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Melancholischer Nachruf zu Lebzeiten

Noch bis zu Beginn der achtziger Jahre entging niemand in der Oberstufe bundesdeutscher Gymnasien der Lektüre von „BöllGrass Lenz“. Nach Bölls Tode (1985) büßte dieses literarische Terzett seinen kanonistischen Rang im Deutschunterricht ein. Der Mauerfall sorgte schließlich unwiderruflich dafür, daß auch auf dem literarischen Markt ihr Stellenwert sank. Immer häufiger schrieb man im wiedervereinigten Deutschland über sie als repräsentative Schriftsteller der „alten Bundesrepublik“. Und mehr und mehr würdigten Feuilletonisten und Germanisten Heinrich Böll, Günter Grass und Siegfried Lenz ausschließich als Sprecher der Heimkehrer- und Trümmergeneration, deren fiktionale Gestaltung und Bewältigung von Lebensproblemen an die ersten Nachkriegsjahrzehnte gebunden und mit ihnen versunken seien. Die pünktlich zu Siegfried Lenz‘ 80. Geburtstag am 17. März 2006 veröffentlichte Biographie und Werkschau, die Erich Maletzke vorlegt, schließt sich dieser Deutungslinie an und gleicht daher einem melancholischen Nachruf zu Lebzeiten. Lenz, mit einer Gesamtauflage von 25 Millionen Exemplaren erfolgreicher als die mit dem Nobelpreis geehrten Kollegen Böll und Grass, schrumpft in Maletzkes locker formulierter „Annäherung“ oft genug auf literarisches Zwergenmaß. Für den Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ (1951) erinnert Maletzke an ein frühes Urteil des Lenz-Freundes Marcel Reich-Ranicki, der schon 1963 befand, dieser Roman sei wohl inzwischen „nicht zu Unrecht“ vergessen. Wer sich heute diese gequälte Prosa antut, kann das bereits nach der Lektüre weniger Seiten bestätigen. Sprachlich höchst konventionell, verglichen etwa mit dem Zeitgenossen Arno Schmidt, inhaltlich unsäglich langweilig, beginnt mit den „Habichten“ der Weg eines Autors, der fortan ein erstaunlich unterkomplexes Weltbild vom Ringen des Guten mit dem Bösen literarisch in Szene setzt. Der zweite Roman, „Duell mit dem Schatten“ (1953), endete daher konsequent auf dem Niveau des Besinnungsaufsatzes, was von der zeitgenössischen Kritik auch schonungslos offengelegt wurde. Ebenso wirken weitere Hauptwerke aus jenen Jahren, wie der mit Hans Albers in der Hauptrolle verfilmte „Mann im Strom“ (1957) oder der Sportroman „Brot und Spiele“ (1964), beide „gesellschaftskritisch“ unterfüttert, wie zu lang geratene Leitartikel. Ob man dies nicht auch von dem Wälzer „Deutschstunde“ (1968) behaupten darf, läßt Maletzke zumindest offen. Das auf „Gut und Böse“, „Schuld und Sühne“ fixierte Erzählschema wird in diesem Roman, der Lenz, bis dahin ein „Schriftsteller der mittleren Güteklasse“, den Durchbruch zum „Star“ und Bestseller-Autor bescherte, zwar vordergründig durchbrochen. Denn es geht, orientiert am historischen Kern um das nach 1933 gegen Emil Nolde verhängte Malverbot, um den Konflikt „Macht gegen Kunst“. Aber entkommt Lenz mit der weitschweifigen Schilderung des Duells eines pflichtversessenen, über das Berliner Verbot im weltverlorenen Nordfriesland wachenden Polizeipostens von Rugbüll gegen den Maler Max Ludwig Nansen wirklich dem Schwarz-Weiß-Schematismus der frühen Romane, und stieg er mit der Auflagenhöhe automatisch auch in die obere Güteklasse der Poeten auf? Wohl kaum, wie vor allem die Gedankenprosa von „Heimatmuseum“ (1978) belegt, wo die Erzählstruktur sich wieder einmal an einen simplen Gegensatz, den zwischen „bösen“ Vertriebenenfunktionären und dem von ihnen drangsalierten „guten“ Teppichweber Zygmunt Rogalla aufhängt. Daß Lenz hier mehr zwischen zwei Buchdeckel preßt als literarischen Flankenschutz für die sozialdemokratischen „Ostverträge“, wäre schwer zu beweisen, wenn Maletzke auch zu Recht daran erinnert, daß in einigen Kapiteln dieses Buches – lange vor dem als Tabubruch gefeierten „Krebsgang“ von Günter Grass – Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen sowie das opferreiche „Unternehmen Rettung“ über die Ostsee literarisch ihren Niederschlag fanden. Von „Heimatmuseum“ bis zu Lenz‘ bislang letztem Roman, „Fundbüro“ (2003), zeichnet Maletzke, freundlich verpackt, den langsamen Abstieg und fortschreitenden Resonanzverlust eines Autors nach, dessen Publikationen die Kritik zuletzt allenfalls noch als Pflichtübung registriert hat. Wohl deshalb mußte Maletzke seinen Helden, dessen Neuerscheinungen er als Journalist der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (SHLZ) seit Jahrzehnten publizistisch orchestrierte, kurz vor der Auslieferung der Biographie mit der Aura des Geheimnisses umgeben, um neues Interesse zu wecken. Ende Februar richtete er in zwei ganzseitigen SHLZ-Beiträgen den Scheinwerfer auf die von Lenz hartnäckig verdunkelte Kindheit in Masuren, auf die Schulzeit, die er nicht, wie Reich-Ranicki denunziatorisch verbreitete, in einer „Napola“ zubrachte, auf den Militärdienst bei der Marine, den Lenz im Rückblick „vereinfacht“ hat, auf die schriftstellerischen Anfänge in Hamburg, die autobiographisch ebenfalls „anekdotisch“ reduziert wurden. Bei einem Moralisten wie Lenz, der Maletzkes Zudringlichkeit mit dem Abbruch der Beziehungen quittierte, mögen derartige „Korrekturen“ des Lebenslaufes unangenehm aufstoßen – für das Verständnis seines Werkes wären sie aber selbst dann belanglos, wenn diese Recherchen ergebnisreicher verlaufen wären. Maletzke hätte sich statt dessen darauf konzentrieren sollen, eher das Geheimnis des schriftstellerischen Erfolges als das der masurischen Kindheit von Lenz zu ergründen. Denn im fabulösen Zuspruch, den ausgerechnet ein solcher Autor „mittlerer Güte“ und engagierter SPD-Wahlkampfhelfer wenigstens zwischen 1968 und 1980 beim Publikum fand, steckt immerhin ein veritables Stück westdeutscher Mentalitätsgeschichte. Erich Maletzke: Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung. Verlag zu Klampen, Springe 2006, gebunden, Abbildungen, 204 Seiten, 16 Euro

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