Joachim Kuhs

 

Die Hausfrau als Revolutionärin

Wie soll ich das verstehen“, fragte die sehr junge Frau mit dem Kleinkind auf dem Schoß, „Sie sind beim Arbeitsamt gar nicht gemeldet? Ja, kann man sich dem denn einfach entziehen – ich meine, ist das legal?“ Wir waren im Wartezimmer des Kinderarztes ins Gespräch gekommen. Die Tochter stand kurz vor dem zweiten Geburtstag, die Mutter wollte nun ihre unterbrochene Ausbildung wieder aufnehmen. Sie und ihr Mann seien aus Ostsachsen hierher – Sachsen-Anhalt – gezogen, hätten eine alte Mühle gekauft, mit Gemüsegarten, Federvieh und Ziegen: Arbeit zuhauf, aber durch und durch erfüllend. Natürlich wolle sie gern noch weitere Kinder. Zwei mindestens! Aber die Vorstellung, wie man das „arbeitstechnisch“ hinkriege, falle ihr schwer. Gerade mit dem neuen Elterngeld, wo man doch bereits nach einem Jahr wieder „ran“ müsse. Der „Lebensentwurf Hausfrau“ war ihr völlig neu. „Das klingt ja wahnsinnig alternativ! Wenn das so einfach geht, sich abmelden vom Arbeitsmarkt – muß ich unbedingt mal drüber nachdenken.“ Jene Arztpraxis übrigens liegt in Merseburg: hier haben die Krippen von fünf Uhr morgens bis acht am Abend geöffnet. Die Hausfrau in der Rolle der Revolutionärin: soviel zum Stand der Krippendebatte in Mitteldeutschland. Öffentlich sichtbar geworden ist hier zudem folgendes: Ein reiches Krippenangebot steht einer selbst für bundesdeutsche Verhältnisse eklatanten Gebärscheu gegenüber. Daneben sehen wir gerade in den neuen Ländern einen haarsträubenden Mangel jeglicher erzieherischer oder auch nur pflegerischer Ambitionen: Die durch die Schlagzeilen gepeitschten Skandalfälle von Verwahrlosung und Mißhandlung stellen ja nur das eisigste Tief einer umfassenden Kältezone dar. Gelegentlich hören wir die gegenteilige Beteuerungen: alte DDR-Größen, aktuelle Ost-Stars wie Andrea Kiewel oder jene Leserbriefschreiber, die beteuern, selbst die berüchtigte Wochenkrippe habe ihnen nicht geschadet. Ein Kind gehöre nun mal unter Kinder, wie die Frau eben „auf Arbeit“ gehöre. Die meisten Stellungnahmen zur staatlichen Kollektivverwahrung aber sind Äußerungen des deutschen Westens. Sie allein sind mannigfaltig genug: Es gibt ähnlich viele kinderlose Krippenbefürworter wie Krippengegner (beispielsweise kirchlicherseits), es gibt Krippenfans mit Kindern (angefangen bei der Familienministerin) und krippenkritische Eltern, die ihre Kleinkinder nie in staatliche Obhut gegeben hätten. Und nun ich: Krippenskeptikerin. Dennoch überantworte ich meine Kinder allmorgendlich einer Institution, wo Plastespielhäuser, elektronischer Tingelkram und Resopal-Tische dominieren und deren – im übrigen herzensgute – Angestellte bei der mittäglichen Kinderabholung mal treuherzig vermerken, der Kleine habe „eingekackt“. Der Erzieherschlüssel unserer „Kita“ ist für deutsche Verhältnisse günstig: Eine Pädagogin kommt auf acht Kinder. Darunter: Kleinstkinder mit mehrstündigem täglichem Fernsehkonsum, Zweijährige, die noch keine Drei-Wort-Sätze bilden, zwei ausgewiesen hyperaktive Jungs, ein blindes Mädchen und zahlreiche Wickelkinder. Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wieviel Zeit dabei bleibt für individuelles Eingehen auf die Bedürfnisse einzelner Kinder. Als junge westdeutsche Mutter war „Krippe“ für mich ein Unwort; hartherzige, zumindest oberflächliche, materialistisch orientierte Typen diejenigen, die dem beruflichen Fortkommen und der – meist ja zusätzlichen – Kohle den Vorzug gaben vor den bedeutsamen, prägenden ersten Jahren mit einem Kleinkind. Wer wüßte (im Ideal- und weitgehend auch Normalfall) besser, was dem eigenen Kind guttut, welche Nahrung, welches Spielzeug es gedeihen läßt, mit welchen Werten es aufwachsen soll? Sozialisiert wird schließlich nicht erst ab dem Alter von vier. Bindungs- und Hirnforschung bestätigen hier nur, was intuitiv einleuchtet. Wahr ist freilich auch das andere: Die ausschließlich mit Kleinkindbelangen und ein wenig Haushalt beschäftigte Mutter ist historisch eine recht neue Erscheinung. Kindespflege und -erziehung übernahmen seit je auch andere als die leiblichen Eltern, das Kind (in der Einzahl da noch eine Seltenheit) wuchs auf in großfamiliären Zusammenhängen oder einer dörflichen Gemeinschaft. Das waren keine Betreuungsinseln mit Tagesprogramm und wöchentlichem Kinderplenum. Es war das Leben, und „Wahlfreiheit“ war ein Privileg der Eliten. Durch den Umzug in die Neuen Länder und die blühende Krippenlandschaft fielen für mich die mithelfenden Großeltern weg, es gab ein renovierungsbedürftiges Haus und einen noch immer wachsenden Haushalt. Sechs Jahre Alltag mit mittlerweile drei Kindern lagen hinter mir, mein als Selbstverpflichtung empfundenes Soll an Türmchenbau und Kinderkaufladenbesuchen – wohlgemerkt, stets mit einem auf den Rücken gebundenen Säugling – war erschöpft. Darum wurde das dritte Kind mit anderthalb Jahren der Obhut der Krippe überantwortet, vier Stunden täglich. Das vierte und fünfte folgten im Alter von vierzehn Monaten vormittäglich zu den „Tanten“. Sie werden das gut überleben. Profitieren werden sie – dem ambitioniert eingerichteten „Meditationsraum“ und dem Kita-Gemüsegarten zum Trotz – davon sicher nicht. Und sei dies nur ein subjektives Empfinden: etwa, weil unsere Erziehungsideale von den Maßgaben staatlicher Pädagogik eben abweichen, weil wir unsere Ideen von Welterfahrung und mitmenschlichem Umgang, von ästhetischem Empfinden, unsere Wortwahl, unsere Kinderbibliothek für deutlich höher schätzen als das, was der Kindergarten zur Verfügung stellt. Die Kinder würden am liebsten zu Hause bleiben Im Bekannten- und Nachbarschaftskreis haben wir etliche Familien, die ihren Nachwuchs der staatlichen Erziehung mindestens bis zum Schulalter entziehen. Darunter solche und solche: Patente Mütter mit akademischem Vorleben, die mit hohem Anspruch und großer Geduld Mutterschaft als Vollzeitaufgabe begreifen, und demgegenüber Familien, deren Erziehungskompetenz kaum über die sachgerechte Bedienung von Mikrowelle und Playstation-Konsole hinausgeht. Für die Kinder der ersteren wäre die „Kita“ allenfalls zweite Wahl, für die der anderen dagegen ein Segen – und dennoch keine Alternative, solange der gesparte Kita-Beitrag anderweitig ausgegeben werden kann. Klar, daß sich bei berufstätigen Müttern die Abwägungsfrage differenzierter darstellt. Das wiederum gleicht einem Faß ohne Boden – wieviel kostet Glücklichsein? Wo beginnt, wo endet der materielle Bedarf und wo der nach kindferner Betätigung? Unter meinen sechs Kindern sind sehr zahme und wildere; solche, die noch im Schulalter gern nach dem Rockzipfel fassen, und andere, denen die Leine nicht lang genug sein kann. Wenn es nach ihnen ginge, würden alle stets die ungestellte Morgenfrage mit einem deutlichen „Zu Hause bleiben!“ beantworten. Nun ging es niemals im Weltenlauf nach bloßen Kinderwünschen. Ein gewisses Gewicht sollten wir ihrer Stimme dennoch zugestehen. Auch uns zuliebe. Ellen Kositza , Jahrgang 1973, studierte Germanistik und Geschichte. Heute arbeitet die verheiratete Mutter von sechs Kindern als freie Publizistin.

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