AFD Sachsen Wir Frauen brauchen keine Quote!

 

Im Hirn immer ein bißchen Sauerkraut

Wer lobt, muß fürchten, für dumm gehalten zu werden. Wer rügt, ist sicher für klug zu gelten.“ Dieses Bonmot des französischen Schriftstellers Jean Cocteau bringt eine uralte Wahrheit auf den Punkt. Schon Cocteaus Landsmann Jules Barbey d’Aurevilly, der in dessen Geburtsjahr 1889 verstarb, ließ sich offensichtlich von diesem Ausspruch leiten. Wie sonst läßt es sich erklären, daß der aus normannischem Adel stammende französische Schriftsteller eine heftige Polemik gegen seinen deutschen Rivalen Johann Wolfgang von Goethe schreibt? Oder war Neid die Antriebskraft für sein Schreiben? Wohl kaum! Eher schon eine prinzipielle Abneigung des monarchistisch gesinnten Franzosen gegen den Erbfeind Deutschland. So spottet er in seinem Buch „Gegen Goethe“: „In Goethes deutschem Hirn ist immer ein bißchen Sauerkraut.“ Im Hintergrund steht wohl ebenfalls eine äußerst spannungsgeladene Beziehung zu Charles-Augustin de Sainte-Beuve, einem glühenden Goethe-Verehrer. Doch auch in Barbeys Naturell mag ein Grund liegen. Er war ein Exzentriker, ein glühender Katholik und ein Schriftsteller mit Temperament und Verve, dem gegenüber fast alle heutigen Berufskollegen blutleer wirken. An seinen liberalen oder demokratisch gesinnten Zeitgenossen ließ er selten ein gutes Haar. Es mußte zur großen Kontroverse kommen, da Goethe und Barbey in ihrem Charakter kaum gegensätzlicher hätten sein können, beide aber in ihrer Bedeutung einander gleichkamen, auch wenn Barbey d’Aurevilly, das literarische Vorbild Georges Bernanos‘, heute zumindest in Deutschland fast vergessen ist. Auf der einen Seite steht der erfolgverwöhnte, angepaßte, fast aalglatte, später geadelte Geheimrat, der wertekonservativ, aber im letzten nicht sonderlich religiös ist; auf der anderen Seite steht ein uraltem Adel entstammender überzeugter Monarchist, ein Kämpfertyp, der nach langen Jahren inneren Ringens zum katholischen Glauben gefunden hat und diesen nun mit aller Schärfe verteidigt, wobei er mit seinen geistigen Kontrahenten keineswegs zimperlich umgeht und auch auf Karriere und eigenes Ansehen keinerlei Rücksicht nimmt. Man kann ahnen, wessen Werke mehr Temperament und auch Spannung aufweisen. Damit ist schon der von Barbey benannte Hauptkritikpunkt an den literarischen Werken Goethes angesprochen: Sie seien langweilig. Dies gilt für die Theaterstücke ebenso wie für die Gedichte und Romane. Barbey d’Aurevilly echauffiert sich: „Die Langeweile, die Goethe verbreitet, ist ebenso groß wie sein Ruhm, und sein Ruhm – das muß man ihm zugestehen – ist der größte unter allen modernen.“ Auch mangelnde Variationskunst wirft er Goethe vor. Dies gilt insbesondere für Goethes Frauengestalten. Alle Frauen im Gesamtwerk Goethes lassen sich auf Gretchen im „Faust“ zurückführen. Das primitive junge Mädchen sei der einzige Typ Frau, den Goethe kenne. Ein Gegenbild zu sich selbst zeichnet der französische Aristokrat schließlich da, wo er den deutschen Gegner rügt wegen seiner „Art, sich für alles ein bißchen zu interessieren und über nichts in Begeisterung zu geraten“. Barbey, dem streitbaren Dandy und kämpferischen Apologeten, muß kaum etwas verhaßter gewesen sein als der elegante Gesellschaftsmensch „in seiner angeborenen Mittelmäßigkeit“, der sich auf jedem Terrain sicher zu bewegen weiß, ohne anzuecken. Barbey hingegen suchte geradezu die stetige Auseinandersetzung und liebte die Provokation. Wenn Barbey also an Goethe die Begeisterung vermißt, dann gilt dies insbesondere für den religiösen Bereich, denn hier gehört Begeisterung wesensmäßig zur Glaubensüberzeugung dazu. So kritisiert er im vorliegenden Buch immer wieder die Religiosität des gebürtigen Frankfurters – und er tut dies in immer neuen Varianten. Goethes Selbstbezeichnung als „protestantischer Diogenes“ wird von Barbey fortgeführt: „Goethe ist gottlos, aber Protestant.“ Ferner kennzeichnet er ihn als Humanisten und „Menschenfreund“. Da sich in Goethes Werken auch eine Wertschätzung des Hinduismus finden läßt, macht Barbey bald „etwas Hinduistisches in Goethe“ namhaft, überschlägt sich schließlich in Formulierungen wie: „Er war also in der Tiefe seines Wesens ein Hindu.“ Oder nennt ihn gar einen „Hindu-Trottel“. „Wer rügt, ist sicher für klug zu gelten.“ Und es ist ein Leichtes, an Barbeys polemischer Streitschrift Kritik zu üben. So läßt Barbey oft die gebotene Sachlichkeit vermissen und nimmt es auch mit Zitaten seines Rivalen nicht immer ganz genau, wenn er diese verkürzt, verdreht oder aus dem Zusammenhang reißt. Lionel Richard listet daher in seinem Nachwort der neuen Ausgabe pflichtgemäß alle diese Punkte auf. Wenn Richard allerdings Barbey als „Witzbold wider Willen“ bezeichnet, ist seine Kritik an dem exzentrischen Franzosen wohl genauso überzogen wie dessen Kritik an seinem Weimarer Zeitgenossen. Sachlichkeit darf von Barbey d’Aurevilly nämlich gar nicht erwartet werden. Er hat nie ein Sachbuch verfaßt, und das vorliegende Buch ist keine literarkritische Untersuchung. Er ist ein Meister der Sprache, der keinesfalls hinter Goethe zurückstehen muß. Ebenso ist er ein erbitterter Kämpfer, dessen Temperament dem Leser aus jeder Zeile entgegenspringt und der es versteht, diesen mitzureißen. Seine Attacken gegen Goethe sind voll beißendem Spott, doch gerade durch die überzogene Art der Darstellung hat der Autor sie auch mit einer gehörigen Prise Humor gewürzt. Jules Barbey d’Aurevilly: Gegen Goethe. Matthes & Seitz, Berlin 2006, 142 Seiten, gebunden, 19,80 Euro Foto: Relief mit Friederike von Brion (links) und ihrem Verehrer Goethe: Immer wieder nur Gretchen

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles