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Am Ende doch recht gehabt

Der Tagebuchschreiber Walter Kempowski läßt sich als eine zornige Thomas-Bernhard-Figur denken, den Auslöschern, Weltverbesserern oder Holzfällern zugehörig, die den mißglückten Lauf der Zeit kommentieren. Doch es gibt zwei gewichtige Unterschiede. Das Parlando von Bernhards Figuren sagt zwar viel aus über sie und ihr Verhältnis zur Welt, aber nur wenig über die Wirklichkeit selbst, was bei Kempowski, diesem Maniak des Empirischen, eindeutig anders ist. Zweitens vollzieht Bernhards re-dundante Rede die Rundungen, Wölbungen und Ausbuchtungen des Barock nach, während Kempowski den trockenen, knappen, norddeutschen Sarkasmus pflegt. Noch etwas sei vorausgeschickt: Kempowski öffentliche Wahrnehmung hat in den letzten Jahre eine unglaubliche Metamorphose erlebt. Es muß ihm Genugtuung bereiten, daß sein Verlag ihn im Klappentext des neuesten Buches „zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart“ zählt, und noch mehr, daß niemand mehr diese Einschätzung bestreitet. Er wird deswegen nicht in Dankbarkeit erstarren, sondern den Ritterschlag als etwas ihm schon lange Zustehendes akzeptieren. In dem Tagebuch des Jahres 1990 heißt es nämlich anläßlich der Arbeit am „Echolot“ selbstbewußt: „Ich gebe der Gesellschaft ihre Geschichte zurück.“ „Hamit“ schließt unmittelbar an „Alkor“, das Tagebuch von 1989, an. „Hamit“ ist die erzgebirgische Dialektform von „Heimat“, die sich ihm während seiner achtjährigen Haftzeit in Bautzen eingeprägt hat. Intensiv verfolgt und reflektiert er den Prozeß der Wiedervereinigung. Anders als den meisten seiner Kollegen konnte es dem 1929 in Rostock geborenen Kempowski damit gar nicht schnell genug gehen. „Was die Teilung Deutschlands mit Auschwitz zu tun hat, kann einem niemand erklären. Die schreien einen gleich an, wenn man danach fragt“, kommentiert er einen Ausspruch des phasenweise umnachteten Günter Grass. Polnische Reparationsforderungen sind ihm unverständlich: „Das muß man sich mal vorstellen. Oder-Neiße-Gebiete mit Ländereien, Bergwerken, Städten, Fabriken, Straßen sind nicht genug.“ Die unwidersprochene Behauptung des französischen Vereidigungsministers im Spiegel-Interview, die Deutschen hätten dreimal sein Land überfallen, pariert er: „Aber 1870 und 1939 war es doch Frankreich, das Deutschland den Krieg erklärt hat.“ Und den Entschluß „friedensbewegter Pastoren“, am 3. Oktober 1990 keine Kirchenglocken läuten zu lassen, und sei es aus Dankbarkeit über die Besiegelung der Religionsfreiheit in Mitteldeutschland, reduziert er auf seinen opportunistischen Kern: „Bei Hitler waren sie nicht so pingelig.“ Das Wiedersehen mit der Heimatstadt nach 33 Jahren verläuft zunächst enttäuschend – wie noch bei jedem Heimkehrer. Niemand erkennt ihn wieder, und denjenigen, denen er sich zu erkennen gibt, erscheint er wie die Objektivierung ihres schlechten Gewissens. Eine kurze Erinnerungssentenz, in der eine Mentalitätsgeschichte der Diktaturen aufblitzt: „Die Klassenkameraden moderat, aber: Rechts neben mir hatte ein Nazi gesessen, der später zur Stasi ging.“ Kempowski schmerzt das Fehlen von Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Aus einer DDR-Literaturgeschichte erfährt er, daß seine Romanfiguren die geschichtlichen Umbrüche und Katastrophen „ohne Gewinn an Erfahrung“ nur „hinnehmen“ würden, und „kleinbürgerliches Verhalten“ schildere er ohne jede Distanz“. Die Autorin dieser Sätze, notiert er, würde er gern mal zu Kaffee und Kuchen treffen und sie fragen, ob sie noch „alle Tassen im Schrank“ habe. Bei solchen Aufwallungen möchte man Kempowski zurufen, die Wirkung solcher Sätze bloß nicht zu überschätzen – man las darüber hinweg. Er kommt auf den Lexikon-Eintrag noch einmal zurück, als er eines seiner Lehrer gedenkt, der im russischen KZ Neubrandenburg gestorben war und deshalb seine Erfahrungen mit den neuen Siegern der Geschichte nicht mehr „fruchtbar“ werden lassen konnte. Er erleidet beinahe einen Schock über den katastrophalen Zustand der Stadt – und dabei war Rostock noch in vergleichsweise guter Verfassung. „Ich setzte mich in eine Bank, und plötzlich fiel es mir ein, der Reihe nach alle die Leute zu verfluchen, die es im Westen – warm und sicher sitzend – so schön fanden und interessant und zukunftsweisend, was hier in der DDR geschah.“ Ironie der Geschichte: Das Viertel, in dem der Reedersohn Kempowski aufgewachsen war, hatte die Stasi in Beschlag genommen und umgestaltet. Als DDR-Ministerpräsident Hans Modrow in Moskau um die Festschreibung der Enteignungen nach 1945 mit der Begründung ersuchte: „Es kann doch nicht sein, daß das jetzt alles enteignet wird“, lautet sein trockener Kommentar: „Das haben sich die kleinen Unternehmer und die Bauern und die Gutsbesitzer 1945 auch gefragt.“ Wie in „Alkor“ gibt es zahlreiche Berichte von Lesereisen sowie Eindrücke und Reflexionen, die einen ernüchternden Einblick in die Innereien des bundesdeutschen Kulturbetriebs geben. Köstlich, wie er die Lesung des millionenschweren, von seiner eigenen Bedeutung erfüllten Arbeiterschriftstellers und unfreiwilligen Thomas-Mann-Parodisten Max von der Grün demontiert, einfach, indem er ihn zitiert. In der FAZ findet er einen „dummen Aufsatz“ über die deutschen Kriegsgefangenen auf den Rheinwiesen: dort sei es „doch gar nicht so schlimm gewesen“! War es mutig vom Verlag oder nur nachlässig, daß die Erwähnung von David Irvings Buch „Schlacht im Eismeer“ nicht aus dem Manuskript gestrichen wurde? Sein Blick in die Zukunft und auf die nachfolgende Generation ist skeptisch: „Märchen, Sagen, Volkslieder – von der Bibel gar nicht zu reden. Was ist heutzutage alles entbehrlich! Wie stößt man uns aus, uns Ausgestoßene! Alles werfen sie ab, um nur immer höher hinaufsteigen zu können. Am Ende platzt der Ballon, das wissen wir doch schon heute.“ Gerade platzt der Ballon! Am 31. Dezember faßt er die Erfahrungen dieses bewegten Jahres zusammen: „Heimat können wir abhaken. Geblieben ist das Heimweh.“ Man sollte Kempowski endlich den Büchner-Preis verleihen. Gibt es etwa einen Würdigeren? Walter Kempowski im September 2005: „Alles werfen sie ab, um nur immer höher hinaufsteigen zu können. Am Ende platzt der Ballon, das wissen wir doch schon heute.“ Walter Kempowski: Hamit. Tagebuch 1990. Albrecht Knaus Verlag, München 2006, 416 Seiten, gebunden, 24,95 Euro

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