Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ja und aber

Als „Antrittsbesuch“ war die Reise von Papst Benedikt XVI. nach Polen im Vorfeld vielfach bezeichnet worden, gerade so, als würde er sich dem Land, das ihn akkreditiert hatte, nun persönlich vorstellen. Zwar hatte sich Benedikt stets dazu bekannt, das Erbe, das Johannes Paul II. hinterlassen hatte, bewußt anzutreten und fortzuführen. Trotzdem – oder gerade deswegen – wurde allenthalben mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, wie sich dieser Papst in der polnischen Heimat seines Vorgängers bewegen würde. Mögen alle Katholiken, gleich welcher Natio-nalität, der heiligen Mutter Kirche verpflichtet sein, das historisch belastete Verhältnis zu den Deutschen und der Anspruch des – deutschen – Papstes, der größte Brückenbauer (pontifex maximus) seiner Kirche zu sein, drängten auf eine Vermittlung, von der keineswegs sicher war, daß sie gelingen würde. Doch es kam alles ganz anders. Benedikt XVI. dachte offenbar gar nicht daran, sich zwischen den unterschiedlichen Erwartungen aufreiben zu lassen. Statt auf Vermittlung (und damit eine für Joseph Ratzinger ohnehin untypische Lauheit) setzte der deutsche Intellektuelle auf dem Stuhle Petri auf Dialektik. Das haben besonders jene empfindlich zu spüren bekommen, die in Schnellschußmanier jede einzelne Aussage des Heiligen Vaters zum Programm seiner Polenreise erheben wollten. So titelte Spiegel online gleich am ersten Tag der Reise von Benedikts vermeintlichem „Stolz, kein Deutscher zu sein“ – und bezog sich damit auf Äußerungen, die dieser im Flugzeug gegenüber Journalisten machte, als die Maschine gerade ein-mal auf die Startbahn des Flughafens von Rom zurollte. Befragt, wie es sei, als Deutscher nach Auschwitz zu fa-hren, hatte Ratzinger geantwortet: „Ich bin vor allem Katholik. Nationalitäten werden da relativiert.“ Wer wollte ihm, dem gebürtigen Deutschen, der nun Regierungschef des Vatikanstaates und oberster Repräsentant einer Weltkirche ist, diese Antwort verdenken? Aus Auschwitz könne man lernen, wie tief der Mensch in seiner Würde fallen könne, zitiert Spiegel online den Papst weiter. Nicht die Deutschen, sondern „der Mensch“ sei in Auschwitz in seiner Würde gefallen. Eine Aussage, deren anthropologische Dimension in der katholischen Perspektive ungleich stärker aufleuchtet als in der deutschen. Derlei Zusammenhänge sind dem ehemaligen Universitätsprofessor sehr bewußt. Und doch war das nur die eine Seite der Dialektik. Am Sonntag, dem letzten Tag seiner Reise, trat noch eine andere hinzu. Als „Sohn des deutschen Volkes“, so Benedikt XVI. in einer dem Alten Testament entlehnten Wendung, besuchte er das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz, und als solcher habe er „unmöglich nicht hierherkommen“ können. Er spricht vom deutschen Volk, „über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so daß unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und mißbraucht werden konnte“. Ein Satz ohne Anührungszeichen und historische Vermittlung. Aufrichtige Trauer und sachliche Dizerenzierung schließen sich bei diesem Papst nicht aus. Wenn es zutrift, daß Räume immer auch Speicher kollektiver Gedächtnisse sind, dann wird man sa-gen dürfen, daß Benedikt in Polen nicht nur in solchen Gedächtnissen gelesen, sondern diese auch beschrie-ben hat. Ein Papst, der als Gast Polens noch vor dem Besuch der Marienwallfahrtsstätten in Tschenstochau und Kalwaria Zebrzydowska in der lutherischen Kirche von Warschau auf die versammelte Ökumene trift, beweist Selbstbewußtsein. Und wer ihn darob des Ökumenismus schelten wollte, übersieht womöglich, daß es derselbe Benedikt ist, der erst vor wenigen Monaten das Gespräch mit den katholischen Traditionalisten zur Chefsache erklärt hat – ebenje-nen, deren Spitze sein Vorgänger einst exkommunizierte. Papst Benedikt XVI. hat sich in Polen als unverrechenbarer Dialektiker präsentiert. Für ihn schließen sich pointierte Standpunkte nicht aus, sondern ergänzen sich in einem historischen und komplementären Sinne. Das macht die Einschätzung dieses Papstes zugleich kompliziert und vorläufig. Wer ihn beurteilen will, braucht Geduld.

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