücher die aktuell in den Kolumnen erörterten Situationen widerspiegeln.

Zehm ist ein entschieden politischer Kopf. Zwar zog es ihn nie selbst in die Politik, schon gar nicht an ihre Fleischtöpfe, aber sein Interesse an ihr war immer präsent und von Leidenschaft beflügelt. „Die Politik ist das Schicksal“, hat Napoleon gesagt, und Zehm stimmt dem insofern zu, als menschliches Leben seiner Auffassung nach allein in der „Polis“, einer überschaubaren, von Zeit und Ort und Tradition zusammengeschweißten, wohlorganisierten und sich um Transzendenz bemühenden Gemeinschaft seine Erfüllung finden kann.

Allein in der Polis, so Zehm, können Kunst und Wissenschaft Mutterboden finden und zu höchster Blüte gedeihen, allein in der Polis vermag der Mensch, Natur und Kultur dauerhaft zur Synthese zu bringen und sich seiner eigenen Gotteskindschaft bewußt zu werden. Politische Herrschaft, die ihren Namen verdient,  ist nie und nimmer bloßes Privileg zur Gewaltausübung, sie ist stets und in erster Linie Herstellung des rechten wie gottgefälligen Lebensmaßes, eine existentielle Notwendigkeit.

Die Qualität des jeweiligen politischen Personals gibt, wie schon Platon wußte, verläßlich darüber Auskunft, wie gut oder schlecht es mit einem Gemeinwesen bestellt ist. Das wurde schon dem ganz jungen Zehm klargemacht, als er — als von Krieg und Nachkrieg tief geprägter Student — in der Frühzeit der DDR am dort herrschenden SED-Personal herumzumäkeln begann und dafür gleich mit vier Jahren Zuchthaus bestraft wurde (siehe auch den Beitrag auf Seite 13). Polis und politisches Personal, so lernte er, passen selten zusammen. Und die vornehmste Aufgabe eines Philosophen und Publizisten muß es sein, diesen Widerspruch zu verbalisieren und auf Verbesserung zu sinnen.

Zehm ist freilich alles andere als ein Revolutionär, der die Welt nach Generalplan von Grund auf „kurieren“ will, im Gegenteil. Alles rein Ausgedachte, frech die Tradition Verhöhnende ist ihm zuwider. Seiner Entschlossenheit, sich — wie er gern sagt — „nichts gefallen zu lassen“, korrespondiert eine große Hochachtung vor oft geprüften und bewährten Lebensformen und Institutionen, heißen sie Vaterland, Volkskultur oder Ehrfurcht gebietendes Lehrgebäude. Viele der Zehmschen Kolumnen dienen ausdrücklich der Verteidigung und Reinhaltung positiver Traditionen.

Parallel dazu entfaltet sich die scharfsinnige und wortgewaltige Pankraz-Kritik an momentanen Zuständen und herrschenden Formationen in Politik und Kultur, und diese Kritik trifft zur Genugtuung seiner Leser fast immer ins Schwarze. Im Hinblick auf die gegenwärtige Weltlage und auf die Lage im eigenen Lande ist Pankraz eher „Gnostiker“, das heißt, er hegt den Verdacht, daß die meisten der herrschenden Kräfte bewußt oder unbewußt das Gegenteil von dem tun, was eigentlich getan werden müßte, oder daß sie in Arroganz und Ignoranz verharren, so daß sie gar nicht mehr in der Lage sind, die Dinge zum Besseren zu wenden.

In seinem 2007 erschienenen Buch „Maske und Mimesis. Eine kleine Philosophie der Medien“ (Edition Antaios) spricht Zehm vom „politisch-medialen Komplex“, der das moderne Leben überziehe, und zwar mit unheilvollen Dauerfolgen. Raffinierteste neue Informationstechnik verbinde sich mit brutaler Massenideologie, die in den Kanälen keine Meinung außer der eigenen mehr zulasse. Das führe zu einer für jeden guten Geschmack höchst unzuträglichen Melange aus plattester Unterhaltung (recte: Zeittotschlagen) und jämmerlichem politischen Konformismus, „Political Correctness“ genannt. Die nächsten, vielleicht sogar die mittelfristigen Aussichten für die Polis seien also ziemlich trübe.

Gottlob bedeutet eine derartige Prognose nicht, daß Pankraz in Melancholie verfallen oder zum bloßen „Kulturkritiker“ geworden wäre, der schon von Berufs wegen alles schlecht finden muß. Für eine solche Position eignet sich Zehm nun wahrhaftig am allerwenigsten. Er hält das Leben nach wie vor für außerordentlich interessant, farbenprächtig und lehrreich; kein Blick auf aktuelle Politik kann ihn darin irremachen, aller Liebe zur Polis zum Trotz.

Und er wird es weiterhin nicht lassen können, von seinen vielen Entdeckungen, Erkenntnissen und Ansichten Kunde zu geben, in einer Sprache, die — nach einem Lieblingswort von ihm — „standhält“. Zehms für Ende dieses Jahres angekündigtes neues Buch soll ausdrücklich dem Standhalten in schwierigen Zeiten gewidmet sein. Man darf sich darauf freuen.

Bereits zu Günter Zehms 70. Geburtstag vor fünf Jahren ist in der Edition JF die Festschrift „Über den Tag hinaus“ erschienen, in der zahlreiche bis heute gültige Beiträge über den Jubilar versammelt sind. Ebenfalls noch lieferbar ist der Band mit den von Zehm selbst ausgewählten über sechzig Pankraz-Lieblingskolumnen aus den letzten Jahren.

Foto: Günter Zehm (Pankraz): Das Dauernde im Fluß der Dinge

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