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Attalljerie

Ein christlicher Sohn aus alteingesessener jüdischer Familie komponiert im Auftrag eines Preußenkönigs die Musik zu einer französischen Tragödie aus einem alttestamentarischen Stoff in deutscher Übersetzung. Was für ein Stoff: Felix Mendelssohn Bartholdy, ein Enkel des bedeutenden jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, 1819 zum Protestantismus konvertiert, vertont 1843 im Auftrag Friedrich Wilhelm VI. die Chöre aus Jean Racines Drama „Athalia“ für Soli, Frauenchor und Klavier in französischer Sprache, die er dann, da der König eine Aufführung in deutscher Sprache wünscht, und mit der deutschen Übertragung von Ernst Raupach unzufrieden, selbst ins Deutsche übersetzt. Die Aufführung wird mehrmals verschoben. Mendelssohn überarbeitet, erweitert und strafft die Chöre zu einer Schauspielmusik, die nunmehr am 1. Dezember 1845 im Königlichen Theater zu Charlottenburg zur Uraufführung kommt. Um die Musik von der Aufführung des Schauspiels zu lösen und für den Konzertsaal handhabbar zu machen, verfaßt Eduard Devrient, einer der für das deutsche Nationaltheater entscheidenden Männer, zwei Jahre nach dem Tod des Freundes „Zwischenreden zur Verbindung für Mendelssohn-Bartholdys Musik zu Athalia“. Helmuth Rilling hat diese Fassung am 27. und 28. April 2002 in der Liederhalle Stuttgart mit der Gächinger Kantorei und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR wiederaufgeführt (Hänssler Classic CD 98.486). Die Ausführung ist redlich, weniger interpretierend als vielmehr das große Ganze umreißend, doch können die Ausführenden dem Chor, eingeschlossen seine Führerinnen – gesungen von den Sopranistinnen Letizia Scherrer, Katalin Halmai und der Altistin Daniela Sindram -, der in der klassischen französischen Tragödie längst funktionslos geworden war, seine Funktion nicht zurückgeben, die er in der griechischen Tragödie hatte, und auch keine neue zuweisen. Die Titelfigur von Racines später biblischer Tragödie, die Götzendienerin Athalia, die den falschen Göttern huldigt und darob ihre gerechte Strafe erhält, gibt nur noch einen schwachen Abglanz seiner früheren Frauengestalten, und musikalisch hat sie Mendelssohn kaum interessiert. Mit der Verarbeitung protestantischer Kirchenchoräle geht Mendelssohn über Racines Intentionen hinaus, der „Athalie“ schließlich für die jungen Damen des Klosters von Saint-Cyr geschrieben hatte, und deutet die biblische Geschichte aus dem Geist des Protestantismus neu. Mendelssohns Sache sind lyrische Einfälle in ansprechender Instrumentation; läßt er es jemals zu dramatischen Steigerungen kommen, so hält er die Zügel klassizistisch kurz oder fällt, bevor’s richtig mit ihm durchgehen kann, in Zeltersche Gangart zurück. Die Devrientschen Zwischenreden können den statischen Eindruck nicht zerstreuen, den die Komposition macht. Der hohe Ton der Sprecher Ulrike Goetz und Rudolf Guckelsberger scheint zuerst sinnvoll, könnte er doch das Geschehen in gebührenden Abstand zum Hörer rücken, aus dem der erst sein Gesamtbild gewönne. Aber beider so bemühte wie unterdurchschnittliche Rezitation verschmiert Devrients nicht eben reinen Vers und entstellt ihn bis zur Unkenntlichkeit. „Attallja“, sagt die Sprecherin, wenn sie Athalia meint; der Beispiele für Manierismen sind viele. Der hohe Ton bleibt hohler Ton und sorgt dafür, daß das Geschehen den Hörer weder mit alttestamentarischer Wucht überfällt noch mit neutestamentarischer zu Einkehr und Buße fordert, sondern sich ihm wie die Auslage eines Friedhofssteinmetzes darbietet und ihn in seinem Vorurteil gegen die Antikenmanie des vierten Friedrich Wilhelm bestärkt. Schade um die Musik. Vielleicht.

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