Der Stolz duftet gelb

Die Produktionen „Bollywoods“ erfreuen sich seit einiger Zeit auch im Westen einer gewissen Beliebtheit. Allerdings ist die Zuwendung eine mit ironischem Unterton, man amüsiert sich auch dann, wenn es um Themen geht, die in Indien ernst genommen werden. Deshalb wird es interessant sein zu beobachten, welche Reaktionen einer der neuesten Streifen auslöst, der unter dem Titel „Die Farbe Safran“ in den deutschen Kinos angelaufen ist. Es geht um einen wenig bekannten Aspekt des indischen Freiheitskampfes gegen die britische Kolonialherrschaft einerseits, um die Bedeutung von Korruption und politischer Willkür in der Gegenwart andererseits. „Die Farbe Safran“ steht dabei als Symbol für die Sehnsucht des indischen Volkes nach Selbstbestimmung und Wahrung seiner Überlieferung. Indien ist bis heute – neben Saudi-Arabien und Marokko – der Hauptproduzent von Safran. Das Gewürz hat aber traditionell nicht nur eine praktische, sondern auch eine sinnbildliche Bedeutung. Das hängt sicher mit der Seltenheit und dem hohen Wert des Safrans zusammen, der zwar schon in den frühen Hochkulturen und der antiken Mittelmeerwelt geschätzt war, aber in erster Linie als asiatisches Produkt galt und gilt. Die Kostspieligkeit des Safrans erklärt, warum er nur ausnahmsweise und nur bei hohen Festlichkeiten in größeren Mengen verwendet wird. An bestimmten Feiertagen ersetzen indische Frauen den üblichen Stirnflecken durch einen safranfarbenen. Safrangelb ist der Reis bei Hochzeiten oder Festen zu Ehren der Götter. Nur sie haben den heiligen Safran im Überfluß, was wohl erklärt, warum die Hindugötter manchmal mit safranfarbener Haut dargestellt werden, und diejenigen, die ihnen nahekommen – vor allem die asketischen Sadhus – safranfarbene Roben tragen dürfen. Nach diesem Vorbild haben das buddhistische Mönchtum und die Sikhs die Vorliebe für entsprechende Gewänder übernommen. Safran ist aber vor allem die Farbe des Hinduismus. In der indischen Nationalflagge ist der obere Streifen safrangelb, um die Hauptreligion des Landes zu repräsentieren, es folgen Weiß für die Buddhisten und Grün für die Moslems. Das Verhältnis dieser drei Religionen war allerdings immer prekär. Unter Hindus ist bis heute die Vorstellung verbreitet, daß Indien eigentlich ein „Hindustan“ sein sollte, daß nur die uralte – „arische“ – Überlieferung für die Nation bestimmend sein dürfe. Nach Meinung dieser Radikalen muß jeder wahre Inder der angestammten Religion folgen. So argumentieren jedenfalls militante Gruppen wie die Shiv Sena, die „Armee Shivas“. Man bezeichnet ihre Anhänger auch als „Safranbrigaden“, da sie in Kleidern zwischen gelb und orange aufmarschieren und dabei die safranfarbenen oder roten Götterwimpel führen, die schon in der Bhagavadgita erwähnt sind und heute – oft mit der Swastika oder der heiligen Silbe „Om“ versehen – die Tempel markieren. Einige Formationen sind bewaffnet und werden polemisch als „Safranfaschisten“ bezeichnet; ihnen legt man Übergriffe auf Moslems und Christen sowie die Zerstörung der Einrichtungen dieser Glaubensgemeinschaften zur Last. Wichtiger und auf die Dauer wirkungsvoller als solche Gewaltakte ist aber die „Safranisierung“ Indiens, die Durchdringung der Gesellschaft, die hinduistische Gruppen verfolgen. Die wird koordiniert durch Sangh Parivar, etwa „Nationale Gemeinschaft aller Hindus“, eine schon 1925 gegründete Dachorganisation. Ihr wachsender Einfluß geht darauf zurück, daß sie sich des Schutzes der regierenden BJP (Bharatiya Janata Party) erfreut. Die Indische Volkspartei stieg nach dem Machtverlust der Kongreß-Partei zur wichtigsten innenpolitischen Kraft Indiens auf. Damit verbunden war aber nicht nur ein Regierungswechsel, sondern auch die Infragestellung des Nationsbegriffs, den Nehru und andere Führer des Kongresses seit der Unabhängigkeit verankern wollten. Die „Farbe Safran“ steht nicht für Indien als territoriale und staatliche Einheit, sondern für eine religiös und kulturell gefaßte Identität, die eine erhebliche Sprengkraft entwickeln könnte. Foto: Demonstration hinduistischer Führer in Neu-Delhi (2003) Die JF-Reihe „Politische Zeichenlehre“ wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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