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Pankraz, die Weltwunder und der Lehm von Timbuktu

Auch auf der jetzt eröffneten Leipziger Buchmesse spielt die "Reiseliteratur" wieder eine große Rolle: Reiseführer aller Art, historische Reiseberichte, Einladungen zu speziellen kulinarischen, volkskundlichen oder abenteuerhaltigen Spezialreisen in Buchform. Knüller ist heuer "die Reise zu den sieben Weltwundern der Neuzeit". An vielen Ständen wirbt eine "New 7 Wonders Foundation" im Namen der Unesco für 21 architektonische Highlights in aller Welt, die man besuchen soll, um danach per Telefon sieben von ihnen als Weltwunder zu benennen. Anfang 2007 sollen dann diese sieben "neuen Wunder" in einer weltweiten Live-TV-Sendung feierlich verkündet und geadelt werden.

Die einundzwanzig Kandidaten sind folgende: die Akropolis (Athen); die Alhambra (Granada); Angkor Wat (Kambodscha); Chichen Itza (Yucatan); die Christus-Erlöser-Statue über Rio; das Colosseum (Rom); die Riesensteinköpfe von der Osterinsel; der Eiffelturm (Paris); die chinesische Mauer; die Hagia Sophia (Istanbul); der Kiyomizu-Tempel (Kyoto); der Kreml (Moskau); Machu Picchu (Peru); Schloß Neuschwanstein (Füssen); das Petra der Nabatäer (Jordanien); die Pyramiden von Gizeh (Ägypten); die Freiheitsstatue von New York; Stonehenge (Amesbury); die Oper von Sydney; das Taj Mahal (Agra); die Lehmbaustadt Timbuktu (Mali).

Außer den Lehmbauten von Timbuktu hat Pankraz alle diese Wunder gesehen (die chinesische Mauer freilich nur aus der Luft) und war – um es ehrlich zu sagen – nicht sehr von ihnen erhoben. Richtig gefallen haben ihm eigentlich nur der Kiyomizu-Tempel und, etwas weniger, das Taj Mahal. Bei den anderen (Stonehenge, Akropolis, Macchu Picchu, die Pyramiden) beeindruckte ihn zwar die in ihnen erinnerte historische Leistung, die ungeheure Assoziationskette, die sie auslösen, aber ästhetisch waren das alles überwiegend Fehlanzeigen. Pure Steinmassen in poröser, allzu poröser Verfassung lassen einen letztlich doch kalt.

Die "New 7 Wonders Foundation", die sich überwiegend aus bekannten Architekten (Zaha Hadid, Tadao Ando, Harry Seidler u.a.) zusammensetzt, sagt, die "architektonische Leistung" habe für die Kandidatenkür den Ausschlag gegeben. Aber wo liegt denn die besondere architektonische oder bautechnische Leistung etwa bei den Bauten des Kreml oder bei der Freiheitsstatue? Nein, das wahre Auswahlkriterium war erkennbar höchst prosaisch, nämlich rein touristisch: eine Ansammlung von jeweiligen lokalen Auffälligkeiten, gut über den Globus verstreut, so daß sich niemand benachteiligt fühlen muß – allein darum ging es.

Zum Trost kann man sich sagen, daß es mit den sieben "echten" Weltwundern der Antike nicht viel anders bestellt war. Auch sie verdankten sich keinesfalls – wofür an sich die heilige Siebenzahl spräche – der Auswahl durch erstklassige Ästheten oder gar Hohepriester, sondern es waren simple Reiseonkels der hellenistischen Spätzeit, die sie in populären Bestsellern anpriesen. Am beliebtesten war die Liste des Antipatros von Sidon (123 v. Chr.), bei dem übrigens noch die gewaltigen Stadtmauern von Babylon aufgeführt sind; sie wurden erst im sechsten Jahrhundert n. Chr. durch den Leuchtturm von Alexandria ersetzt.

Die "Sieben Weltwunder" der Antike verzeichneten weder architektonische Spitzenleistungen noch gar heilige, wunderhaltige Stätten, sondern einfach die Netzpunkte im Reiseführer, die "man", d.h. reiche, anspruchsvolle Touristen, gesehen haben mußte, um im Rat oder bei Gastmählern mitreden zu können. Und dabei gab es schon damals an vielen dieser "Musts" nichts weiter als Trümmerhaufen zu besichtigen, vor denen man nur noch melancholisch werden konnte.

Heute ist es selbst mit der Melancholie nicht mehr weit her, dafür sorgt der Massenzustrom von Touristen, die ihr Weltwunder endlich abhaken wollen, nachdem sie sich oft stundenlang in der Besucherschlange die Beine in den Bauch gestanden haben. Schwitzen und Rufe nach Erfrischungsgetränken – und allenfalls nachträgliches Mitleid mit den Sklavenheeren, die einst bei den Pyramiden oder in Chichen Itza die Steine aufhäufen mußten. Die Riesenbauten moderner Technik lassen noch das stolzeste Monument der Vorzeit als Bagatelle bzw. logistische Fehlleistung erscheinen.

Indes, vielleicht gehören Schweiß und Irrtum notwendig zu einem Weltwunder dazu, auch wenn es "neu" ist. Von den ausgelobten 21 "New 7 Wonders"-Kandidaten sind bezeichnenderweise nur zwei mittels moderner Technik errichtet: erstens die lächerliche, gotteslästerliche Jesus-Statue auf dem Corcovado von Rio (Einweihung 1931), zweitens die Oper von Sydney (Einweihung 1973). Von letzterer hat sich ihr Schöpfer, der dänische Architekt Jörn Utzon, seinerzeit voller Zorn abgewandt, als er merkte, was die Sydneyer da gegen seine Pläne anrichteten, daß es ihnen gar nicht wirklich um eine Oper ging, sondern um einen Eyecatcher für ihre Hafeneinfahrt und um eine Touristenattraktion.

Man warf in Sydney von Anfang an mit der Wurst nach der Speckseite, will sagen, nach dem Weltwunder, legte die Zahl der spektakulären Dachsegel, die das Opernhaus schmücken, bewußt auf die heilige Zahl Sieben fest. Die Bewunderung der Fremden war und ist groß, aber bei den Einheimischen macht sich zunehmend Sarkasmus breit, besonders seitdem die Bennelong-Halbinsel von Spekulanten monströs zugebaut wird. Man spricht in der Stadt nun in Hinblick auf die Oper von einer "Fußballmannschaft französischer Nonnen".

Das ist gar keine schlechte Definition für ein siebtes Weltwunder à la 2006/2007. Doch welche Kandidaten sollten dieser Mannschaft an die Seite treten? Hier wäre Pankrazens Wahl: Jesus vom Corcovado, Eiffelturm, Freiheitsstatue, Neuschwanstein, die Polyphemköpfe von der Osterinsel und, nicht zu vergessen, die Lehmbauten von Timbuktu.

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