Liberale Donquichotterie

Als Philosoph, Jurist, Soziologe vertritt Felix Ekardt Disziplinen, welche die Realität oft mißachten. Es erstaunt nicht, daß der 1972 geborene Ekardt, Juniorprofessor für Öffentliches Recht an der Universität Bremen, wie er selbst schreibt, „empiriefrei“ argumentiert. Benötigt der Westen ausgedünnte Sozialsysteme? Diese Frage sei falsch gestellt, weil Nationalstaaten in der globalisierten Politik immer weniger entscheiden. Im Grunde brauche niemand zu regieren; statt dessen seien „universalistische“ Prinzipien wie Freiheit und Menschenwürde anzuerkennen. Jeder verwirkliche dann sein individuell „gutes Leben“. Am ehesten garantiere die Marktwirtschaft freiheitliche Strukturen. Volle Chancengleichheit gefährde liberale Grundsätze; der Staat habe den Einzelnen zu schützen. Ekardt propagiert ein fast anarchistisches Modell, das darin gipfelt, Kapitalismus und Freiheit gleichzusetzen. Dennoch möchte er Geld als oberste Maxime nicht akzeptieren. Banken und Trusts gehören zur Demokratie; es zählen richtige Werte. „Gerechtigkeit“ identifiziert Ekardt mit „universaler Vernunft, Menschenwürde, Unparteilichkeit“, die der rationale Diskurs fixiere. In diesem Gedankenkosmos des rundumversorgten Staatsdieners gehört dann auch die beruhigende Feststellung, daß „Freiheit von ökonomischen Sachzwängen schleichend zerstört“ werde. Dieser bizarre Idealismus stolpert über politische und ökonomische Hindernisse. Der Autor repräsentiert die Doktrin des Liberalismus und verkennt ihren europäischen Charakter. Da „Gottes Existenz“ nicht bewiesen und der „göttliche Wille“ unbekannt sei, müsse der plausible „Grund“ die Offenbarung ersetzen. Eben darin sehen Moslems radikale Gotteslästerung. Die Aufklärung entspricht westlicher Denkweise. Religiös wurzelt Europa in dem Glauben, daß es gelingen könne, Gott verstandesmäßig zu begreifen. Natürlich sei in diesem Kontext auch jegliche „Leitkultur“ abzulehnen; sie normiere ein „gutes Leben“. Auch hier irrt er fundamental; europäische Kulturen oktroyieren solche Vorschriften gerade nicht. Ekardts „empiriefrei“ deduzierte Thesen stranden im Nirgendwo. Felix Ekardt: Wird Demokratie ungerecht? Politik in Zeiten der Globalisierung. Verlag C.H. Beck, München 2007, broschiert, 214 Seiten, 11, 95 Euro

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