Waffenstillstand

Gute Aussichten für die Weihnachtsfeiertage. Wie die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Düsseldorf mitteilt, ist das Risiko, in dieser Zeit einen Herzinfarkt zu erleiden, deutlich geringer als sonst. Man spricht sogar – nach sorgfältiger Auswertung sämtlicher statistischen Daten von fast vierhundert Herzkliniken mit mehr als 36.000 Patienten – von einer "sensationellen Verminderung des Infarktrisikos". Ab dem 23. Dezember sinkt die Infarkthäufigkeit um satte zehn Prozent gegenüber dem Jahresdurchschnitt.

Warum das so ist, darüber können die Kardiologen keine Auskunft geben. "Wir stehen wissenschaftlich vorläufig vor einem Rätsel", heißt es in der Mitteilung. Der Nichtmediziner aber macht sich inzwischen seine Gedanken. Könnte es nicht daran liegen, daß die Uhren zwischen Weihnachten und Neujahr irgendwie gemächlicher ticken? Daß der allgemeine Erregungspegel allerorten sinkt und die Menschen freundlicher und versöhnlicher miteinander umgehen?

Das Herz ist ja nicht nur ein Riesenmuskel, der den Blutkreislauf in Gang hält, sondern nach uralter Überzeugung auch Sitz des Gemüts und des Gefühls (im Unterschied zum Verstand im Gehirn). Zumindest ein bißchen von dieser Überzeugung stimmt gewiß, so daß, wenn das Gemüt sich beruhigt und erheitert, auch der Rhythmus des Herzens sich verstetigen mag und die Blutgefäße sich weiten mögen.

Man braucht also, um Erklärungen zu finden, gar nicht in die große Theologenkiste zu greifen, wo natürlich noch ganz andere Perspektiven bereitliegen, etwa der Hinweis auf die Ankunft des Heilands, der alle Herzen von Grund auf gesund werden läßt. Selbst in der nüchternen Sprache der Kardiologen-Mitteilung ist von einem "Herzensgeschenk vom Christkind" die Rede. Wer daran glaubt, wird seiner Gesundheit gewiß nicht schaden. Aber das Schöne an den jüngsten kardiologischen Erkenntnissen ist wohl, daß sie für alle und jeden gelten, für Gläubige wie für Ungläubige, für Gerechte wie für Ungerechte. Zwischen Weihnachten und Neujahr herrscht Waffenstillstand, und wenigstens die Natur scheint sich daran zu halten.

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