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Vom Baugerüst gefallen

Fast vier Jahre nach Amtsantritt des rot-roten Berliner Senats hat Kultursenator Thomas Flierl (PDS) ein Mauer-Gedenkkonzept vorgestellt. Es enthält viele politbürokratische Wortgirlanden und bezeugt seine Lustlosigkeit, sich mit dem Thema überhaupt zu befassen. Doch die Kreuzinstallation von Alexandra Hildebrandt am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie (JF berichtete) setzt Flierl unter Zugzwang. Die Mauer, die 28 Jahre lang in der lokalen, nationalen und globalen Wahrnehmung das bestimmende Bauwerk der Stadt war, wurde nach 1989 konsequent aus dem Stadtbild entfernt, als hätte es sie nie gegeben. Gerade ausländische Touristen zeigen sich über soviel historische Keimfreiheit enttäuscht. Jetzt will Flierl (47) bis zum Jahr 2011 ein Konzept der dezentralen Gedenkorte dagegensetzen. Einen Knotenpunkt soll der Mauerabschnitt in der Bernauer Straße zwischen den Bezirken Wedding und Mitte bilden, der in den neunziger Jahren – künstlerisch verfremdet – nachgebaut wurde. Außerdem gibt es hier ein Informationszentrum und eine Versöhnungskapelle. Die Kapelle steht auf dem Grundriß einer neogotischen Kirche, die 1985 gesprengt wurde, um ein freies Schußfeld zu schaffen. Erhalten bleiben sollen die sogenannte East-Side-Gallery – ein grafittiverzierter Mauerabschnitt an der Spree -, der „Tränenpalast“ – die einstige Abfertigungshalle für den Ost-West-Verkehr am Bahnhof Friedrichstraße – und die Mauersegmente in der Niederkirchnerstraße, die das Gelände des Finanzministeriums von der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ trennen. Am Checkpoint Charlie ist ein Informationszentrum geplant, wo Berlin als Konfliktherd und Seismograph des Kalten Krieges vorgestellt wird. Außerdem soll das System von Grenzmarkierungen und Gedenkkreuzen für Maueropfer fortgeführt werden. Angesichts dieser Vielfalt könnte man fast vergessen, daß die Kreuzinstallation und das Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Flierls Entwurf keine Rolle spielen. Das Konzept scheint vor allem den Zweck zu haben, sie aus dem Stadtzentrum zu verbannen. Dabei muß auch Flierl einräumen, daß „historischer Ort, Mauermuseum und Mahnmal (…) sich zum touristischen Magneten entwickelt“ haben. Genau das reizt den rot-roten Senat zur Weißglut! Während sich den in- und ausländischen Touristen der „Zusammenhang von authentischem Ort, Information/ Dokumentation und Gedenken“ ohne weiteres erschließt, hält Flierl ihn für nicht „sachgerecht“ und „eklektisch“ abgebildet. Es ist ja unbestritten, daß das privat betriebene Mauermuseum historiographisch und museologisch verbessert werden muß. Flierl geht es aber nicht um sachliche Details, sondern um Ideologie. „Aus rechtlichen, städtebaulichen und gedenkstätten- und denkmalspolitischen Gründen kann diese Gestaltung keine Dauer beanspruchen. Insbesondere der Eindruck, das Mauer-Mahnmal könne als relativierende Ergänzung des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas gemeint sein, rief zu Recht heftigen Widerspruch hervor.“ Das heißt: Die Kreuze müssen weg! Es ist bemerkenswert, daß der Kultursenator, der bei jeder Gelegenheit der Ästhetik des Fragmentarischen und Häßlichen huldigt, sich ausgerechnet an dieser Stelle in Berlin-Mitte um die städtebauliche Wirkung sorgt. Das Mauermahnmal will auch keine „Ergänzung“ von irgendwas sein, schon gar keine „relativierende“, es existiert aus eigenem Recht! Schließlich sind die Maueropfer keine „Ergänzungstoten“ gewesen und die Mauermorde weder „relativ“ noch „relativierend“. Das Denkmal klagt an und widerlegt die kommunistische Ideologie, ihre Propheten und Funktionäre, die glaubten, ihrem pervertierten Fortschrittsbegriff Menschen opfern zu dürfen. Diesen Erkenntnisschritt will der promovierte Philosoph Flierl seinen Parteigängern nicht zumuten. In bitter-bösen Zirkeln der PDS-Wählerschaft kursiert bis heute die Meinung, es habe doch jeder gewußt, daß an der Mauer geschossen wurde und daß, wer trotzdem drübersteigen und fliehen wollte, selber schuld hatte, wenn ihm etwas passierte. Flierl benutzt die ermordeten Juden als Alibi, um die Ehrung der Mauertoten auszulagern. Die Installation in der Bernauer Straße – eine Gegend, die hübsch häßlich und herrlich abgelegen ist – kann den Standort Friedrichstraße nicht ansatzweise ersetzen. Im Konzeptpapier heißt es weiter: „Eine von Menschen errichtete monströse Grenzanlage, eine politische Architektur, die Angst bannte und verbreitete, die dafür tötete und von den Menschen auf Dauer nicht geduldet werden konnte, wurde von Menschen unerwartet und friedlich beseitigt: daran lassen sich epochale Umbrüche begreifen.“ Die Menschen bauen auf, die Menschen reißen ab, und ein paar Menschen fallen vom Baugerüst: Das ist PDS-Fritzchens Lesart der DDR-Geschichte. Die Angst der SED-Führung vor dem Machtverlust steht für Flierl gleichberechtigt neben der Furcht, die der SED-Terror erzeugte. Wenigstens bezieht er Position. Das tat auch US-Präsident John F. Kennedy, der am 26. Juni 1963 in seiner legendären Rede vor dem Rathaus Schöneberg sagte: „Die Mauer ist die abscheulichste und stärkste Demonstration des Versagens des kommunistischen Systems.“ Dieser Satz bleibt auch nach dem Ende des Kalten Krieges zentral. Foto: Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße: Die Ehrung der Toten wird aus dem Stadtzentrum ausgelagert

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