Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Urlaubsverzicht

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat in einem Interview darauf hingewiesen, daß die Einwohner unseres Landes in den nächsten Jahrzehnten mit deutlich steigenden Ausgaben für Altersvorsorge, Gesundheit und Pflege zu rechnen haben. Diese Mehrbelastung werden die privaten Haushalte durch Einsparungen an anderer Stelle kompensieren müssen. Im Zweifelsfall, so der Minister, sollten sie auf die eine oder andere Urlaubsreise verzichten, um im Alter keine ungebührliche Not zu erleiden. Die Empörung, die Peer Steinbrück für diesen Vorschlag geerntet hat, ist unangebracht. Als Finanzminister weiß er eben von Amts wegen, daß man langfristig nicht mehr ausgeben kann, als man einnimmt, und daß es sich rächt, wenn man zusehends wachsende Schuldenberge vor sich herschiebt. Es ist ja gerade eines der zentralen Probleme der Bundesrepublik, daß sie diese kaufmännischen Binsenweisheiten nicht zu beherzigen vermag. Um so mehr sollte der hierfür zuständige Minister die Bürger dazu ermuntern dürfen, daß wenigstens sie vernünftig und verantwortungsbewußt handeln. Hämische Versuche der Boulevardmedien, ihn mit dem Hinweis auf sein gutes Einkommen und seine gesicherten Pensionsansprüche mundtot zu machen, sind nicht allein unappetitlich, da sie an den Sozialneid appellieren, sondern vor allem in der Sache deplaziert. Auch wenn Peer Steinbrück persönlich keinen Verzicht leisten muß, so gehört es doch zu seinen Amtspflichten, die Bürger für einen solchen zu gewinnen. Die von Sorgen geplagten Arbeitslosen und Bezieher geringer Einkommen schneiden sich zudem ins eigene Fleisch, wenn sie den Ratschlägen der Gutverdiener und Reichen als den ausgewiesenen Experten für eine erfolgreiche Lebensführung nicht aufmerksam zuhören. Aus dieser Warte heraus wären Peer Steinbrück im übrigen noch deutlichere Worte möglich gewesen. Er hätte zum Beispiel die Frage aufwerfen können, ob das, was die Bevölkerungsmassen als „Urlaub“ betrachten, überhaupt für sie erstrebenswert sein sollte. Handelt es sich beim Pauschaltourismus nicht um eine pure Zeit- und Geldverschwendung, nicht selten begleitet von Exzessen, welche die Arbeitskraft gar nicht wiederherstellen, sondern weiter unterminieren? Wirklicher Urlaub, der diesen Namen verdient, ist nun einmal teuer, so teuer, daß ihn sich nur die allerwenigsten leisten können. Wer darauf verzichtet, muß sich daher nicht deklassiert vorkommen. Und er braucht sich auch nicht zu langweilen: Die durch den Urlaubsverzicht ersparte Zeit kann ja zur Mehrarbeit genutzt werden.

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