Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Bevor die Cowboys Rheuma kriegten

Nicht der Kriminalfilm, der Psychothriller oder das Melodram, der amerikanische Western lieferte die zuverlässigsten, größten und mythopoetischsten Bilder über die Geschichte Amerikas und seine Kultur. In den fünfziger Jahren entstanden grandiose Filme von grandiosen Regisseuren, die noch nichts von der Larmoyanz und dem Pessimismus der späteren Italo-Western ahnen ließen. Sie waren zugleich Heimat- und Abenteuerfilme, vor allem aber perfekt inszenierte Liebeserklärungen – manchmal auch Zornesausbrüche – über ein Land, einen Kontinent, dessen Nation erst nach einer blutigen Landnahme und einem furchtbaren Bürgerkrieg, dem ersten modernen Krieg der Weltgeschichte, zu sich selbst finden konnte. Die Geschichte der Pioniere und ihr historisches Erbe haben im Western ihren adäquaten Ausdruck gefunden. Mit „Winchester 73“ drehte der am 30. Juni 1906 als Emil Anton Bundesmann in San Diego geborene Regisseur Anthony Mann wohl den konsequentesten und exemplarischsten Western der Nachkriegszeit. Mann, der seine Karriere als Theaterschauspieler in New York begonnen hatte und von David O. Selznick als Regieassistent nach Hollywood geholt wurde, erzählt in dem 1950 inszenierten Film eine typische Rachegeschichte. James Stewart, Manns bevorzugter Darsteller, spielt einen einsamen Cowboy, der seinen eigenen Bruder durch den Westen jagt, weil der ihren Vater getötet hat. Daneben geht es um ein außerordentlich treffsicheres und zielgenaues Gewehr, jene legendäre Winchester-Büchse, die ständig ihren Besitzer wechselt, und mit der Stewart in einem letzten entscheidenden Duell den Bruder tötet. Sein Wilder Westen ist von Haß und Gewalt zerrissen Mann arbeitete in den fünfziger Jahren – sieht man ab von den Musikfilmen „Glenn Miller Story“ und „Serenade“, dem Abenteuerfilm „Die Todesbucht von Louisiana“, dem Melodram „Gottes kleiner Acker“ und den Kriegsfilmen „Tag ohne Ende“ und „In geheimer Kommandosache“ – fast ausschließlich innerhalb des Western-Genres. Er trug wesentlich dazu bei, daß der Western zum Gegenstand kultischer cineastischer Verehrung wurde. Zu den düstersten und bittersten Filmen jener Zeit gehört zweifellos der ebenfalls 1950 gedrehte Western „Fluch des Blutes“. Ohne Illusionen versucht sich Mann mit der Rassenfrage und dem Unrecht auseinanderzusetzen, das den Indianern angetan wurde. Der Film erzählt die Geschichte eines indianischen Farmers (Robert Taylor), der als Held aus dem Bürgerkrieg zurückkehrt, aber von den Weißen so in die Enge getrieben wird, daß er schließlich zum Gesetzlosen wird. „Fluch des Blutes“ wurde zum Muster für eine Reihe ähnlicher Filme, deren Aussage aber selten so klar war, daß nämlich eine Integration der Ureinwohner nicht gelingen konnte, weil den Weißen aus zumeist ökonomischen Gründen an ihrer Ausrottung gelegen war. Der Regisseur selbst charakterisierte seinen Film als „Tragödie eines Einzelgängers“, der auf der Suche nach Heimat und Gerechtigkeit ruhelos umherwandert in einem von Haß und Gewalt zerrissenen Land, in dem die einen, die Roten, nicht mehr und die anderen, die Weißen, noch nicht leben konnten. Allein John Fords „Der schwarze Falke“, einer der komplexesten Western, der sich mit der traumatischen Landnahme und der Indianerfrage auseinandersetzt, vermochte ein paar Jahre später an Manns „Fluch des Blutes“ anzuknüpfen. Manns Western „Meuterei am Schlangenfluß“ (1952), „Nackte Gewalt“ (1953), „Über den Todespaß“ (1954) und „Der Mann aus Laramie“ (1955), alle mit James Stewart in der Hauptrolle, handeln dagegen von einem Westerner, der – bewußt oder unbewußt – bereits einen Bruch mit der Gesellschaft hinter sich hat. Die Entfremdung des Helden, die sich auch in seinen Taten äußert – Gewaltakte, die ihren Sinn nur noch in sich selbst haben -, gehört zu Manns typischen Themen. Der Kampf mit der Natur, der Kampf in der Natur findet in grandiosen Landschaften statt, die Auseinandersetzungen der Menschen spiegeln sich gewissermaßen in einem „Kampf der Elemente“ (Anthony Mann). Immer suchen seine Helden die größtmögliche Freiheit, gleichwohl wird die Perspektive zunehmend skeptisch, ja pessimistisch. Es ist ein ewiger Kreis, den Mann in seinen Western schildert: der Kampf des Helden mit seiner Vergangenheit, mit seinen Taten, mit seinen „Dämonen“, wie der Regisseur sie nennt. Immer geht es da um Geld und Rache und manchmal auch um eine Frau. Doch es ist ein Kampf, der nicht zu gewinnen ist, und der von Stewart kongenial gespielte Held, lakonisch, abgeklärt und wortkarg, weiß das nur zu genau. Manns späte Helden tragen lange Unterhosen Manns späte Western, „Stern des Gesetzes“ (1957) mit Henry Fonda und Anthony Perkins und „Der Mann aus dem Westen“ (1958) mit Gary Cooper und Lee J. Cobb, sind bereits als Abgesang auf den frühen heroischen Western zu deuten und verweisen auf die Entwicklung des Italo-Westerns. Die Helden tragen lange Unterhosen, quälen sich vor Rheumaschmerzen auf ihre Pferde, sind müde und ausgebrannt und auch moralisch erheblich angeknackst. Nur die Topoi sind noch einigermaßen vertraut: die Western-Stadt, das Sheriffbüro, der Zug, die Prärie, eine junge Frau, die allerdings selbst eine „Vergangenheit“ hat. Viel lieber als sich mit schießwütigen Banditen und unerfahrenen Heißspornen herumzuärgern, würden die Alten gemütlich und umsorgt von einer liebenden Gattin auf der Veranda einer schönen Ranch sitzen. Sie spüren deutlich, daß ihre letzte Reise angebrochen ist, daß die langen Ritte, Trecks und Lagerfeuer nichts als Legenden sind. Die Sprache der Colts, der Ritt in den Sonnenuntergang Manns „Cimarron“ (1960) mit Maria Schell und Glenn Ford war dann auch bereits mehr süßliches Melodram als Western. In den sechziger Jahren drehte er noch die beiden Historienfilme „El Cid“ und „Der Fall des römischen Reiches“, beide mit Sophia Loren, sowie den Agenten-Thriller „Kennwort Schweres Wasser“ mit Kirk Douglas, Richard Harris und Ulla Jacobsson. Bei den Dreharbeiten zu „Todestanz eines Killers“ starb Anthony Mann am 29. April 1967 im Alter von sechzig Jahren an einem Herzanfall in Berlin. Der Hauptdarsteller Laurence Harvey übernahm daraufhin die Regie. An die Erfolge seiner Western konnten Manns letzte Filme nicht anknüpfen. Als habe er dies geahnt, hatte er sich Ende der fünfziger Jahre konsequent vom Western zurückgezogen. Das Brüllen der Rinder, das Getrappel der Pferde, die Sprache der Colts, all die alten Spielregeln waren wie der Western selbst zum Untergang verdammt. Wenige Jahre später hoben vor allem italienische Regisseure den Neo-Western aus der Taufe. Den stolzen Ritt des einsamen Mannes der untergehenden Sonne entgegen haben sie nie nachvollziehen können. Fernsehen: Nackte Gewalt, 30. Juni, 0.15 Uhr, WDR und 1. Juli, 22 Uhr, BR Filmszene aus „Winchester 73“ (1950) mit James Stewart (r.): Immer geht es um Geld und Rache Anthony Mann (r.) bei Dreharbeiten zu „El Cid“ (1961) mit Sophia Loren und Charlton Heston: Vom Western abgekehrt

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles