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Der Geist ist willig, das Fleisch ist stärker

Krude Begriffe vernebeln unseren Blick auf Mann und Frau. Wir haben Gender Mainstreaming, verordneten Rollentausch und nun auch einen „konservativen Feminismus“, den jüngst die FAZ der Familienministerin in den Mund legte. Es dürfte zum von den Debattenurhebern beabsichtigten Zweck der Übung gehören, daß bei all dem terminologischen Wirrwarr die Biologie aus dem Blickfeld geraten ist. Allein in Hirnforschung und Neurobiologie darf sie derzeit reüssieren. Die Popularität des Buches „Das weibliche Gehirn“ der Amerikanerin Louann Brizendine zeugt von einem breiten Interesse an genderfreien Fakten auf diesem Gebiet. Hier also hätten wir die Natur, zumindest einen winzigen Teilbereich. Und dort, bei Schwarzer, von der Leyen und deren Schwestern im voluntaristischen Geiste, die (in deren Hirnen) wünschenswerte kulturelle Überformung: die Frau auf – mindestens – männlicher Augenhöhe. Die Frau wiederum, die uns die Kluft zwischen Natur und Kultur bravourös wie keine zuvor (und keine danach) als unüberbrückbaren Gegensatz erklärte, firmierte vor anderthalb Jahrzehnten als Titelbild des New Yorker: Als Woman Warrior (die Kriegerin) wurde die radikale Antifeministin Camille Paglia damals bestaunt, gefeiert und bekämpft. Zwar ist es still geworden um Paglia, jene furiose Professorin – sie lehrt auf geisteswissenschaftlichem Lehrstuhl in Philadelphia -, die am 2. April sechzig wird. Ihr Werk jedoch ist kaum eines, dem man Aktualisierungsbedarf nachsagen dürfte. Paglias Kulturgeschichte ist von Nietzsche beeinflußt Paglia wuchs als Kind einer italienischen Einwandererfamilie in New York auf, entdeckte früh ihre lesbischen Neigungen und graduierte als Philosophin in Yale. Ihr Ruf als „akademischer Rottweiler“ war da schon gefestigt: Ihr Betragen war bisweilen unverschämt, ihre Sprache unverblümt, ihre wissenschaftlichen Leistungen enorm. Als ihr Hauptwerk – das über ihrem filmwissenschaftlichen Schrifttum steht – dürfen wir „Sexual Personae“ begreifen, das zwei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung (1990) in Deutschland unter dem Titel „Die Masken der Sexualität“ erschien. Paglia läßt hierin die Kultur- und Literaturgeschichte vom alten Ägypten bis ins 19. Jahrhundert unter den – für sie bestimmenden – Vorzeichen der Geschlechterdifferenz antanzen. Kultur, so ihre These, entstehe im wesentlichen durch die Domestizierung von Sexualität. Deutlich von Nietzsches Interpretation beeinflußt sind die Gegensatzpaare, mit denen sie arbeitet und aus deren stetigem Ringen sie sämtliche Kulturleistungen ableitet: hier das Appolinische als genuin männliches Prinzip, als Klarheit, Sprache und Struktur zutage tretend, dort das Dionysische Prinzip, das chthonisch-erdverbundene, als irrational und weiblich definierte. Seit den Zeiten ägyptischer Hochkultur sieht die „heidnische Mythomanin“ (Paglia über Paglia) einen Kampf um Vorherrschaft zwischen hebräischer Wort- und heidnischer Bildkultur. Was uns an Zeugnissen westlicher Hochkultur begegne, trage die Maske der Verdrängung chthonischer Urgewalten. Dem männlichen – also geistigen – Prinzip sei es gelungen, die der Natur innewohnenden „anarchistischen, aggressiven, sadistischen, voyeuristischen und pornographischen Elemente“ zu sublimieren: Das „Appolinische in seiner Kälte und Absolutheit“, jene „vom Mann gezogene Linie, um sich gegen die alles Menschenmaß sprengende Gewaltigkeit der Natur abzugrenzen“, sei der „sublime Widerstand, den der Westen“ leiste. Paglias wortgewaltige Deutung des weiblichen Genotyps – via körperlicher und seelischer Gegebenheit – bedeutete für den emanzipierten Zeitgeist Hohn und Schmach, zumindest aber einen unerträglichen Determinismus. Da ist viel von Schlamm und Blut die Rede, mithin von amorphen Elementen; von naturgegebener Selbstgenügsamkeit, wesensmäßiger Amoralität und der Verderbtheit promiskuitiver Frauen. Der weibliche Körper, gleichgültig gegen den Geist, der ihn bewohnt, habe organisch nur eine Bestimmung: „die Schwangerschaft, deren Verhinderung uns ein Leben lang beschäftigen kann. Die Natur kümmert sich immer nur um die Gattung, nie um den einzelnen.“ Sexualität stellt für Paglia eine „weit dunklere Macht“ dar, „als der Feminismus zugeben möchte“, sie markiert die „heikle Schnittstelle zwischen Natur und Kultur“. Brachial zeigt sie jeglichem Machbarkeitsdenken in punkto „Rollentausch“ die rote Karte: Der Feminismus habe sich „verrannt in die Leugnung der Kontingenz des Lebens, der Abhängigkeit des Menschen von der schicksalhaften Macht der Natur“. Jene Natur – Paglia ist um erhellende Beispiele aus Geschichte und Popkultur nie verlegen – sei „ein strenger Lehrmeister. Sie ist die Schmiede, auf deren Amboß der Individualismus zertrümmert wird.“ Keine Frage, daß mit der allfälligen Zurückdrängung der Natur auch das Weibliche an Bedeutung verliert. Die Verleugnung originär weiblicher Attribute garantiere der Frau aber keineswegs Erfolg und Glück: genausowenig, wie die gegenwärtige Enthärtung männlicher Strukturen – faßbar im Zerfall diverser Institutionen wie Ehe und Staat – zum utopischen Ideal der Gleichberechtigung verhelfe. Wehe der Frau, die ihre Weiblichkeit verleugnet Beißend der Spott, den Paglia für das vielfach gepriesene Idealbild der Androgynität bereithält, warnend ihr Ton gegenüber Libertins. „Sexuelle Freiheit, Befreiung der Sexualität: das sind moderne Illusionen. Wir sind hierarchiebewußte Tiere. Wird eine Rangordnung weggefegt, tritt sogleich eine andere an ihre Stelle, die vielleicht rigider ist als die erste. Es gibt Rangordnungen in der Natur und abgewandelte Rangordnungen in der Gesellschaft. Gesellschaft ist (…) unser fragiles Bollwerk gegen die Natur. Wenn die Achtung vor Staat und Religion gering ist, sind die Menschen frei, empfinden diese Freiheit aber als unerträglich und streben nach neuer Knechtschaft, indem sie sich in Drogenabhängigkeit begeben oder in Depressionen verfallen.“ Mit ihrem beständigen Rekurrieren auf das Körperliche als Maß der Dinge, ihrem Beharren auf einem „Faschismus der Natur“ hat sich Paglia bisweilen den Schmähruf einer Biologistin eingehandelt. Bedauernswert, daß heute weder „Die Masken der Sexualität“ noch das schmale dtv-Büchlein „Sexualität und Gewalt. Oder: Natur und Kunst“ – der das Vorwort zum erstgenannten Wälzer und damit ein hochkonzentriertes Substrat von Paglias Geschlechtertheorie beinhaltet – regulär lieferbare Bücher sind. Antiquarisch sind beide gelegentlich zu finden. Zehn Jahre hat Paglia gebraucht, um einen Verleger für ihr Mammutwerk zu finden – nach ihrer Mutmaßung vielleicht das dickste Buch, das von einer Frau geschrieben wurde. Setzt man wiederum ein Jahrzehnt nach Erscheinung von „Sexual Personae“ an, wäre eine Neuauflage überfällig. Das Gender-Gerangel schreit geradezu danach.

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