Die Entdeckung der verborgenen Leichtigkeit

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Die Kamele verekeln einem die Quellen“. Wo sich über Autor und Text Kommentar um Kommentar schichtet, gibt es am Ende kaum mehr etwas zu sehen. Arbitrarität, überbordendes Gedächtnis und die Vormacht des Sekundären waren für Nietzsche immer ein zentrales Thema; man denke nur an die „II. Unzeitgemäße Betrachtung“. Günter Zehm dringt in seinem „Schlußwort Zarathustras“, mit dem ein weiterer Band seiner Jenaer Vorlesungen vorliegt, durch alle Deutungslabyrinthe hindurch, er legt die Quelle frei: ad fontes! Dabei scheut er Ketzereien gegen die etablierte Nietzsche-Philologie nicht: Er betrachtet die monumentale Colli-Montinari-Ausgabe – zu Recht – als ein nur vorletztes Wort (wie könnte es bei Nietzsche ein letztes geben?) und hält sich an Schlechtas bewährte Edition. Ähnlich wie die französischen Nietzsche-Interpreten geht Zehm vom Plan eines Werkes „Wille zur Macht“ aus. Man kann darüber unterschiedlicher Auffassung sein: Heidegger war wohl der erste große Nietzsche-Interpret, der an diesem durchgehenden Konzept Zweifel anmeldete. Doch bringt es Zehms Betrachtung der Dinge in jedem Fall mit sich, daß die Philologie wieder zu Philosophie wird, ohne gegenüber der Denkpartitur unmusikalisch zu werden. Sein Schlüssel sind die Inkonsequenzen Nietzsches; der vieldeutige Zusammenhang von Leben und Denken. Insofern steht Zehm den „Nietzsche-Mythologien“ Ernst Bertrams oder Pierre Klossowskis näher als Heideggers letzt-metaphysischem Nietzsche. Ein nüchterner Blick, aus der gemeinsamen sächsischen Herkunft vom mitteldeutschen Tiefland, den sich Zehm erlauben kann, hilft dabei, Nietzsche wie am ersten Tag zu lesen; als großartig monolithisches Kind, als Versuchenden und Versucher, Meister unterschiedlicher Musikalitäten und Tempi des Stils, der zugleich aufs anregend-ste und gefährlichste abhängig von wechselnden Stimmungen war. Kein Buch über Nietzsche möchte Zehm vorlegen, sondern eins mit ihm: und dies gelingt ihm glänzend. Zehms „Nietzsche“ folgt einer geschickten Dramaturgie des Crescendo: Nietzsche wird zunächst im Vis à vis zu Schopenhauer und den Linkshegelianern positioniert, dann hat der Held selbst seinen Auftritt. Zehm beginnt mit phasenübergreifenden Querschnitten. Er zeigt, wie die proklamierte Leichtigkeit und Nietzsches Lebenslast in einer unüberbrückbaren Differenz zueinander standen. Deren Tragik verkennt er nicht, doch er verschweigt auch nicht die komischen Züge in Nietzsches permanenter Selbst-überanstrengung. Sodann charakterisiert er das Werk: Aphorismus und Parabel kennzeichnet er als die Nietzsche genuinen Formen des Philosophierens; auch der Zarathustra ist aus ihrem Stoff gewoben. Begreift man dies, so wird man von der Not entlastet, ihn partout als fünftes Evangelium oder umgekehrten Platon-Dialog zu nehmen. Dem Lyriker Nietzsche erweist Zehm immer wieder seine tiefe Referenz. Schon hier scheut er sich nicht, mit Nietzsche in scharfsinnige philosophische Zwiesprache zu treten, das Sachgespräch auf Augenhöhe zu eröffnen. Dabei nimmt er die amphibolische Charakterisierung der Frau ebenso ins Visier wie die untergründigen Spuren des Willens zur Macht in der Natur. Talkshowladies, Hillary Clinton und die subtilen, keineswegs nur auf Wil-lensentfesselung orientierten Listen der biologisch erschlossenen Natur haben hier ihren Auftritt. Eigentlich aufregend ist die Unaufgeregtheit des Zwiegesprächs. Nietzsche sieht manches klar und überhell: die Verhäßlichung Europas und die Machtakkumulationen des Mittelmaßes. Anderes entgeht ihm. Erst nach diesen Durchsichten wird das eigentliche Nietzsche-Drama evoziert: Die Premiere geschah mit der „Geburt der Tragödie“, die, wie Zehm scharfsinnig darlegt, eher dem Geist Wagners als der frühen Griechen verpflichtet war. An entscheidendem Punkt widerspricht er Nietzsche, deutlicher, als dies in der Schar der epigonalen Nietzsche-Adlaten heutzutage üblich ist, und sehr zu Recht: Kern der Tragödie ist nicht der „singsanghaft respondierende und urteilende Chor“, sondern Vergegenwärtigung Gottes, das Urwort „Du bist“. Dann folgt der aufsteigende Handlungsstrang in den Aphorismenbüchern der mittleren Jahre. Frage nach dem geistigen Gegenbild Zarathustras Zehm zeigt, wie die Einkreisung und Durchleuchtung von Phänomenen sich mit sophistischen Tricks paart; in Nietzsches Text ist also inhaltlich und methodisch Disparates verknotet. Zehm deutet einerseits das subtile Geflecht der Aphorismen an, er deutet an, wie sie gelesen sein wollen, er mißtraut aber zugleich Nietzsches Gestus des Entlarvens und Demaskierens. Der Mensch werde profaniert, in seiner Selbstübersteigerung zum Übermenschen werde ihm der Glorienschein aber vielfach und hyperbolisch zurückgegeben. Und der „Gipfel der Betrachtung“? Zehm findet ihn nirgends anders als im „Zarathustra“, vor allem in dessen drittem Buch. Er sieht die Nähe des Willens zur Macht und des Übermenschen-Topos. Deren Zerquältheit und Übersteigerung wäre, mit Botho Strauß, vor dem Horizont der verschwiegenen Wahrung des Geheimnisses der Welt zu modifizieren. Auch dafür gibt es Fingerzeige bei Nietzsche. Doch das eigentliche Proprium des „Zarathustra“ ist die „ewige Wiederkehr“, die Zehm wunderbar erhellend auslegt. Er deutet sie als „Nietz-sches Strategie gegen den Fortriß der Zeit, den die Götter uns auferlegt haben“: Es ist der umsichtige, ihre Leichtigkeit bewahrende Blick auf die Dinge, auf das Nahe, der dieses Innehalten inmitten der Zeit ermöglicht. Urbild ist die Kindheit, der weite Himmel scheinbar unbegrenzter Zeitoffenheit. Nietzsche hat gelegentlich beklagt, daß ihn niemand je nach der Herkunft seines geistigen Gegenbilds, Zarathustra, fragte. Zehm fragt und gewinnt von hier her einen Schlüssel für den absteigenden Strang der Tragödie: Zarathustra schafft in Nietzsches Augen als erster den verhängnisvollen Irrtum der Moral (er ist Vorläufer des Platonismus und des Christentums); daher muß er ihn auch als erster erkennen. Die Zarathustra-Gestalt gehört in die Mitte des von Zehm mit Nachdruck konstatierten lebenslangen Ringens Nietzsches mit dem Orient, mit Ägypten: Ist es ihm doch der Inbegriff der Hinterwelten, der Negierung der Welt durch Hinterwelten. Dies ist auch der Horizont, vor dem die Verfluchungen des Antichrist zu verstehen sind. So wie es Thomas Mann einst empfahl, immunisiert sich Zehm gegen alle obsoleten Theorien über die subkutane Affinität zwischen Genie und Wahnsinn: Nietzsches Fall ins Dunkel eignet sich, anders als der geistreiche Mythologe Pierre Klossowski wollte, nicht als anarchisches Komplott. Zarathustras Schlußwort endet jedoch nicht mit dem Verstummen Nietzsches, es schließt die Resonanzen auf den Denker ein, der, sehr im Unterschied zu vielen seiner Adepten, als Gegenteil des Zeitgeistphilosophen, ohne alle Fortschrittserwartung auf das Übermorgen hin dachte. Wie Marx sollte Nietzsche die Massen bewegen, und doch bewegte er, anders als jener, die Gewichte innerhalb der Philosophie. So zeichnet Zehm Nietzsches Wirkungsgeschichte keineswegs primär in den Weltbürgerkrieg der Ideologien ein, sondern in ein Spektrum von faszinierenden unterschwelligen Perzeptionen zwischen Bergson, Dil- they, Max Weber, Spenglers Gestaltgeschichte und Ernst Jüngers „Arbeiter“, den schon Heidegger in den dreißiger Jahren als Fortschreibung Nietzsches im Weltalter der totalen Mobilmachung deutete. Die Linie setzt sich nach 1945 in Frankreich fort, als Nietzsche unter Lukács‘ Diktum der „Zerstörung der Vernunft“ im westlichen und im östlichen Teil Deutschlands unterschiedlich, doch letztlich unisono verfemt war: mit Bataille und Sartre. Zwiegespräch auf dem Boden von Kunst und Sprache Doch schwerer als dies wiegt, Zehm weiß es natürlich, Heideggers große Zwiesprache mit Nietzsche während der NS-Jahre. Hier ist Zehms Nietzsche-Buch, wie bei der Darstellung der ewigen Wiederkehr, auf der Höhe seiner eigenen originär philosophischen Kraft. Zehm löst sich aus den eingefahrenen akademischen Debatten um Ende oder Vollendung der Metaphysik. Für ihn spielt sich das Zwiegespräch auf dem Boden von Kunst und Sprache ab. Beide Denker begegnen einander auf der Heimkehr in die „Schenkung aus der Stille“; neben der Kunstwerk-Abhandlung gewinnen die Einsichten in „Unterwegs zur Sprache“ die Bedeutung der verdichteten Nietzsche-Zwiesprache. Die Differenzen sind dabei nicht zu übersehen. Anders als Nietzsche mißtraut Heidegger dem Bild und dem Klang, dem Schein erzeugenden Künstler. Im Zwiegespräch von Heidegger und Nietzsche gewinnt wie en passant die fulminante Einsicht in die unwillkürlich entfremdende Wirkung des Verstehens Gestalt, die bei aller hermeneutischen Emphase auf der Zwiesprache von Denken und Dichtung nicht vergessen werden darf. Der Verstandene wird sich im vollzogenen Verstehensakt nur schwerlich wiedererkennen – Indiz einer Seinsvergessenheit, die aller Ratio notwendig anhaftet. Am Ende führt Zehm seine Hörer und Leser in das ägyptische Nationalmuseum in Kairo. Dort kann man Kinderspielzeug sehen, das ein Kind heute, ebenso wie im Jahr 1400 vor Christus unmittelbar verwenden könne, Indiz des „ewigen Kinderkosmos“, der aufs deutlichste den Grabbeigaben, Ibissen, Pharaonenköpfen in ihrer erhabenen Fremdheit und ihrer frevlerischen kontrastiert: ein Nietzsche kongeniales Szenarium der Konfrontation des spielenden Kindes (pais paizon) mit hinterweltlicher Todesanmutung. Was bleibt? Daß Nietzsche der Welt ihr Geheimnis zurückgegeben hat. Was vergeht? Daß er sich selbst zu nahe kam, des Clair- obscur einer Mischung aus Scherz und Ernst nicht fähig war. Günter Zehm hat Nietzsche zu einem Gutteil die Leichtigkeit zurückgegeben, die der Epochendenker selbst lebenslang suchte. Er hat ein tiefes und zugleich heiteres Buch mit Nietzsche vorgelegt, sympathetisch, doch nüchtern, interessiert, doch klugen Einspruch erhebend, philosophisch gewichtig und aufmerksam bei den näch-sten Dingen. Hans Olde, „Nietzsche auf dem Krankenlager“, Radierung 1899: Großartig monolithisches Kind, Versuchender und Versucher Günter Zehm: Das Schlußwort Zarathustras.Friedrich Nietzsche und die Folgen. Edition Antaios, Schnellroda 2006, gebunden, 265 Seiten, 25 Euro Prof. Dr. Harald Seubert , Jahrgang 1967, ist Dozent für Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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