Zu neuen Ufern

Die ganze Empörung war – man konnte es ahnen – für die Katz‘. Als Anfang dieses Jahres hierzulande ruchbar wurde, daß die finnische Metalband Stratovarius einen Song auf ihrer neuen CD „Hitler“ betiteln und auch noch Ausschnitte aus einer Rede des Diktators verwenden wollte, hagelte es die vorhersehbaren Proteste (JF 8/05). Sogar von einer möglichen Indizierung durch die Bundesprüfstelle war die Rede. Insbesondere der deutsche Ableger der britischen Plattenfirma Sanctuary Records soll dann die Band dazu genötigt haben, auf Titel und Rede-Ausschnitt zu verzichten. „Sie waren ziemlich angepißt“, gestand der Gitarrist und musikalische Kopf von Stratovarius, Timo Tolkki, kürzlich in einem Interview mit dem Musikmagazin Rock Hard. Von dem 39jährigen stammen Musik und Text des inkriminierten Titels. Inzwischen liegt das Album vor, und siehe da, statt „Hitler“ heißt das Stück jetzt „Götterdämmerung (Zenith Of Power)“. Dabei war, wie gesagt, die Aufregung ohnehin völlig überflüssig. Der Midtempo-Rocker ist weit davon entfernt, politisch anstößig zu sein. Textauszug: „A failed painter, born to change the world / Beaten up kid swore his revenge / Whirlwind of chaos and destruction man has never seen before“. Und an anderer Stelle: „A diabolical plan was created / Armageddon and the apocalypse / Six Million people vanished in the air / For the cause of one man“. Verständlich angesichts dieser Zeilen, daß die Musiker von Stratovarius in Interviews gereizt reagieren, wenn sie heute auf die angebliche Provokation angesprochen werden. Es sei ein Song über die „Perversion der Macht“, sagt Keyboarder Jens Johansson in einem Gespräch mit der Zeitschrift Metal Hammer. „Die übelste Kreatur, die die Menschheit hervorgebracht hatte und die wie niemand anders für Machtmißbrauch steht, heißt Hitler. Also: Wenn sich schon alles um einen solchen Verbrecher dreht – warum darf man dann das Stück nicht auch nach ihm benennen?“ Zwar hält Johansson „Götterdämmerung“ sowieso für den besseren Titel, weil der Text nicht nur ein typisch deutsches Phänomen beschreibe. Trotzdem fühlt er sich als Opfer der Zensur. Der erzwungene Verzicht auf den Redeausschnitt Hitlers stelle „einen ungeheuren Eingriff in die künstlerische Freiheit dar“. Bandchef Tolkki pflichtet ihm bei: Künstler zu sein heiße für ihn, „die Freiheit zu haben, mich ausdrücken zu können. Alleine deswegen bin ich Musiker geworden.“ Der Gleichklang in diesem Punkt kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, daß sich die Bandmitglieder in den letzten zwei Jahren alles andere als grün waren. Ursache für die schweren Turbulenzen waren die manischen Depressionen Tolkkis, derentwegen er sich zeitweise sogar einer stationären Therapie unterziehen mußte. Hinzu kamen Auseinandersetzungen zwischen Tolkki und Bandsänger Timo Kotipelto, der einen größeren Anteil am Kompositionsprozeß von Stratovarius einforderte. Während der Konflikt immer weiter zu eskalieren drohte, bemühten sich der in New York lebende Johansson und Schlagzeuger Jörg Michael, die beiden Streithähne wieder miteinander zu versöhnen. Allein dieser Umstände wegen verdient das jetzt vorliegende, deprimierend einfallslos „Stratovarius“ betitelte Album – es ist das dreizehnte in der Bandgeschichte seit 1989 – ein dickes Plus. Auf epischen Bombast verzichtend, musikalisch abwechslungsreicher und also gewöhnungsbedürftiger als die Vorgänger, scheinen die Finnen nun ernsthaft zu neuen Ufern aufbrechen zu wollen. Im Rahmen der „Monster Metal Madness“-Tour absolvieren Stratovarius zusammen mit der schwedischen Band Hammerfall im November fünf Auftritte in Deutschland: Köln (4.11.), Hamburg (10.11.), Osnabrück (11.11.) Fürth (24.11.) und Kaufbeuren (26.11.)

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