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Gegenwart im Zwielicht

Der Bodensee liegt im „Herzen Europas“. Wo sonst gibt es eine harmonische Kulturlandschaft mit solch historischem Tiefenraum? Er reicht von den archaischen Gottesbildern der Reichenau bis zur Reformpädagogik von Salem. Man wandert durch die Weinberge. Vom deutschen Ufer geht der Blick hinüber, die Horizontlinie aufgelöst im Dunst, dahinter die Silhouette der Alpen. Ein südliches Bild, das Weite und Idylle eigentümlich verquickt. So auch in der alten Reichsstadt Überlingen. Dort wohnte seit 1925 der „Weise vom Bodensee“, Leopold Ziegler, Religionsphilosoph und Hauptvertreter der „integralen Tradition“ in Deutschland. Hier faßte er rückblickend sein Lebensgesetz zusammen. Wir wollten „das Erbe der Vergangenheit“ nicht preisgeben, dabei der Zukunft uns öffnen: „Ältestes mit Treue zu bewahren und doch zugleich dem Neuen standzuhalten.“ Es ging darum, die Zeit an „das Bild des ewigen Menschen in der Seele“ zu erinnern. Wir haben unsere „mythische Einheit mit dem göttlichen Ursprung“ verloren. Wollte man diesen Verlust umwenden, den Menschen „re-integrieren“, die ganze Überlieferung mit einbeziehend, war der Aufbau eines Gedächtnisses von gewaltiger Struktur notwendig, galt es doch, die Antinomien der Geschichte in höherer Einheit aufzuheben. Aus diesem Grund hat Gerd-Klaus Kaltenbrunner Erinnerung und Versöhnung als Grundprinzipien von Zieglers Denken aufgestellt. Den Buddha deutete Ziegler protestantisch Ziegler wurde am 30. April 1881 in Karlsruhe geboren. Er studierte und promovierte 1905 in Jena mit einer ambitionierten Arbeit über den „abendländischen Rationalismus und den Eros“. Seitdem Privatgelehrter, zwischen 1907 und 1921 schwer erkrankt, widmete er sich ausschließlich seiner literarischen Arbeit. Die Weimarer Jahre und die frühe Bundesrepublik schenkten ihm Aufmerksamkeit und zahlreiche Ehrungen – Reflexe des mentalen Wandels. War die Zeit nach 1918 neuer Religiosität, Kulturphilosophie, der Reichsmystik günstig und ständische Ideen im Aufwind, so stand sein Alter im Zeichen der Abendlandidee. Der Nietzsche-Preis von 1920 ehrte den Verkünder des „Übermenschen“, der Frankfurter Goethe-Preis 1929 den Herold der Reichsidee. Seine Goethe-Reden 1932 und 1949 verlangten den universellen Humanisten; die Ehrungen seit 1951 (Großes Bundesverdienstkreuz 1956) galten dem christlichen Europäer. Charakteristisch auch Freundschaften und Briefpartner: Sie zeigen ein biographisch-zeitgeschichtliches Spektrum von Walther Rathenau und Hermann Keyserling über Emil Staiger und Friedrich Georg Jünger bis hin zu Reinhold Schneider und Theodor Heuss. Als wichtigste Werke Zieglers seien genannt: – „Metaphysik des Tragischen“ (1902), „Das Wesen der Kultur“ (1903), „Das Weltbild Hartmanns“ (1910) – „Gestaltwandel der Götter“ (1920), „Der ewige Buddha“ (1922), „Das heilige Reich der Deutschen“ (1925) – „Überlieferung“ (1936), „Menschwerdung“ (1948), „Das Lehrgespräch vom Allgemeinen Menschen“ (1956). Leopold Ziegler ist außerordentlich schwer zu fassen. Als spekulativer Universalist und „Dichterdenker“ steht er Hermetikern wie Evola und Guénon, aber auch den Kulturphilosophen Oswald Spengler und Graf Keyserling nahe. Nach 1920 wurde sein „Gestaltwandel“ in einem Zug genannt mit Spenglers „Untergang“ (1918/22) und Keyserlings „Reisetagebuch“ (1918). Ziegler ging aus von einer pessimistischen Weltbetrachtung, die das absolute Sein als „unbewußt“ der Reflexion entzogen sieht und nur gegen blinden Trieb uns offenbart. Die „Bewußtwerdung“ als Heilsvorgang zeigt das universelle Motiv der Gnosis eigentümlich mit Hegel und Schopenhauer verquickt, verweist dabei auf die asketische Praxis des Orients. Von da aus thematisiert er Kulturproblem und Vernunft. Erscheint das Wesen der Kultur spekulativ als „geschichtlich-übergeschichtlicher Vorgang der Selbstverwirklichung Gottes“ und „die Gesamtheit aller nur möglichen Beziehungen zur Gottheit“, gerät die Gegenwart ins Zwielicht. Gott ist verschüttet, entfremdete Ratio dominiert den schöpferischen Geist. Gerade der wird aufgerufen, „die Regeneration unseres gemeinsamen Daseins“ zu leisten. Spätromantisch vertrackt, klingen hier die zentralen Themen schon an. Ruhm kam mit dem „Gestaltwandel“ 1920/22. Der verfolgt das Schicksal Gottes im europäischen Bewußtsein, von der homerischen „Weltheiligung“ bis zum Atheismus moderner Wissenschaft. Der Autor hält fest am Impuls zur Transzendenz, die Gottesbilder indes für abgetan. So propagieren seine „Mysterien der Gottlosen“ paradox eine atheistische Religiosität, die große Zustimmung fand. Um sein Konzept religionsgeschichtlich zu unterfüttern, schreibt er nun ein Buch über Buddha, den er protestantisch deutet. Als Modell negativer Theologie relativiert der buddhistische Protestant nicht nur Götterbilder, Dogmen, Autorität, sondern kulturkritisch auch westlichen Wirklichkeitsfanatismus und Egomanie. Innere „Gelassenheit“ durch Nichtverhaftung gibt den modernen Vereinzelungsdrang preis und so den „universalen Menschen“ frei: Der Gläubige erlebt „nicht mehr individuell, sondern generell, erlebt (…) was jedem und allem zufällt und beschieden ist“. Damals schrieb er, er kenne nur zwei Wege, unsere Zerrissenheit in einer widerspruchsvollen Welt zu lösen: Mystik und dialektische Philosophie – die Modalität der dualen Ebene zu überwinden via Inklusionsform eines höheren Dritten. Solch polyphone Einheit beschrieb er nun als „heiliges Reich der Deutschen“ (1925). Es zog geschichtsphilosophisch die Summe des „deutschen Menschen“ in der Welt. Freundschaft mit Edgar Julius Jung Es fehlte nicht an Resonanz, Ziegler ging auf Vortragsreisen; so sprach er 1921/23 bei der „Schule der Weisheit“ in Darmstadt. Die Zeitumstände stimulierten ihn zur Teilnahme an politischen und ökonomischen Debatten. Die Paneuropa-Union regte seinen „Europäischen Geist“ (1929) an. Hier wurde die Gotteskrise als „Karfreitag“ des Bewußtseins deutlich. Eine „Erneuerung“ der Religion stand bevor. Es ging um Überwindung der Säkularisierung, auch strukturell, lenkte doch „ein ganzer Komplex von Verdiesseitigungen jedermanns Aufmerksamkeit ab von dem mittelpunktsbezogenen Mysterium der Religion“. Ziegler erkannte scharfsinnig, daß der moderne Ausdifferenzierungsprozeß die Substanz des Absoluten verdampft. Hier entsprang fundamentaler Widerstand: sein Selbstverständnis als „Revolutionär um der Tradition und ihrer Erneuerung wegen, als ‚Mitwirker Gottes'“. In diese Jahre fällt seine Freundschaft mit Edgar Julius Jung. Beide, seit 1928 zu intensiver „Arbeitsgemeinschaft in politicis“ verbunden, ergänzten sich gut. Das mythologisches Europakonzept Zieglers wollte Jung politisch umsetzen. Beschwor jener mit der Integration von Glaube und Wissen ein „neues Mittelalter“, so war für diesen seit dem Krieg die Zeit reif für ein „zweites Abendland“. Sein Hauptwerk „Die Herrschaft der Minderwertigen“ verkündete eine neue Theokratie: „Das Ziel ist nicht Unabhängigkeit von der Religion, sondern Freiheit in der Religion (…) Gott muß wieder der Mittelpunkt des ganzen Lebens, Denkens und Empfindens werden (…) Das Christentum muß einen neuen Stil erhalten, indem es eine freie geistige Macht wird, die das Leben in Wahrheit läutert.“ Um Jungs Ideen zu propagieren, schrieb Ziegler die „25 Sätze vom deutschen Staat“ (1931). Sie formulierten Gesellschaft und Staat körperschaftlich um. Das Modell eines „organischen“ Ständestaates sollte die deutsche Idee von Demokratie und Freiheit pointieren. Klar fiel die Absage an Hitler aus. Ziegler ging ins Schweizer Exil, blieb aber unbehelligt Zieglers Initiativen verstärkten sich. Am 3. April 1932 kam es zur Begegnung mit Brüning. Jung, seit 1933 Sekretär Papens, setzte sich beim Vizekanzler für Ziegler ein, während der jungkonservative Widerstand sich formierte. Ideellen Nachdruck sollte ein Treffen zwischen Ziegler und Papen bringen. Dazu kam es Anfang April 1934 in Sorrent, wo Ziegler Papen „die Augen über Hitler öffnen“ sollte. Die Begegnung blieb ergebnislos, doch der freundschaftliche Kontakt hielt an. Beide trafen sich am 21. Mai zum letzten Mal. Dort erörterten sie Jungs Attentatspläne. Schließlich verfaßte dieser die berühmte Marburger Rede Papens vom 17. Juni. Am 30. Juni folgte der Röhmputsch; Jung wurde in der Nacht zum 1. Juli im KZ Oranienburg erschossen. Nach der Ausmerzung der konservativen Opposition war Ziegler nun selbst gefährdet, ging vorübergehend ins Schweizer Exil, blieb indes unbehelligt. So war es möglich, das Alterswerk zu schaffen. Es schloß den Gedanken der universalen Tradition ab und näherte sich gleichzeitig Christus an. „Überlieferung“ entfaltet das Programm, „die ewige Symbolik der alten Kulte und Riten sinngerecht je neu zu deuten, in der Wandlung zu bewahren und derart die eigene Vergangenheit in sich aufzuheben und zu sich hinüberzuretten“. Damit wird das „gleichsam verlernte Alphabet des Weltgeistes“ wieder lesbar. Es meint die „tatsächlich ‚ökumenische‘ Offenbarung der Völker und Heiden“, die einstimmt in die christliche Offenbarung und Christus erkennt als „letzten Gott, der alle Götter in sich vereinigt und in sich verklärt“. Zieglers intelligenteste Leser waren vier Theologen. Die Katholiken Alois Dempf und Pater Przywara würdigten den Traditionalismus kritisch als „neue Katholizität“ und erteilten Zieglers universaler Ökumene doch eine Absage. Anders die vielfach mit den esoterischen Traditionen des Christentums vertrauten Protestanten Walter Nigg und Ernst Benz. Heute sollte das kulturelle Projekt einer „Urtradition“ als globalisierungskritischer Gegenuniversalismus ernstlich ins Auge gefaßt werden. Das Œuvre des Meisters vom Bodensee war lange vergriffen. Seit fünf Jahren legt jetzt der Würzburger Verlag Königshausen & Neumann die Hauptwerke neu auf. Auch Briefe, Aufsatzsammlungen Ziegler, biographische Dokumente sind im Rahmen dieser Edition erschienen. Foto: Leopold Ziegler (1881-1958): „Zugleich dem Neuen standzuhalten“

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