Anpfiff

Wir haben die Nase gestrichen voll. Es reicht. Schicht im Schacht. Schluß mit Lustig. Vorbei mit allen Nebensächlichkeiten und dem Schnickschnack, mit dem wir in den zurückliegenden Wochen unterhalten oder traktiert wurden – je nach Sichtweise. Jetzt wird es ernst. Das große Spiel beginnt. Wir — das sind Millionen Fußballfans hierzulande, die seit Wochen dem Beginn der Weltmeisterschaft entgegenfiebern. Am heutigen Freitag nun ist es endlich soweit. Das Warten hat ein Ende. Wenn der Schiedsrichter um 18 Uhr in München das Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica anpfeift, ist nichts mehr von Bedeutung außer dem Geschehen auf dem grünen Rasen. Sieg oder Niederlage, Ausscheiden oder Weiterkommen, das allein zählt. „Wichtig ist aufm Platz“, wußte schon Otto Rehhagel, der damit eine jener sprachlich ungelenken, gleichwohl aber Unsterblichkeit beanspruchenden und verdienenden Fußballerweisheiten in die Welt setzte, die zu belächeln nicht erst seit gestern schwer in Mode ist. Geschenkt. Intellektuelle haben den Fußball lange genug in ihren elfenbeinernen Dichterklausen oder, wie unlängst erst wieder im „Philosophischen Quartett“, in gläsernen Fernsehstudios malträtiert, ab heute wird gnadenlos gerehhagelt. Also, wichtig ist aufm Platz: Buchstäblich in jeder Sekunde eines Fußballspiels können sich scheinbar aus dem Nichts wahre Dramen von sophokleischen Ausmaßen ereignen, die eine Partie in der einen oder anderen Richtung beeinflussen — und, natürlich, am Ende entscheiden. Hier ein Foul oder eine verpatzte Ballannahme, dort ein genialer Steilpaß, ein schneller Flügelwechsel oder ein gelungenes Dribbling, der realen Möglichkeiten gibt es so viele wie Grashalme; nicht zu reden von den unter Fans nach einem Spiel gern ausgiebig diskutierten Was-wäre-wenn-gewesen-Optionen. Rückblende: Wir schreiben den 21. Juni 2002 und befinden uns im Shizouka Stadion in Ecopa, Japan. Im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft treffen Brasilien und England aufeinander. Kurz vor der Halbzeitpause führt England mit 1:0, die favorisierten Brasilianer stehen mit dem Rücken zur Wand. In der 2. Minute der Nachspielzeit nehmen die Brasilianer Roberto Carlos und Cafú den englischen Kapitän David Beckham an der Seitenauslinie der eigenen Spielhälfte in die Zange. Der Spielmacher hatte sich acht Wochen vor der WM einen Knochen im linken Fuß gebrochen und war gerade noch rechtzeitig wieder einsatzfähig geworden. Vielleicht aus diesem Grund und der Furcht, sich erneut zu verletzen, meidet Beckham in dieser Situation den Zweikampf und springt meterhoch über das ausgestreckte Bein von Cafú – – wohl auch in der Annahme, der Ball würde über die Seitenlinie rollen. Cafú jedoch gelingt es, den Ball noch vor der Auslinie zu erwischen. Den nun folgenden Angriff Brasiliens kann Rivaldo unmittelbar vor dem Pausenpfiff zum psychologisch wichtigen Ausgleich abschließen. Am Ende gehen die Brasilianer mit 2:1 als Sieger vom Platz, ziehen ins Halbfinale ein, England scheidet aus dem Turnier aus. Das Foto dieser Schlüsselszene mit Beckhams Sprung ist derzeit im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Es ist eines von mehr als einhundertfünfzig, die im Rahmen der für Fußballenthusiasten sehr empfehlenswerten Ausstellung „Das Spiel. Die Fußballweltmeisterschaften im Spiegel der Sportfotografie“ gezeigt werden. Die meisten Aufnahmen von 17 Weltmeisterschaften der Jahre 1930 bis 2002 sind weit mehr als simple Standbilder. Viele der gezeigten Fotos sind in das kollektive Gedächtnis eingegangen, gehören zu den „Bildschätzen der Nation“, wie die Kuratoren Ulrich Crüwell und Per Rumberg im Ausstellungskatalog zu Recht vermerken. Auf den ersten Blick häufig unspektakulär, offenbaren die Fotos in ihrem Kontext die ganze zauberhafte Welt des Fußballs, ein Universum voller Spannung, Leidenschaft und Adrenalin, tragischer Momente und Glückseligkeit. Vor zwei Wochen ist in dieser Zeitung die Ansicht vertreten worden, Fußball sei nur eine Ballsportart und ein Medienereignis, Fußball sei aber nie Kunst gewesen, und im Gegensatz zur Kunst würden im Fußballspiel keine existentiellen Fragen verhandelt (JF 22/06). Das ist Humbug. Wer je Fußball-Göttern wie Pelé, Diego Maradona oder Ronaldinho dabei zugeschaut hat, wie sie eine komplette Abwehrreihe austänzeln, wird ihre Kunst – verstanden als Schöpfung und Ausdruck des Schönen und Einzigartigen – ebenso kniefällig bestaunen müssen wie ein Bild Leonardo DaVincis oder Michelangelos. Auch davon kündet die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Und was nun die existentiellen Fragen betrifft: Fußball war allenfalls in seinen Anfängen einfach nur Sport und Spiel, spätestens mit seiner Popularisierung im anbrechenden Zeitalter der Massenmedien erfuhr er eine mehrdimensionale, metaphysische Aufladung. Dem englischen Vereinstrainer Bill Shankley (FC Liverpool) wird die Äußerung zugeschrieben: „Manche Menschen halten Fußball für ein Spiel auf Leben und Tod. Diese Ansicht enttäuscht mich ungemein. Ich versichere Ihnen, daß es um viel, viel mehr geht.“ Das dürfte auch für jene verstorbenen Fans des walisischen Klubs Swansea City gegolten haben, deren Asche in einer Urne auf dem Spielfeld beigesetzt wurde. Als der Klub in ein neues Stadion umzog, wurden die Urnen ausgegraben, mitgenommen und an der neuen Spielstätte wieder beigesetzt. „Das Herzflimmern ganzer Nationen hängt am Glück oder Unglück ihrer Nationalmannschaften“, heißt es im Katalog zur DHM-Ausstellung. Fürwahr, in den nächsten vier Wochen werden sich wieder wildfremde Menschen in den Armen liegen und hartgesottenen Kerlen Tränen in den Augen stehen. Die ganze Welt schrumpft zusammen auf einen Lidschlag, einen winzigen Moment des Glücks oder der Trauer. Herz, was willst du mehr? Kasten: Die Ausstellung im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Hinter dem Gießhaus 3, ist bis zum 30. Juli täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 2 Euro. Tel.: 030 / 20 30 40. Der Ausstellungskatalog mit 208 Seiten und ca. 160 Abbildungen kostet 25 Euro. Bild: Jürgen Klinsmann jubelt 1990 über den dritten deutschen Weltmeistertitel: Wichtig ist aufm Platz

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