Kämpfer der Gleichgültigkeit

Zwei Monate lang begleitete der amerikanische Reporter Evan Wright als „eingebetteter Journalist“ eine Einheit des 1. Aufklärungsbataillons der Marineinfanterie im Irak-Krieg. Die Truppe galt als ausgesprochene Elite-Einheit, operierte vor den vordersten Frontlinien und fungierte als eine Art Köder, um den Feind aus seinem Versteck zu locken. Vom ersten Tag des Krieges völlig auf sich allein gestellt, bewegte sich dieses „Himmelfahrtskommando“ direkt in den irakischen Stellungen, spürte Hinterhalte auf und begab sich mitten in die tobenden Häuserkämpfe hinein. Wright schildert die blutjungen Soldaten als Profis der Zerstörung, die von ihrer Regierung in diesen „Krieg gegen den Terror“ geschickt wurden. Zu eiskalten Killern ausgebildet, funktionieren diese vollkommen illusionslosen Männer wie eine Mischung aus High-Tech-Helden und „Krieger-Automaten“, denen eigentlich gleichgültig ist, wofür sie kämpfen. Diese Jungen gehören zur ersten Generation US-Soldaten, die mit Videospielen, Reality-TV und Internet-Pornographie aufgewachsen sind und jetzt mit der gleichen Begeisterung auf lebende Ziele schießen, wie sie als Teenager virtuell geschossen haben. Aufgeputscht mit weichen Drogen, um schlaflos durchhalten zu können, spielen sie ihr „War Game“ nun in der Realität. Sie sind keine Idealisten, die im Krieg ihre Unschuld verlieren, wie ihre Väter in Vietnam, die dann später schockiert die Lügen ihrer Regierung entdeckten. Dieser Generation junger Soldaten ist bei ihrem Einfall in den Irak klar, daß die „große Lüge“ ein zentraler Bestandteil des Regierens in den USA ist. Schließlich erschloß sich ihnen die Bedeutung der Präsidentschaft nicht durch historische Reden an der Berliner Mauer, sondern durch die obsessive Beschäftigung der Nation mit präsidialen Spermaspuren und Oralsex im Weißen Haus. Wrights brillant geschriebenes Porträt einer an der Invasion beteiligten Kampftruppe junger Männer Anfang Zwanzig, die ihre Lust am Töten entdecken, ist zugleich das Porträt einer ganzen Generation. Und es ist von brutaler Ehrlichkeit. Evan Wright: Generation Kill. Das neue Gesicht des amerikanischen Krieges. Zweitausendeins, Frankfurt 2OO5, 428 Seiten, gebunden, 22 Euro

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