Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Pankraz, der Wassertropfen und die „Folter light“

Die sogenannte Folterdiskussion in den US-Medien hört nicht auf und hat mittlerweile geradezu perverse Züge angenommen. Jetzt las Pankraz im Magazin der New York Times den Riesenaufsatz eines gewissen Joseph Lelyfeld, der sich für die Methode "Folter light" stark machte. Sinn der Folter sei, so Lelyfeld, "die vollständige Dekonstruktion des Weltbildes des Gefangenen", und dazu brauche man weder Schläge mit dem Gummiknüppel noch Elektroschocks. Es genüge, das Verhöropfer "jahrelang" vollständig zu isolieren, es nur noch mit seinem Verhör-Offizier kommunizieren zu lassen. Dann werde es ganz von allein gefügig, beginne den Verhörer regelrecht zu lieben und sage ihm alles, was er nur hören wolle.

Zur gleichen Zeit wartete das Time Magazine mit neuen Horrormeldungen aus dem Lager Guantánamo auf. Die Gefangenen dort, so erfuhr der Leser, würden nicht mehr nur mit den "üblichen" Foltermethoden traktiert, als da sind Schlafentzug, stundenlanges In-der-Ecke-Stehen, Unterbindung des Auf-die-Toilette-Gehens, sondern sie würden nun auch einer Prozedur ausgesetzt, die hierzulande jugendliche Karl-May-Leser aus dem Band "In den Kordilleren" kennen und die den meisten von ihnen bisher als ein bloßes Hirngespinst des Autors May vorkam.

Dem Delinquenten wird danach ein münzgroßes Stück Kopfhaar wegrasiert, und dann wird er unter einem mit Wasser gefüllten und mit einem kleinen Loch versehenen Kürbis arretiert, aus dem im Halbminuten-Abstand ein Tropfen Wasser genau auf die kahle Stelle fällt. Der Delinquent lacht zunächst höhnisch über das Arrangement, aber das Lachen vergeht ihm bald. Denn er kann dem Tropfen nicht ausweichen, sein Kopf ist, wie gesagt, fest arretiert, und "pling!" fällt der Tropfen, und in genau bemessenem Abstand wieder "pling" und wieder "pling".

Zuerst, erzählt Karl May, sammelt sich Blut in den Augen des Wassertropfen-Opfers, dann bildet sich Schaum in seinem Mund, er stiert blind in die Gegend, er röchelt, schließlich bricht es aus ihm heraus, er brüllt unartikuliert bei jedem neuen Pling. Nach spätestens drei, vier Stunden, je nach individueller Widerstandskraft, ist jeder weich, bettelt um Gnade, will alles sagen, nur soll man endlich den Tropfen abstellen.

So also geht es zur Zeit laut Time Magazine in Guantánamo zu, und es besteht immer weniger Grund, solchen Berichten nicht zu glauben. Selbst wenn man allen diesbezüglichen Mitteilungen aufgeregter Menschenrechtsgruppen mit Skepsis begegnet und sich auch der Washingtoner Rhetorik nicht ganz verschließt, wonach Zeitschriften wie Time Magazine oder Newsweek unseriös seien und man ihnen nicht trauen dürfe, bleiben noch genügend Sachverhalte, um einen zornig den Kopf schütteln zu lassen. Die verantwortlichen US-Behörden, so scheint es, sind völlig verrückt geworden und untergraben mit ihrem "Krieg gegen den Terror" sehenden Auges die Fundamente ihrer eigenen politischen Ordnung.

Es ist ja offensichtlich: "Folter light" gibt es nicht, "humane Folter" ist eine contradictio in adiecto. Die Quantität schlägt hier immer in die Qualität um, viele kleine Nadelstiche wirken sich auf Dauer verheerender aus als ein einzelner brutaler Schlag in die Zähne. Ist die Wassertropfenfolter denn human und "light"? Ist es human und "light", einen Gefangenen durch jahrelange Total-Isolierung "vollständig zu dekonstruieren", so daß er den Folterknechten nur noch dankbar die Stiefel leckt? Wer so etwas allen Ernstes behauptet, macht sich lächerlich.

"Folter light" entlastet nicht die Opfer, einzig die Täter. Diese halten sich bekanntermaßen überwiegend für ausgesprochene Humanisten, die es zu Hause nicht einmal über sich bringen, dem Dackel seinen Gummi-Spielknochen wegzunehmen. Der Übergang zu "leichten", langfristig angelegten Foltermethoden verschafft ihnen die Gelegenheit, sich gewissermaßen selber auf die Schulter zu klopfen, sich das allerbeste Gewissen zu verschaffen und in der Öffentlichkeit als Offizier und Gentleman zu posieren.

Wenn dabei wenigstens informationell etwas Verwertbares herauskäme! Aber wenn die obszöne "Folterdiskussion" in den US-Medien überhaupt etwas an den Tag gebracht hat, so die Einsicht, daß das Foltern als Mittel der Informationsbeschaffung unergiebig, kontraproduktiv, zumindest angesichts der modernen Bedingungen überholt und veraltet ist. Jean-Paul Sartre hat das übrigens schon 1947 in seinem Folterdrama "Tote ohne Begräbnis" hinreichend deutlich vorgespielt.

Früher (und noch bis in die sowjetischen GULag-Zeiten hinein) wurde gefoltert, um – sehr oft rein fiktive – Geständnisse zu erpressen. Die Gefolterten sollten gestehen, daß sie Hexen, Ketzer, Parteifeinde, imperialistische Agenten oder sonstwas seien. Heute geht es darum, Informationen zu erpressen, überwiegend strategisch-taktische Kampfpläne, Terrorpläne, Vernetzungen in terroristischer Absicht. Und schon Sartre hat seinerzeit gezeigt, daß auch diese durch moderne Folter erpreßten Strategie-Informationen ganz überwiegend fiktiv sind, genau wie die früheren Geständnisse.

Ein Gefolterter, so der Plot in Sartres Stück, "verrät" einen Anschlagplan, indem er ihn gerade nicht verrät, statt dessen irgend etwas Fiktives zu Protokoll gibt. Aber seine Genossen haben, nachdem er gefaßt worden war und seine Folterung zu erwarten stand, ihre Pläne schnell geändert – verhängnisvollerweise genau in jene Richtung, die der Gefolterte sich als fiktiv ausgedacht hatte, um weiterer Folterung zu entgehen. Die richtige Information verdankte sich also nicht der Folter, sondern dem blind zuschlagenden Schicksal.

Resümee: Kein Folterer, auch und gerade wenn er "light" foltert, ist ein verläßlicher Informationsbeschaffer. Er ist nichts weiter als ein Lump und Sadist, in Guantánamo wie anderswo.

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