Pankraz, die Vogelgrippe und der Vampir im Miniformat

Jetzt hat sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Wort gemeldet und warnt vor einer "weltweiten Pandemie" im Gefolge der Vogelgrippe. Seit Ende voriger Woche sitzen ihre Experten in Tokio zusammen und brüten über effektive Abwehrstrategien. Die Unruhe allenthalben wächst, nicht zuletzt angefacht von den horriblen Fernsehbildern aus der Türkei, wo grobe Kerle in Schutzanzügen alles mögliche Geflügel "keulen", d.h. einfangen und töten. So etwas hat man bisher noch nicht gesehen.

Klassische "Überträgertiere" für Seuchen sind an sich Ratten und Flöhe, übles Ungeziefer also, mit dem man zu keiner Zeit etwas zu tun haben will. Nun plötzlich werden befreundete Tiergruppen zu schlimmsten Gefahrenherden erklärt, harmlose Eierlieferanten und potentielle Festtagsbraten, dazu die hübschen Enten auf den Zierteichen und die Züge der Wildgänse und Kraniche, die hoch oben am Himmel ihre erhabene Bahn ziehen. Der Schock ist groß.

Wem kann man noch trauen? Auch die niedlichen Kohlmeisen und Grünlinge am winterlichen Futterhäuschen stehen bereits unter Generalverdacht. Soll man ihnen noch Bröckchen streuen, noch Talgringe hinhängen? Und was ist mit dem Arara oder Graupapagei drüben im bequemen Wohnkäfig, den man seit Jahren intim kennt und der im Laufe der Zeit zu einem echten Freund und Vertrauten in vielen Lebenslagen geworden ist? Wird auch ihn demnächst die Keule der Gesundheitspolizei treffen?

Psychologen warnen vor Panikmache, und wohl zu Recht. Aber die Angst vor der Seuche, der Pest, der Spanischen Grippe, der "Pandemie", ist schwer zu unterdrücken. Es ist eine Urangst, die die Menschen seit Jahrhunderten, ja, Jahrtausenden umtreibt. Seuchen waren immer absoluter Ausnahmezustand. Die Opfer, die sie forderten, überstiegen die Opferzahlen auch der verheerendsten Kriege und Hungersnöte um ein Vielfaches. Und hinzu trat das Bewußtsein der totalen Ausgeliefertheit. Man sah den Feind nicht kommen, man konnte sich immer erst wehren, wenn er einen schon im Griff hatte, und die Maßnahmen gegen ihn waren meist vergeblich. Das hat sich tief in die kollektive Erinnerung eingebrannt.

Auch die gelehrten Abwehrstrategen in Tokio und anderswo tappen weitgehend im dunkeln. Die armen Vögel, die man totschlägt, sind ja nur das äußere Symbolkleid der Angelegenheit. Sie "übertragen", d.h. in ihnen wütet ein Virus, der sie selber krank macht; unmittelbar den Menschen anpacken kann dieser Krankmacher nicht, er muß zu diesem Behuf erst irgendwie mutieren, und ob und wann und wie er das tut – das eben ist die Frage, um die sich letztlich alles dreht.

"Mutationen sind zufällig", lautet jener Kernspruch der Darwinschen Evolutionstheorie, der zur Zeit in der Diskussion über "intelligentes Design" eine so wichtige Rolle spielt. Mit der Zufälligkeit der Mutation von Krankheits-Viren scheint es indessen nicht weit her zu sein. Das Programm, das ihnen innewohnt, ist von vornherein auf Zerstörung des Kerneiweißes in den lebendigen Körperzellen angelegt, es erzwingt geradezu die Mutation, nämlich das Sicheinstellen auf die jeweils vorhandene Körperzelle. Nur wer dieses Zwingprogramm der Viren durchschauen könnte, wäre imstande, uns optimal vor ihnen zu schützen. Doch davon sind wir weit entfernt.

Wir wissen nicht einmal, was Viren eigentlich sind. Sind es Lebewesen? Sie verfügen über Selbstbewegung und Selbstvermehrung, haben aber keinen eigenen Stoffwechsel, so daß die Forscher sie als "Halblebewesen" oder "Teillebewesen" bezeichnen. Das bedeutet freilich nicht, daß sie eine Frühform des Lebens wären, denn sie brauchen das Plasma wirklicher Lebewesen, um existieren und sich vermehren zu können. Das Leben muß schon vor ihnen dagewesen sein.

Viren sind wie Vampire: Sie selbst leben nicht, doch ihr einziges Trachten ist, Leben zu zerstören. Ist ein Organismus, etwa ein einzelliges Bakterium, einmal von ihnen befallen, so wird dessen Körperplasma in kürzester Zeit total umgestaltet, nämlich in immer neue Viren verwandelt, es "entartet", wie die Biologen sagen. Beim Bakterium führt das zum Tode, bei Menschen, Tieren oder Pflanzen zumindest zu langwierigen Krankheiten: Grippe, Ziegenpeter, Windpocken, Maul- und Klauenseuche, Schweinepest, und und und.

Es gibt viele verschiedene Arten von Viren, doch sie sind sich alle sehr ähnlich und können sich mittels Mutation schnell an die unwahrscheinlichsten Verhältnisse anpassen. Der Vogelgrippe-Virus H5N1, so lesen wir, habe eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Virus der Spanischen Grippe, und das löst natürlich spezielle Ängste aus. Denn an der Spanischen Grippe, die 1918 ausbrach, starben in Europa und den USA mehr Menschen, als im ganzen, soeben beendeten Ersten Weltkrieg umgekommen waren. Sie hatte viele hochprominente Opfer, zuletzt noch 1920 Max Weber.

Man hat seit der Spanischen Grippe viel dazugelernt, hat insbesondere ein sorgfältiges, den Globus umspannendes Beobachtungsnetz geknüpft, das die Wanderschaft neuartiger Viren gut zu registrieren vermag. Auch die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten haben sich sehr erweitert. Seuchen durch Vireninfektion sind wohl nach wie vor unabwendbares Schicksal, doch ihre Einhegung und Abmilderung haben große Fortschritte gemacht. Pandemien mit Tausenden, gar Millionen von Toten sind heute sehr unwahrscheinlich geworden, selbst in Ländern mit schlecht entwickelter Infrastruktur und unzureichenden Hygienestandards.

Nicht einmal dem Graupapagei im Wohlstandskäfig wird es – hoffentlich – an den Kragen gehen müssen. Und das Zwitschern der Singvögel wird weiter eher Liebesgefühle auslösen denn Todesahnungen.

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