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Ausgeziertes

Um Franz Schuberts drei großen Liederzyklen kommt ein Liedsänger, der auf sich hält, in seinem Sängerleben nicht herum. Sie entgehen keinem! Die Existenz vieler unabhängiger Plattenfirmen macht es ihm möglich, wenn er sich berufen fühlt, die großen ihn aber nicht rufen, seine Interpretation für eine der kleineren einzusingen. Gut sechzehn Jahre nach seiner ersten Aufnahme legt Christoph Prégardien „Die schöne Müllerin“ noch einmal vor, diesmal mit Auszierungen, die sich an der Diabelli-Ausgabe von 1830 orientieren, deren Gesangsstimme Johann Michael Vogl, der erste Sänger des Zyklus, eingerichtet hat. (Challenge Records CC 72292) Will ein Sänger die vom Komponisten ausgeschriebenen Verzierungen befolgen, so sollte er sich an denen des ersten Interpreten orientieren, darf sie jedoch seinem Empfinden nach neu erfinden. Peter Schreiers Aufnahme des Zyklus, seine vierte, für die er vor 27 Jahren erstmals wieder auf Vogls Auszierungen zurückgegriffen hatte, rühmte der Musikkritiker Jürgen Kesting  als „eine grandiose Leistung, eine Demonstration sängerischen Ausdrucks- und Kompositionswillens — und eine technische Stilübung ersten Ranges dazu“. Gleiches läßt sich von Prégardiens Interpretation nicht sagen. Prégardien setzt Verzierungen äußerst skrupulös und unauffällig — das als Lob. Er setzt sie als Ornament, nicht inhaltlich — das als Tadel. Nun haben Auszierungen ja nicht den Sinn, Langweiliges kurzweilig zu gestalten, sie sind vielmehr Mittel zum Ausdruck. Peter Schreier nutzte sie, um Schuberts Reise nach innen noch feiner zu nuancieren. Ian Bostridge, dessen furiose Version von 2003, mit Mitsuko Uchida am Flügel, alles Biedermeierliche abräumte und mit der Selbstentäußerung eines Musikers des franziseischen Zeitalters tödlich Ernst machte, kam ohne sie aus. Mag Prégardien sich auch für keine der Richtungen entscheiden, deren Extreme wohl die Interpretationen Schreiers und Bostridges bezeichnen dürften, so neigt er doch merklich der gemütvoll-innerlichen zu. Sein Einsatz der Voix Mixte ist immer bestechend, wenngleich viele Töne überhell und einige Spitzentöne kernlos klingen („Am Feierabend“). Seine Stimme wirkt unstet, auch flackrig, in schnelleren Passagen kurzatmig und nicht immer intonationssicher („Das Wandern“, „Mein!“). Hervorgehobene Noten schiebt Prégardien von unten und mit leichten Aspirierungen an, etwa die ach so schweren „Sthhhoine“, das „hhhöwig“ der Müllerin bleibende Herz oder die „Hhheber“, die anstatt der Müllerin zu schießen der Müllerbursche dem Jägerhelden nahelegt. Weil er sie nicht aus dem Innersten der Lieder entwickeln kann, muß der lyrische Tenor Dramatik mit äußerlichen Mitteln fingieren. Weil er die Lieder lediglich als Rollenlieder nimmt, den Zyklus lediglich als bloße Reihung, bleiben seine Auszierungen geschmäcklerisch. Aber in dem langsamen zweiten Teil von „Der Neugierige“ oder in „Tränenregen“, wenn  er die Stimme fast ohne Vibrato sanft ausströmen läßt, wenn er spannungsvolle Bögen hält oder wenn der Begleiter Michael Gees in „Mein!“ die eben noch gebändigte Klavierstimme im Nachspiel auf einmal frei fluten und alle Liebeshindernisse fortreißen läßt, dann hat beider kalkulierte Natürlichkeit fast Schreiersches Format, ohne hier freilich ganz zu einer zweiten Natur zu werden. Solch erfüllte Momente machen ärgerlich bewußt, wie sehr der Sänger unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Christoph Prégardien führt Schuberts Zyklus auf das Liederspiel und dorthin zurück, von wo es seinen Ausgang genommen hatte, heim in die Donnerstagsrunde bei Staegemanns in Berlin, Jägerstraße. Die Aufnahme ist redlich, ragt aus der Menge nicht heraus, kommt für die Stimme spät und ist nun einmal da.

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