Auslese

Mit großen Getöse hat die Nachrichtenagentur dpa nun die Ergebnisse einer Studie enthüllt, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) angeblich unter Verschluß halten wollte: Obwohl die Zahl der Schulabgänger mit Hochschulreife zwischen 2003 und 2006 um 17 Prozent gestiegen ist, sank jene der Studienanfänger im gleichen Zeitraum um fünf Prozent. Für diese Entwicklung wird die Einführung von Studiengebühren in einer Reihe von Bundesländern verantwortlich gemacht. Während sich Abiturienten aus wohlhabenderen, womöglich gar bereits akademisch geprägten Kreisen dadurch nicht von einem Hochschulbesuch abhalten ließen, schreckten solche aus bildungsfernen und auch finanziell bescheideneren Verhältnissen jedoch vor den Kosten und dem Risiko einer erheblichen Verschuldung schon in jungen Jahren zurück. Die Geheimniskrämerei, die um diese Studie betrieben worden sein soll, ist nicht nachvollziehbar, da ihre Aussagen niemanden überraschen können, der ein klein wenig von Marktwirtschaft versteht: Wenn der Preis eines Gutes oder einer Dienstleistung steigt, sinkt — sofern es sich nicht um etwas unbedingt Lebensnotwendiges handelt — die Nachfrage. Dies gilt für ein Hochschulstudium, auf das man ja auch gut und gerne verzichten kann, genauso wie für Milchprodukte oder Urlaubsreisen. Auch der Selektionseffekt, den Studiengebühren nach sich ziehen, ist alles andere als unvorhersehbar: Wer von Hause aus gut gestellt ist, kann den Obolus an seine Hochschule leichter verschmerzen und wird ihn als eine zwar lästige, gleichwohl aber sinnvolle Investition betrachten. Wer aus der Unterschicht stammt, muß hier Zurückhaltung üben, da er finanziell weniger leistungsfähig ist und dies in Ermangelung eines relevanten Erbes auch sein Leben lang bleiben wird. Diese Auslese, die Studiengebühren bewirken, könnte beklagt werden, wenn Bildung wirklich die wesentliche Voraussetzung für den beruflichen Erfolg und die soziale Stellung wäre. Tatsächlich führt die moderne Eliteforschung jedoch den Nachweis, daß der Habitus, den das Elternhaus prägt, und das Beziehungsgeflecht, das es bereitstellt, ausschlaggebend sind. So betrachtet, erziehen Studiengebühren sozial schwache Abiturienten zu einer realistischen Einschätzung ihrer Perspektiven: Allzu großen Hoffnungen, es durch akademische Bildung allein zu etwas zu bringen, dürfen sich die meisten von ihnen nicht hingeben. Für die anderen Voraussetzungen, die ihnen fehlen, kann man aber die Hochschulpolitiker nicht verantwortlich machen.

Ahriman Verlag
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles