Schwarze Witwen

Kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 2004 wurde das Buch über die „Bräute Allahs“ in Rußland von der Zensur verboten. Das konnte nicht verhindern, daß die Arbeit der Journalistin Julia Jusik einen großen Bekanntheitgrad erreichte und im Internet oder unter der Hand Verbreitung fand. Jusik, 1981 in Donezk geboren, ist kaum älter als die Frauen, deren entsetzliche und unglaubliche Geschichten sie erzählt. Zwei Jahre reiste sie durch Rußland und gewann das Vertrauen einiger überlebender „schwarzer Witwen“. Diese tschetschenischen Selbstmordattentäterinnen sind spätestens nach der Teilnahme an der brutalen Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater während der Aufführung des Stückes „Nord-Ost“ und der opferreichen Erstürmung durch Spezialkräfte der Armee zum russischen Schreckensbild geworden. Auch bei der mit offiziell 330 Toten blutigsten Tragödie der Schule in Beslan am 1. September 2004 waren die vermummten und mit Sprengstoffgürteln versehenen „islamistischen Fanatikerinnen“ beteiligt. Jusiks Buch eröffnet nun andere Perspektiven: Danach wurden die Frauen von einer skrupellosen, mafiaähnlichen Fundamentalistenorganisation entführt, häufig vergewaltigt und unter Ausübung von gehirnwäscheähnlichem psychischem Zwang auf ihre Todestouren ohne Wiederkehr geschickt. Dabei hatten sie keine Wahl, denn ihre finsteren Hintermänner haben dir ihnen gewaltsam angelegten Dynamitgürtel aus dem Hinterhalt ferngezündet. Diese Frauen waren vogelfrei, recht- und ehrlos und aufgrund eines archaischen Ehrenkodex von ihrer Familien verstoßen. Als lebende Tote wurden sie in die Hände der tschetschenischen „Wahabiten“ gebracht, um am Ende ihres Martyriums als „Bräute Allahs“ mitleidlos und ferngezündet in die Luft gesprengt zu werden, um den russischen Feind an strategischen Stellen zu treffen. Julia Jusik, die heute für die russische Ausgabe von Newsweek arbeitet, verschweigt dabei nicht die Mitschuld Rußlands an diesem barbarischen Krieg, der seit fünfzehn Jahren in Tschetschenien tobt und weite Teile des Landes wie auch die Hauptstadt Grosny zum Trümmerfeld werden ließ. Julia Jusik: Die Bräute Allahs. Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien. NP-Buchverlag, St. Pölten 2005, 176 Seiten, gebunden, 17,90 Euro

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