Kirchenfunktionäre spielen Christo

In dem seit nunmehr bereits über einem Jahr schwelenden Streit um das Ritterstandbild in der evangelischen Talkirche im hessischen Taunusstädtchen Eppstein (JF 26/04 und 27/05) hat der Kirchenvorstand in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause am 13. Juli eine endgültige Entscheidung getroffen. Mit großer Mehrheit beschloß der Vorstand seine schon vor einigen Wochen durchgesickerten Pläne zur zukünftigen Gestaltung des Eppsteiner Ritters und der Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen aus Eppstein und der näheren Umgebung. So wird im Vorraum der Kirche nun eine neue Gedenktafel angebracht, die neben sämtlichen Namen der alten Tafel nun auch die der zivilen und politischen Opfer von Krieg und Gewalt enthält. Das im Chorraum neben der Kanzel stehende Ritterstandbild mit dem Luther-Zitat „Das Reich muß uns doch bleiben!“, das von den Kritikern als „martialischer Soldat mit Stahlhelm“ gewertet wird, darf nach dem Votum des Kirchenvorstands nun zwar stehenbleiben, muß aber während Gottesdiensten und Andachten mit einem wandfarbenen Stoffüberhang verdeckt werden. Die Kosten für die neue Gedenktafel und die Verhüllung des Ritters belaufen sich laut Pfarrerin Heike Schuffenhauer auf rund 3.000 Euro, die aus Spendengeldern aufgebracht werden sollen. Erstmals soll die Enthüllung der neuen Tafel und die Verhüllung des Ritters im Gottesdienst am 30. Oktober vorgenommen werden. Mit dem Beschluß der Verhüllung des Ritterstandbildes hat sich der Kirchenvorstand jedoch in völlig undemokratischer Weise über die „Pro Ritter“-Entscheidung der Gemeindemitglieder hinweggesetzt, die vor einem Jahr mit überwältigender Mehrheit dafür votiert hatten, alles so zu belassen, wie es ist. So hatte sich vor der jetzigen Entscheidung eine „Initiative zur Aufrechterhaltung des Gefallenendenkmals in der Talkirche“ gegründet. Nicht ganz auszuschließen ist immerhin auch, daß der arme Ritter angesichts der Geschichtsvergessenheit und vorauseilenden politischen Korrektheit der Eppsteiner Kirchenfunktionäre sein Antlitz und seine Gestalt vor Scham freiwillig verhüllt hätte.

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