Superwahljahr

 

Unter Zedern und Zypressen

Porta San Paolo in Rom. Um die 37 Meter hohe Cestius-Pyramide (12 v. Chr.) windet sich eine nicht endende Autoschlange. Gehupe, Bremsen kreischen, Geschrei; von morgens bis abends spielt sich hier das alltägliche römische Verkehrschaos ab. Doch nur ein paar Schritte weiter, im Schatten dieser weißen Marmorpyramide, liegt Roms stimmungsvollster Friedhof: der Cimitero Acattolico (nichtkatholische Friedhof). Ein Schild am Eingang bittet die Besucher: „Please ring the bell“. Dann durchschreitet man ein Portal mit der Inschrift „Resurrecturis“ (Denen, die auferstehen) und betritt einen Friedhof, der im Tode zahlreiche europäische Künstler und Gelehrte vereint. Hier an diesem Ort der Stille fanden Menschen aus aller Welt – Maler, Dichter, Gelehrte, Diplomaten, Emigranten -, die in Rom lebten und starben, ihre letzte Ruhestätte. Der Gegensatz könnte nicht größer sein, dort draußen das brüllende und lärmende Rom, hier drinnen die zeitlose Ruhe: ein Ort, an dem sich an den Gräbern alle Phasen der wechselvollen europäischen Geschichte studieren lassen. Noch im 18. Jahrhundert erstreckten sich hier die Weiden vor den Toren Roms. Hier durften die in Rom gestorbenen Protestanten mit päpstlicher Erlaubnis bestattet werden. Allerdings nur nachts und bei Fackelschein. Auch durfte kein Stein ihre Stätte markieren, waren sie doch als Ketzer gebrandmarkt. Erst später lockerten sich durch den Einfluß Wilhelm von Humboldts als Preußischer Gesandter beim Heiligen Stuhl (1802 bis 1808) die päpstlichen Vorschriften. Während seines Rom-Aufenthaltes verlor das Ehepaar Humboldt zwei Söhne im Kindesalter, die an der Cestius-Pyramide beigesetzt wurden. Der Gedanke, daß die Gräber schutzlos waren, ließ Humboldt nicht ruhen, und er erreichte beim Papst die Erlaubnis, ein Stück Land für die Familiengruft zu kaufen und einzuzäunen. Noch immer sind die zwei Marmorsäulen für die verstorbenen Söhne zu sehen. Der Anfang war gemacht. Heute umgibt eine hohe Mauer den Friedhof. Noch ist die Novembersonne warm, und die zahlreichen Katzen, die hier herumstreifen, räkeln sich wohlig auf den Sarkophagen in ihren Strahlen. Niemand vertreibt die streunenden Tiere. Es gibt wenig Besucher auf den Kieswegen. Es duftet nach Oleander und Lorbeer. Unter Zedern und Zypressen trauern marmorne Engel auf den Grabplatten. „Man könnte sich in den Tod verlieben, wenn man an einem solchen Ort begraben wird“, schrieb der englische Dichter Percy Bysshe Shelley über diesen Friedhof. Sein Wunsch erfüllte sich sehr bald. Auch er liegt hier, nachdem er 1822 während einer Segelpartie vor der Küste Italiens ertrank. Nicht weit entfernt von seinem Freund John Keats, der 1821 ebenfalls jung an Schwindsucht in Rom starb und einst in früher Todesahnung schrieb: „Ich spüre die Blumen wachsen über mir“. Immer liegen frische Blumensträuße auf seinem Grabstein, der seinen Namen verschweigt, dafür die Inschrift trägt: „Here lies one whose name was writ in water“ (Hier ruht jemand, dessen Name in Wasser geschrieben ward). Ein paar hundert Meter weiter liegt „Goethe filius“ begraben, die Vornamen „Julius August Walther“ fehlen auf dem Marmor. Selbst im Tode wurde der Sohn noch vom Ruhm seines Vaters erdrückt. Geht man weiter durch die Reihen, finden sich auf etlichen Marmorplatten und Grabmälern deutsche Namen aus Kunst und Wissenschaft: so die Maler Carl Philipp Fohr aus Heidelberg und Hans von Mareés aus Elberfeld, Wilhelm Waiblinger, aus Heilbronn stammender Freund und Verehrer Hölderlins (1830 in Rom gestorben), auch August Kestner, Sohn von Charlotte Bud, der Lotte in Goethes „Leiden des Werther“, sowie der Architekt der Dresdner Oper, Gottfried Semper. Sophia Schliemann, zweite Gattin und Muse des Archäologen Heinrich Schliemann, fand hier ebenso ihre letzte Ruhestätte wie Henriette Hertz, die große Mäzenin und Stifterin der Hertziana. Doch nicht nur Protestanten wurden hier begraben. Ein Teil des Friedhofs weist eine Reihe von Gräbern mit orthodoxen russischen Kreuzen und kyrillischen Inschriften auf. Gagarin, Obolenskij, Fürst Jussupoff vergegenwärtigen, wie viele Russen nach der Oktoberrevolution von 1917 nach Italien emigrierten. Auf diesem Teil des Friedhofs liegt auch das Grab von Antonio Gramsci, dem Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens, der 1928 von einem faschistischen Sondergericht wegen Staatsgefährdung zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde und 1937 starb. Er wurde bei den anderen Ketzern beigesetzt – keiner folgte seinem Sarg. Der Gegensatz könnte nicht größer sein: der helle große protestantische Friedhof mitten in Rom und dann dieser kleine stille und schattige Friedhof der Katholiken auf diesem extraterritorialen Gebiet im Vatikan, der Campo Santo Teutonico. Auf dieser verträumten Stätte haben im Laufe der Jahrhunderte viele deutsche und flämische Landsleute ihre letzte Ruhestätte gefunden. Nur Besucher aus dem deutschsprachigen Raum werden von den Schweizer Gardisten am Tor in den Vatikan gelassen, um den Friedhof zu besuchen. Über dem Eingangstor ist in eisernen Lettern zu lesen: „Teutones in pace“, was die Römer boshafterweise mit „Hier geben die Deutschen endlich Ruhe“ übersetzen. An der Südseite von Sankt Peter begann die lange ruhmreiche Geschichte der Deutschen in Rom. Im Schatten der Kuppel des Petersdoms siedelte sich hier zur Zeit Karl des Großen die erste deutsche Kolonie an; es entstand eine kleine Stadt, die sich um diese Scuola Francorum gruppierte. Mit dem Niedergang Roms im Spätmittelalter – Ende des 14. Jahrhunderts – ging auch diese einst blühende deutsche Konklave zugrunde. All dies muß man sich vergegenwärtigen, wenn man diesen kleinen Friedhof besucht. Es ist noch immer das düstere deutsche Herzstück in Rom. In diesem winzigen immergrünen schattigen Friedhof liegt der Dichter Stefan Andres mit seiner Frau Dorothee. Ebenso ruht hier der Archäologe Ludwig Curtius. Aber auch die Grabtafel der Königin Charlotte Friederike von Dänemark findet sich hier, ebenso wie die von Schwester Pasqualina Lehnert, der langjährigen Haushälterin von Papst Pius XII. Heute beherbergt der Campo Santo auch ein Priesterseminar. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurden fünfzig Flüchtlinge vor der Gestapo hier versteckt und konnten gerettet werden. Auf diesem Friedhof schleichen sogar die Katzen gemessen über die Wege. Kein Schnurren, kein Verweilen. Wenn es dunkel wird und auf den Gräbern die roten Totenlichter flackern, wirkt die Szene fast gespenstisch. Man ist froh über den zackigen Gruß des Schweizer Gardisten, der einen ins tosende Rom entläßt. Szenenwechsel: Verano. Vier Koloßstatuen – die Stille, das Gebet, die Hoffnung und die Meditation – bewachen den dreitorigen Haupteingang, bevor der Besucher den Campo Verano betritt. Er ist der schönste, größte und prestigevollste Friedhof Roms; eine riesige Totenstadt in der Stadt, eingerahmt von Zypressen und Oleanderbüschen, die sogar noch im November ihren intensiven Duft verströmen. Wo einen sonst nur leise Geigenmusik in dem arkadengesäumten Innenhof umschmeichelt, herrscht in diesen Novembertagen Lärm und Gedrängel. Nur der monumentale acht Meter hohe Marmor-Christus (einst für einen Berliner Friedhof von Lepoldo Ansiglio geschaffen) erhebt sich scheinbar unberührt. Nur zu den kirchlichen Totentagen herrscht hier Andrang. Normalerweise hegen Italiener eher Scheu vor ihren Beerdigungsstätten. Mag man auch mit Prunk die Gräber errichten, das Unbehagen gegenüber Friedhöfen und den Totenstätten bleibt bestehen. Wer einen Beerdigungswagen vorbeifahren sieht, wechselt schnell die Straßenseite, bekreuzigt sich oder macht magische Abwehrzeichen. Der Tod, der in Rom ja überall auf Schritt und Tritt in den Kirchen und in den Katakomben präsent ist, wird dennoch von seinen Bewohnern am liebsten verdrängt. Doch in diesen Tagen gleicht der Campo Verano einem Ausflugsort. Von andächtiger Stille keine Spur. Die Menge schiebt sich durch die Arkaden beladen mit mächtigen Chrysanthemensträußen, glühend in Gold und Rot. Pedantisch in riesigen Totenbüchern verzeichnet, nach Alphabet und Jahreszahlen geordnet, mit Nummern versehen, kann man am Eingang Erkundungen anstellen, um „seinen“ Toten zu finden. An diesen Novembertagen ähnelt der größte Friedhof Roms einem riesigen Garten, in dem jeder an seinem einzelnen Beet herumwerkelt. Man schrubbt die Marmorplatten, putzt die braungelben Porzellanfotos, die auf vielen Grabsteinen prangen. In seinem Sonntagsstaat lächelt Signor A., verstorben im Jahre 1938, noch immer die Besucher an. Diese Porzellanfotos, Zeugen des einst blühenden Lebens, lassen die Zeit vergessen, wecken längst verblaßte Erinnerungen. Hier erstehen sie wieder, Grab für Grab, Kreuz für Kreuz, die Frauen in ihren schönen altmodischen Haarfrisuren, mit Spitzenjabots und dem seltsam scheuen Lächeln; daneben reihen sich die Männer mit ihren stolzen Schnurrbärten. Traurig sind die Kindergräber, man sieht die Fotos von diesen „Bambini“ und Plastikspielzeug auf dem Grab verteilt. Jetzt scheint die Sonne, und man ist emsig mit der Grabpflege beschäftigt. Manche Familien kommen in Begleitung eines Geistlichen, der im hellen Sonnenlicht und in seiner lilafarbenen Soutane die Totengebete verrichtet, während am Nebengrab eifrig die Gießkannen herbeischleppt werden. Die emsige Stille wird nur ab und an von einer Lautsprecheransage unterbrochen. Sie ruft jemanden aus, der sich verlaufen hat. Breite Boulevards, kleine schmale Gehwege, schattige Treppen und sonnenbeschienen Piazzen finden sich auf diesem größten und prächtigsten Friedhof Roms – der längst zum Nationaldenkmal erklärt wurde, allerdings vermißt man Bänke für Besucher. Ausruhen ist nur im Grab gestattet. Lesen Sie weiter auf Seite 12

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