Die Wahrheit der Statistik

In der aktuellen Rangliste des Weltfußballverbandes FIFA belegt Deutschland nach der Niederlage gegen Italien nur noch Platz 22. Davor rangieren mit den USA (Platz 5), Ägypten (17), Japan (18) und dem Iran (19) Nationen, die in der Vergangenheit als „leichte Gegner“ eher belächelt wurden. Doch nicht nur die DFB-Auswahl hat an Status eingebüßt, auch die Bundesliga scheint heute international nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Unter den 16 Mannschaften, die die Viertelfinalspiele der beiden europäischen Vereinswettbewerbe austragen, befindet sich mit Schalke 04 allein noch ein einziger deutscher Club. Den schon seit einigen Jahren zu beobachtenden Bedeutungsverlust der höchsten deutschen Spielklasse meinen nicht wenige allzu salopp darauf zurückführen zu können, daß sich in den Vereinen der mittleren und unteren Ränge ja schließlich auch nur noch die Stars des albanischen und georgischen Fußballs tummelten. Ein Blick auf den 26. Spieltag der Bundesliga läßt diese Auffassung jedoch als Vorurteil erscheinen. Von den 237 Spielern, die insgesamt zum Einsatz kamen, waren 136 Ausländer aus 46 Nationen. Gerade einmal drei von ihnen stammen aus Albanien, lediglich einer aus Georgien. Zutreffend ist allenfalls, daß der Balkan insgesamt mit 24 Akteuren verhältnismäßig stark auf dem Rasen vertreten war. Das mit Abstand größte nationale Kontingent stellten allerdings Kicker aus Brasilien (16), den Niederlanden (10), Tschechien (9) und Dänemark (9). Bei den Brasilianern handelt es sich allerdings im Regelfall nicht um Spieler, die auch nur im entferntesten darauf hoffen dürfen, jemals für ihre Nationalmannschaft berücksichtigt zu werden. Die Fußballweltmacht betreibt eine stark exportorientierte Nachwuchsförderung und kann aus einem Reservoir allein von Auslandsprofis schöpfen, das die Bestückung von mehreren Auswahlmannschaften der Spitzenklasse zuließe. Ein Zusammenhang zwischen nationaler Homogenität des Teams und sportlichem Erfolg ließ sich am 26. Spieltag nicht erkennen. Für den Abstiegsaspiranten 1. FC Köln spielten – der Spitzenwert des Tages – neun deutsche Staatsbürger; er verlor in Hannover und ist hoffnungslos abgeschlagen Tabellenletzter. Für den VfL Wolfsburg liefen ganze zwei Deutsche und ansonsten Profis aus neun Nationen auf – er verlor sein Heimspiel gegen den HSV und befindet sich nun ebenfalls in akuter Abstiegsgefahr. Bei den 101 Profis mit deutscher Staatsbürgerschaft läßt sich bei über 20 Prozent ein wie auch immer gearteter Migrationshintergrund ausmachen. Man kann sich also nicht damit herausreden, daß ein Einbürgerungsrückstand für die Misere von Klinsmanns Nationalmannschaft verantwortlich wäre.

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