Zu Schiller nichts Neues

Ein Autor, der mit der Mode geht, muß heute schon im Titel ankündigen, über eine „Erfindung“ aufklären zu wollen. Seit Benedict Andersons „Erfindung der Nation“ gehört das zum guten intellektuellen Ton. Diesem Marktgesetz gehorcht selbstredend auch ein auf den Erfolg angewiesener „freier Autor“ wie Rüdiger Safranski. Der Germanist, der vor kurzem seinen 60. Geburtstag feierte, war lange in der Erwachsenenbildung tätig, bevor er – wie Fontane – als Mittvierziger seine schriftstellerische Berufung fand. Mit einer Schopenhauer-Biographie landete er 1987 seinen ersten Publikumserfolg. Seitdem ging es flott weiter, von Heidegger zu E. T. A. Hoffmann und Nietzsche und nun, jubiläumsgerecht, zu Friedrich „Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus“. Um es vorwegzunehmen: Wer über diese „Erfindung“ Näheres erfahren will, wird enttäuscht. Bevor Safranski nämlich überhaupt im „Wunderjahr“ 1794 anlangt, als sich in Jena die potentiellen „Erfinder“ zu versammeln begannen, also Fichte und Schiller, Humboldt und Hölderlin, Schelling und Hegel sowie mehr als ein Dutzend kleinerer „idealistischer“ Geister, vergehen 17 von 24 Kapiteln. Dort schildert Safranski in konventioneller Form „Leben und Werk“ seines schwäbischen Landsmanns, und wir erfahren nichts, was wir aus alten (Reinhard Buchwald, 1956) oder neuen (Peter-André Alt, 2000) Groß-Biographien nicht schon wüßten. Die knappen, für den philosophischen Laien zugeschnittenen Darlegungen, mit denen Safranski uns via Fichtes „Absolutismus des Ich“ und Schillers Großessay „Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts“ ins Universum idealistischen Denkens einführt, rechtfertigen den Buchtitel nicht. Ohnehin wäre Safranski zu spät gekommen, da wir seit letztem Frühjahr mit Dieter Henrichs fast 2000seitigem Werk „Grundlegung aus dem Ich“ so minutiös über diesen Erfindungsprozeß orientiert sind wie über Leopold Blooms Tagesablauf am 16. Juni 1904. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen Teil der Auflage gekauft und bietet das Werk für vier Euro an. So stehen Inhalt und Preis in einem angemessenen Verhältnis. Rüdiger Safranski: Schiller oder die Erfindung Deutschen Idealismus. Carl Hanser Verlag, München 2004, 560 Seiten, gebunden, 24,90 Euro

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