Sehnsüchte an einer Zeitenschwelle

Beim Fidus-Symposium 1998 in Berlin geriet das Standardwerk „Fidus. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen“ (1972) ins Gedränge. Seine Autoren – allesamt 68er mit ergrauten Bärten – stießen samt ihrer verbissenen Ideologiekritik auf junge Fachvertreter. Statt dem negativen Urteil über den „präfaschistischen Kitsch“ zu folgen, zeigen diese heute ein lebhaftes Interesse am weltanschaulichen Synkretismus der Jahrhundertwende, den Fidus‘ bizarres Werk ausdrückt. Als Geheimzeichen offenbart es dem Ikonographen einen Aspekt moderner Mentalität. Genau das meint auch Claus Wolfschlag in seinem Buch über Ludwig Fahrenkrog. Fahrenkrog (1867-1952) steht als Weltanschauungskünstler um 1900 Fidus, der bürgerlich Hugo Höppener hieß, gewiß am nächsten. So tritt sein Biograph denn in die Linie der kunsthistorischen Jungtürken, demontiert die marxistische „Fluchtthese“ und bezieht wertvolle Anregungen aus der Darmstädter Lebensreform-Schau 2001. Hier setzt er an, ist Fahrenkrog doch just diesem Milieu und Ideenkreis zuzuordnen – allerdings dessen völkischer Fraktion. Dem symbolistischen Maler der Jahrhundertwende, dessen Motivwelt und Stilformen facettenreich schillern, kommt eine „ästhetische Zwischenposition“ zu. Da wechseln kosmische Visionen ab mit salonmalerischen Nuditäten, Jugendstillineaturen mit düster monumentalen Allegorien und brave Heimatkunst mit surrealen Nachstücken – alles in kühner Kitschnähe. Als Umfeld assoziiert man: Rodin, Thoma, Böcklin, Klinger, Stuck und Kubin. Dann aber neben dem Künstler – der Religionsdenker. Der vertrat als Neuheide pantheistische Ideen und folgte dem „autochthonen Impuls“, hin zu „Europas eigener Religion“. Wolfschlag stellt nach seiner Einleitung zur Reformbewegung wichtige Lebensdaten zusammen. Zwei stechen ins Auge: Sechs Jahre studierte der Künstler (1887-1893) bei Anton von Werner, dem wilhelminischen Hof- und Historienmaler. Scharf kontrastiert dieser Hintergrund mit der Entwicklung vom nüchtern-staatstragenden Realismus hin zum eigenen Werk mit seinem sakralen, erotischen, ja apokalyptischen „Schauder“. Sodann überrascht der „deutschgläubige“ Sinnsucher als Stifter der „Germanischen Glaubens-Gemeinschaft“ 1912. Das machte den Maler auch literarisch außerordentlich fruchtbar. Verfaßt hat er poetische, doch meist religiöse Schriften; allein sein „Gott im Wandel der Zeiten“ umfaßt sechs Bände. So legt Wolfschlag mittels religiöser Ortsbestimmung den Grund zu Fahrenkrogs Bilderwelt. Schwer genug: Denn malte der eklektisch, so war sein Glaube synkretistisch. In diesem Milieu ging es turbulent zu, die Motive wirbelten. Als zentral erscheint die vage „Selbsterlösung“. Es zeigen sich identitätsmystische Momente, das Prinzip des Mittlers wird verworfen und der Aspekt der Schuld. Protestantische Einsprengsel fehlen nicht, schließlich tritt der „heroische Mensch“ hervor. Drei Seiten zum Thema sind freilich knapp. Schade, daß der Autor die Germanendoktrin nicht tiefer ausgelotet hat. Auch erführe man gern einiges zur Sekte selbst, als Beitrag zum Komplex der Konservativen Revolution. Mehr gibt es zum „politischen Widerstreit“, den lesenwerte Exkurse im Anhang ergänzen. Zu Recht wird dort aufgeräumt mit naiven Fortschrittsmodellen und den Verschwörungsphantasien wirrer „Rechtextremismusexperten“, die Esoterik als „Faschismus“ denunzieren. Entfaltet wird Fahrenkrogs Bildwelt in neun Schritten. Damit die Kommentare nicht leer laufen, sorgte der Verlag für großzügige Bildausstattung. Geboten wird reiches Anschauungsmaterial. Da gibt es Biedermeierliches zu sehen („Der Väter Land“), Arkadisches („Heilige Stunde“) und psychoanalytisch Mysteriöses („Sehnsucht“), Vielschichtiges auch – wenn im „Tempel des Schweigens“ die Bildmodelle des Romantikers Friedrich und des Mythographen Böcklin verschmelzen. Den Christus-Darstellungen widmet Wolfschlag ein eigenes Kapitel, fallen sie doch aus der Tradition heraus. Treffend kommentiert er die Umdeutung vom „leidenden Gottessohn zum faustischen Gottsucher“. Daneben stehen naturreligiöse Motive, so programmatisch: „Baldur segnet die Fluren“. Doch war der Künstler nicht fixiert auf Nordisches, malte parallel auch fernöstliche Visionen wie den Buddha in der „Menschheit Woge“. Der Erleuchtete transzendiert das Weltgetümmel und strahlt in ewiger Glorie. Die Leiberflut kehrt wieder in eindrucksvollen „Schicksalsbildern“, die als Ausdruck „symbolistischer Verknüpfung“ diskutiert werden: „Körper und Landschaft gehen (…) ineinander über“ und „stellen Kraftströme der Natur dar“. Offenbar hat der Pantheist für den ewigen Gestaltwandel diese Bildfigur entdeckt. Fast indisch mutet sein „Goldenes Tor“ an, wo Liebende durch den geschmückten Rundbogen ins himmlische Licht schreiten: die kosmische Vision einer All-Harmonie – Fidus‘ „Erdentempel“ gleichsam umkehrend. Wolfschlag rundet die Darstellung ab durch ein Interview mit der Enkelin des Meisters und dessen Gedichten. Man vermißt eine Zeittafel, doch auch so ist die Besinnung auf einen Vergessenen „zwischen Jugendstil und Germanenglaube“ wertvoll und nützlich in hohem Maß. Claus Wolfschlag: Ludwig Fahrenkrog – Das goldene Tor. Ein deutscher Maler zwischen Jugendstil und Germanenglaube. Verlag Zeitenwende, Dresden 2006, broschiert, 88 Seiten, Abbildungen, 12,50 Euro Foto: Ludwig Fahrenkrog, „Das goldene Tor“ (Öl, 1920): Alles in kühner Kitschnähe

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