Siegfried aus dem Westen

Der ZDF-Zweiteiler „Dresden“ setzt das Bombardement der Stadt am 13./14. Februar 1945 mit einer Wucht und einem Willen zur Authentizität in Szene, wie es sie noch nie gegeben hat im deutschen Fernsehen. Das ist sein Pluspunkt, sein einziger. Was sich als Rahmenhandlung darum rankt – deutsche Krankenschwester verliebt sich in englischen Bomberpiloten und umgekehrt -, ist unerträglich. Man komme nicht mit dem Argument, daß auch Hollywood die kollektive Katastrophe mit dem persönlichen Melodram verbinde. In den perfekten Hollywood-Streifen besitzt das Unwahrscheinliche immer noch die Anmutung des Möglichen. „Dresden“ ist jedoch eine pornographische Verfälschung der Geschichte aus dem Geist der politischen Korrektheit! Es beginnt mit historischen Aufnahmen aus der unzerstörten Stadt. Darüber werden Hitlers Drohung, die englischen Städte „auszuradieren“, und der anschließende Jubel gelegt. Die Rede wurde am 4. September 1940 im Berliner Sportpalast gehalten. Ein Jahr zuvor, am 3. September 1939, hatte Großbritannien dem Reich die Kriegserklärung übergeben, die zurückzunehmen Hitler die Briten nicht zwingen konnte. Churchill arbeitete daran, den europäischen Konflikt zum Weltkrieg auszuweiten, den Deutschland nur verlieren konnte. Das Hitler-Zitat lautet korrekt: „Wenn sie (die Engländer – Th. H.) unsere Städte angreifen, dann werden wir ihre Städte ausradieren.“ Dazu war die deutsche Luftwaffe niemals in der Lage. Hitlers Prahlerei war das Pfeifen im Walde. Die Bomberpiloten hören Jazz, zum Jazz tanzen auch Anna (Felicitas Woll) und ihre Freundin (die ihrem jüdischen Mann treu bleibt). Sie sind die einzigen sympathischen Deutschen im Film und stehen auf derselben Seite wie die Engländer, sie wissen es nur noch nicht. Aber sie sollen es erfahren. Dem englischen Piloten Robert Newman können ein Bauchschuß (!), die Flucht über Hunderte Kilometer, die permanente Anspannung seiner Schönheit und Manneskraft nichts anhaben. Er ist der wahre Siegfried, der in das Nebelreich des Bösen, in die Unterwelt der verklemmten, dunkelhaarigen, tückischen Alberiche herabgestiegen ist, um seine ihm vom Antifa-Schicksal zugedachte Braut heimzuführen. Nebenbei entlarvt er ihren Vater, den Krankenhauschef, der gemeinsam mit dem Adjutanten des Gauleiters die Volksgemeinschaft betrügt. Ja, der demokratisch-angelsächsische Phänotyp ist dem Sonderweg-Deutschen auf allen Ebenen überlegen! Die Schauspieler tun ihr bestes, doch dem Gefängnis ihrer Rollen können sie nicht entkommen. Felicitas Woll ist und bleibt ein bundesdeutsches Mädel, kuhäugig, lieb, ein bißchen blöde. Keine Leidenserfahrung trübt ihren Blick, dafür ist ihr das deutsche Schuldbewußtsein im Vorgriff auf die Zukunft bereits ins Gesicht geschrieben. Anna Mauth und Robert Newman: Der Kitsch, der hier zelebriert wird, ist keine harmlose Geschmacksverirrung, er ist das „Böse“, das in das „Wertsystem der Kunst“ (H. Broch) eindringt und es zerstört. Was die geschichtlichen Tatsachen und die Logik der Kunst nicht hergeben, wird als moralische, politische, ideologische Absicht in den Film hineingetragen. „Dresden“ ist eine Tendenzschmiere à la sozialistischer Realismus, der den Künstlern abverlangte, die Tatsachen in die „richtige“ politische und historische Perspektive zu rücken. Der Werbespruch des ZDF lautete: „Der Anfang einer Liebe. Das Ende einer Stadt“. Damit ist das Perverse des Films bezeichnet! Ganze Lebenswelten, private und kollektive, sind in Schutt und Asche gesunken, Erinnerungen, Gedächtnisse wurden gelöscht, historische und kulturelle Artefakte unwiederbringlich zerstört, nicht zu reden von den Toten und Verletzten. Der „Film des Jahres“ aber interpretiert die Zerstörung Dresdens in der Rückschau als Investition in die europäische Zukunft und in ein privates Glück (das zufällig am Ende nicht ganz aufgeht). Times-Korrespondent Roger Boyes überschrieb seinen Totalverriß zynisch, aber treffend: „Liebesbomben auf Dresden“! Sie können nicht anders, und sie können nichts anderes. Der als Fachberater herangezogene Hans Mommsen erklärte, der Film solle „keine Ressentiments“ schüren. Mommsen als Kitschhistoriker! Geholfen hat seine Beratung nicht. Da wird 1945 in einem Dresdner Kino Zarah Leanders „Große Liebe“ gespielt, obwohl Leander bereits 1943 aus Angst vor den Bomben nach Schweden ausgereist war und ihre Filme danach von der Leinwand verbannt wurden. Die Kalkulation des ZDF ist widerwärtig. Die Mediengewaltigen wissen, daß alle Jahre wieder unter deutschen Dächern dieselben Themen gewälzt werden: wie die Flucht begann, wie die Familienalben verbrannten, wie die unverheirateten Tanten, die einem als Kind immer so wunderlich erschienen, Opfer von Vergewaltigungsorgien wurden usw. usf. Es geht um die tiefsten Erfahrungen der Menschen und des Landes überhaupt. Dieser Tatsache verdankt der ölige Scharlatan Guido Knopp schließlich seine Einschaltquoten. Und immer wieder werden die per Zwangsgebühr Geschröpften um ihre Erinnerungen betrogen. Es ist nicht schwer zu begreifen, daß die Bomberpiloten ebenfalls Ängste ausstanden, daß sie furchtbare Befehle zu befolgen und Furchtbares durchzumachen hatten wie die deutschen Soldaten auch. Wieviel Wahrhaftigkeit und verhaltene Dramatik, wieviel – ein altmodisches Wort ist nötig – Edelmut liegt in einer Berliner Straßenszene aus dem Sommer 1945, die die Journalistin Ursula von Kardorff notierte: „Ein deutsches Mädchen freundete sich mit einem Engländer an. Eines Tages auf dem Spaziergang sahen sie einen zerlumpten deutschen Soldaten. ‚Das ist auch so ein Kriegsverlängerer‘, sagte das Mädchen, darauf ohrfeigte sie der Soldat. Der Engländer schenkte ihm Zigaretten – und ließ das Mädchen stehen.“ Was ist die tiefere Bedeutung des mißglückten „Dresden“-Films? In seinem Buch „Die freudlose Gesellschaft“ schreibt Hans-Jürgen Syberberg: „Wenn Film das Kind des 20. Jahrhunderts ist, des demokratischen, und wenn es stimmt, daß der Film nicht nur Leistung ist von Individuen und für individuelle Aufnahme bestimmt, eher vergleichbar der Funktion der Kathedralen im Mittelalter, ein großes Massenereignis, dann muß der Film (…) interessante Auskünfte geben über unsere Zeit und den Geist eines Landes und der Welt.“ Wenn diese Annahme stimmt, dann verkündet „Dresden“ eine gute und eine schlechte Nachricht an die Deutschen. Die gute: Sie müssen sich um den Abstieg und das Verschwinden ihres Landes keine Sorgen mehr machen. Die schlechte: Dafür ist es eh‘ zu spät. Denn Deutschland ist als geistiges und kulturelles Subjekt nicht mehr vorhanden. Der demokratisch-angelsächsische Phänotyp, in das Nebelreich des Bösen hinabgestiegen, ist dem Sonderweg-Deutschen überlegen. Der Werbespruch des ZDF zu „Dresden“ lautete: „Der Anfang einer Liebe. Das Ende einer Stadt.“ Damit ist das Per-verse des Films bezeichnet. Foto: Anna (Felicitas Woll) und ihr Verlobter Alexander (Benjamin Stadler) im Feuersturm von Dresden: Keine Leidenserfahrung trübt ihren Blick

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