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Wie am Schnürchen

Bernd Willenbrock (Axel Prahl) geht es gut. Er ist kein Mensch, der jammert. Aus dem Off umreißt er kurz und bündig – wie es insgesamt seiner nicht uncharmanten Art entspricht – seine unkomplizierte Lebensphilosophie: Von Kindheit an sei er umgeben gewesen von Menschen, die dauernd gekränkt waren, verletzt und beleidigt. Der Mittvierziger mit dem sprechenden Namen dagegen packte das Glück stets schlicht beim Schopf, und wenn es ihn je verließ, wartete woanders ein neues. Mit solcher Perspektive kann man es weit bringen, selbst in Magdeburg, und auch mit lichtem Haarwuchs, Bauch und geringer Körpergröße. Kinder sind ihm und seiner Frau versagt geblieben, dafür floriert das eigene Autohaus, und das Privatleben wird durch regelmäßige Seitensprünge lebendig gehalten. Nicht, daß Willenbrock ein schlechter Ehemann wäre. Er liebt seine rehäugige Susanne (Inka Friedrich), hat ihr soeben nach dem Mißerfolg mit der – ebenfalls gattenfinanzierten – Galerie eine Boutique für hochwertige Mode in zentraler Lage gekauft, gemeinsame Wochenenden werden in einem schmucken Ferienhäuschen verbracht. Schwach kämpft die hübsche Susanne um ihre Unabhängigkeit, sie empfindet es als Schmach, vom Geld des Mannes Geschäfte als Hobby zu betreiben und schließlich auch noch in den Sand zu setzen. Daß sich auf dem Autohof nächtliche Randale und Einbrüche häufen, tangiert Willenbrocks habituelle Sorglosigkeit nicht wirklich, weil ihm aber bereits die Versicherung gekündigt hat, stellt er einen Nachtwächter ein, dessen Tochter Anna (Anne Ratte-Polle), eine höchst aparte Literaturstudentin, ihm als passable Herausforderung erscheint. Die Eroberung einer jungen Intellektuellen, die – wenn auch widerwillige – ständige Rufbereitschaft der honorigen Dauergeliebten, den Kummer der lebensuntüchtigen Gattin, schwierige Kunden: Da ist nichts, was Willenbrock nicht meistern könnte mit anpackender Hemdsärmeligkeit und einer Portion Mutterwitz. Eine Luftaufnahme des modernen Wohngebiets der Willenbrocks zeigt mit nur einem Bild, wie deutsches Leben funktionieren kann: saubere Straßen, unaufgeregte Architektur, nette Vorgärten – und wie eine gelbe Perlenschnur stehen ordentlich am Gehsteig aufgereiht die Mülltonnen zur Entleerung bereit. Was könnte passieren, wo der große Verdauungstrakt so reibungslos funktioniert? Der Ernstfall tritt ein, als das Ehepaar im romantischen Landhaus brutal überfallen wird. Sie kämpfen um ihr Leben und können entkommen. Schnell werden sie auf der Polizeiwache zwei Russen gegenübergestellt und identifizieren die Verbrecher. Daß sie nicht inhaftiert, sondern ausgewiesen wurden, erfährt das Ehepaar erst viel später. Da ist Willenbrocks heile Welt bereits ins Wanken geraten, in kleinen Stücken bricht ihm jeder Halt weg … Eine der letzten Variationen zur beliebten Quälfrage nach dem Stand des deutschen Films lautete, daß der bundesdeutschen Mentalität nunmal das Pompöse und Divenhafte abgehe: Deutschland sei eben Ingenieursland. „Willenbrock“ nun ist ingenieurmäßiges Gefühlskino. Präzise, fast sachlich – eben ohne duselige Schmachterei einerseits, ohne Psychologisierung andererseits – werden Seelenlagen kartographiert, ausgelotet und vermessen, um dann festzustellen: Diese Statik trägt nicht. Regisseur Andreas Dresen, 1963 als Sohn des Filmemachers Adolf Dresen in Gera geboren, steht für eine meisterhaft pointierte Skizzierung persönlicher Abgründe des oberflächlich unscheinbaren Dutzendlebens. Für seine großartige Ehe-Novelle „Halbe Treppe“ (ebenfalls mit Axel Prahl in der Hauptrolle) hatte er auf der Berlinale 2002 den Silbernen Bären gewonnen, nun hat er mit „Willenbrock“ den gleichnamigen Roman Christoph Heins adaptiert. Wo Hein mehr Augenmerk auf die Rolle des Einzelnen innerhalb der Erosion des Rechtsstaats legt, fokussiert Dresen stärker noch den existentiellen Wendepunkt des Durchschnittsmenschen Willenbrock. Der lernt, daß das Leben teurer ist, als er glaubte – es kostet den Tod. Foto: Bernd Willenbrock (Axel Prahl): Keiner, der jammert

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