Ich lebe noch

Vor hundertfünfzig Jahren, am 2. November 1855, einem trüben, aber trockenen Tag, brach gegen 14.30 Uhr unweit von Schloß Christiansborg in Kopenhagen ein harmloser Spaziergänger, ein Mann von 42 Jahren, zusammen. Schlaganfall. Eine Woche später, am 11. November, war er tot. Der Tote war von überschlanker und dabei etwas verkrümmter Gestalt. Alles an ihm war auffällig spitz, die Knie, die Ellenbogen, vor allem die lange Nase. Jeder kannte den Mann. Er war eine stadtbekannte Erscheinung. Wenn er, das Spazierstöckchen unterm Arm, einen riesigen Zylinderhut auf dem Kopf, ein Buch vor die kurzsichtigen Augen haltend, den Boulevard entlang spaziert kam, johlten die Straßenjungen, und Karikaturisten machten Zeichnungen von ihm, die man anderntags in der Zeitung besichtigen konnte. Der Name des Mannes lautete Sören Kierkegaard. Er war ein Schriftsteller, von dem unter Pseudonym einige Bücher kursierten, die zwar blendend geschrieben waren, für die sich jedoch kaum jemand interessierte. In der letzten Zeit hatte er allerdings eine eigene, gänzlich von ihm selbst vollgeschriebene Wochenzeitung herausgegeben, Augenblick, in der unerhört scharfe Angriffe gegen die protestantische Amtskirche und ihre von allen verehrten Bischöfe Mynster und Martensen standen. Das, so fand man, ging zu weit. Trotzdem bekam Kierkegaard eine schöne, teure Beerdigung, er hatte lange vorher bereits dafür bezahlt. Danach gab es eine drollige Überraschung: Der Junggeselle Kierkegaard hatte als wohlhabend gegolten, und er war es auch gewesen, aber exakt mit seinem Tod und seiner Beerdigung war auch sein einst stattliches Vermögen bis auf die letzte Krone aufgebraucht. Ganz Kopenhagen wunderte sich über dieses Wunder und besprach es eifrig. Doch dann geriet Kierkegaard schnell in Vergessenheit. Auch in der übrigen Welt nahm man keine Notiz von dem Mann mit der spitzen Nase und der spitzen Feder. Hätten nicht zwei deutsche Gelehrte und Liebhaber, Hermann Gottsched und Christoph Schrempf, die wichtigsten Werke, den „Begriff der Angst“, „Furcht und Zittern“, „Entweder/Oder“, die „Philosophischen Brocken“, die „Krankheit zum Tode“, früh schon und meisterhaft ins Deutsche übersetzt – wer weiß, ob Kierkegaard je für die Weltliteratur entdeckt worden wäre. Deutsche Gesamtausgabe machte Kierkegaard aktuell So kam um 1900 seine große Zeit. Eugen Diederichs, der geniale Verleger in Jena, hatte das Unerhörte im Denken und Schreiben Kierkegaards erkannt und brachte in seinem neugegründeten Verlag eine erste (und, wie sämtliche Experten versichern, sofort definitive), auch äußerlich sehr schöne Gesamtausgabe in zwölf Bänden heraus, eben in der erwähnten Übersetzung von Gottsched und Schrempf. Diese Ausgabe ist weltberühmt geworden; an ihr hat sich die erste Generation der erklärten Kierkegaardianer nach dem Ersten Weltkrieg orientiert, aus ihr ist sogar – unter Umgehung der dänischen Originale – ins Französische übersetzt worden. Kierkegaard war plötzlich aktuell. Das Stichwort hieß „Existentialismus“. Vor Kierkegaard war die Existenz (griechisch: Hyparxis, lateinisch: Existentia) erstaunlicherweise durch all die Jahrhunderte fast unbemerkt geblieben, d.h. die Tatsache, daß etwas oder irgendwer oder ein Ich auch wirklich „da“ war, auch wirklich existierte, galt als so selbstverständlich, daß sich faktisch niemand dafür interessierte. Etwas war im traditionellen Verständnis entweder materiell oder immateriell, aber es war nicht „da“. Materiell oder immateriell – das waren Verabredungen der Gelehrtenwelt. Ob jenseits dieser Verabredungen, jenseits der Gelehrtenwelt, die Phänomene auch wirklich existierten und ob es spezifische Bedingungen dieser Existenz gab – das zu bereden, überließ man den Pfaffen und den Poeten. Schon der junge Kierkegaard begehrte gegen solche Einstellung auf. „Es geht den Systematikern in ihrem Verhältnis zu ihren Systemen wie einem Mann, der ein ungeheures Schloß baut und selbst daneben in einer Scheune wohnt“, trug er in sein Tagebuch ein, „sie leben nicht selber in dem ungeheuren systematischen Gebäude. Aber in geistigen Verhältnissen ist und bleibt dies ein schwerer, ja, entscheidender Einwand. Geistig verstanden, müssen die Gedanken eines Mannes das Gebäude sein, in dem er wohnt – sonst ist es verkehrt“. Das verkehrte, „uneigentliche“ Denken, sagt Kierkegaard, ist letztlich verächtliche Feigheit, ein ewiges Ausweichen vor Entscheidungen, die ein Entweder/Oder erfordern und nichts anderes. Wahres, richtiges Denken ist Leben in der Grenzsituation. Und die typische Grenzsituation ist das übervolle Rettungsboot nach einem dramatischen Schiffsuntergang. Wie gesagt, das Boot ist übervoll, noch ein einziger Passagier mehr, und es wird kentern. Aber draußen im Meer jenseits des Bootes treiben noch viele Matrosen und Passagiere, die ebenfalls leben wollen und deren Arme hundertfach nach der Kante des Rettungsbootes greifen. Was tun? Lassen wir noch einen herein, kentern wir und ertrinken wie die, die draußen treiben. Aber sollen wir mit Knüppeln auf die Finger schlagen, die von draußen nach unserem Boot greifen? Oder sollen wir uns, als echte Christen, vom Boot ins Meer stürzen, um denen, die hereinwollen, Platz zu machen? Sollen wir uns opfern? Wen liebt Gott mehr, die draußen oder die drinnen? Wenn Angst, Sorge und Verzweiflung uns antreiben Solches zu erhellen, donnert Kierkegaard, helfen keine Hegelschen Allgemeinheitskategorien, da geht es um Entscheidungen, eben um die Existenz. Es geht um Kampf, Leid, Schuld, Tod. Wie leichtfertig doch Herr Professor Hegel mit derlei Existentialien umgeht! „Die Weltgeschichte“, tönt er beispielsweise, „ist eine Schlachtbank der Völker“. Schlachtbank! Und wer, so fragt Kierkegaard, befragt die Opfer? Wer mißt ihren Schmerz? Wer ermißt ihre Verzweiflung, ihre bodenlose Angst, ihre bohrende Sorge um die Angehörigen, die sie schutzlos in den Händen der Häscher zurücklassen müssen? Angst, Sorge, Verzweiflung … Es sind berühmte Wörter, über die bei Kierkegaard zum ersten Mal ein umfängliches, in die Einzelheiten gehendes Philosophieren anhebt. Auch die alltäglich unterkommenden Ereignisse, konstatiert er, verlangen Entscheidungen, die denen im Rettungsboot verwandt sind und die uns niemand abnimmt und die zuallermeist die unbequeme Struktur des scharfen Entweder/Oder aufweisen. Ich kann mich nicht drücken, ich kann mich nicht in Allgemeinheiten flüchten. Freilich, Existenz in diesem emphatischen Sinne hat doch nur am Rande zu tun mit äußerer Daseinssicherung durch Beruf, Einkommen, Krankheitsfürsorge usw. Sie ist überwiegend ein innerliches Schlachtfeld. Wenn ich mich nach außen wende, werde ich ja sofort in Allgemeinheiten verstrickt, ob ich es will oder nicht, ich muß immer mit irgendwelchen Wolfsrudeln heulen, mich zu irgendwelchen Lügen bereitfinden. Nur wenn ich mich ganz innerlich halte, werde ich mir der Existenz, des wirklichen Karats des Daseins bewußt. Wer aber begegnet mir in meinem Inneren? Es ist Gott. Für Kierkegaard ist Gott nicht, wie etwa für Nietzsche, Flucht aus dem Leben, sondern Ankunftsort des Lebens, die einzige Instanz, die uns die wirkliche Brennstärke des Lebens vermittelt. Um das zu erkennen, erläutert er, müssen wir uns aber freimachen von dem, was sich heutzutage (die Rede ist von der Zeit um 1850, als der Wissenschaftspositivismus gerade seinen Siegeszug antrat und der Christenglaube sich in diffuse, halb- und viertelüberzeugte „Gläubigkeit“ verwandelte) als „offizielles Christentum“ breitmacht, und zwar ohne die geringste Rücksicht auf Gemeinde und Überlieferung, Bischofsamt und christologisches Dogma. „Jedermann ist heute Christ, ohne daß irgend jemand wirklich Christ ist“, höhnt Kierkegaard in „Entweder/Oder“ und setzt ein weiteres, für ihn zentrales Existential frei: die Absurdität. „Daß Gott in Jesus Christus Mensch geworden und in der Welt erschienen ist, was hat dieser Glaube, der dem Verstand ewig paradox, ja, absurd erscheinen muß, der uns nur geschenkt werden kann als eine Gnade von oben her, dann aber einen Sprung darstellt in einen Bereich jenseits aller Vernunft, was hat dieser Glaube, frage ich, mit jener lauen, äußerlichen Bürgerlichkeit zu tun, in der unsere Bürger ohne die mindeste innere Bewegung durch Taufe, Konfirmation, Trauung hindurchgehen? Christsein bedeutet einen Bruch, ja, einen Bruch auch mit Vater und Mutter, mit allem und jedem, es ist aussondernd und polemisch.“ Revolutionärer Impuls im Denken und Schreiben Man erkennt den evident revolutionären Impuls im Denken und Schreiben des großen Dänen, ja, seine geradezu katastrophischen Hintergründe. Kierkegaards Philosophie ist eine Philosophie des Ausnahmezustands und des Ernstfalls. Daher die außerordentliche Wirkung des Philosophen, die „Kierkegaard-Lage“ (Gottfried Benn), in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, dem Zeitalter der Weltkriege. Im Krieg reiht sich eine Grenzsituation an die andere, und der Tod ist allgegenwärtig, er wird zur puren Alltäglichkeit, und wir werden mit seiner Gewalt in geradezu obszöner Weise konfrontiert. Zwar werden uns durch das Walten der Militäradministration viele Entscheidungen abgenommen (d.h. unsere „existentielle Geworfenheit“ verschärft sich), aber das, was uns an eigenen Entscheidungen bleibt, nimmt eine ganz andere, viel verhängnisvollere Färbung als in Friedenszeiten an. Denn auch als kleiner Kämpfer, als Unteroffizier oder Gefreiter, habe ich ständig zwischen Alternativen von möglicherweise tödlicher Konsequenz zu wählen. Und das Gefühl der Angst (Zentralexistential bei Kierkegaard) wird zum ständigen Begleiter. Wir leben zwar intensiver als im Frieden, doch diese gesteigerte Lebensintensität erfüllt sich eben im Existieren, und zwar in doppelter Hinsicht: Einmal ist das gesteigerte Lebensgefühl ein Ausfluß der ständig erinnerten Todesgefahr, der „vorlaufenden Entschlossenheit zum Tode“. Ich lebe noch, sage ich mir jede Minute, ich bin noch da. Und zweitens: Dies Leben ist tatsächlich ein bloßes Existieren, ein angstgedehntes Warten und Herumlungern im Schützengraben oder im Luftschutzbunker. Das „Ich lebe noch“ läßt uns schließlich auch das Eigentliche klar erkennen. Das Eigentliche ist das Leben selbst, nicht das Leben im Komfort oder in Äußerlichkeiten. Verluste an Äußerlichkeit, die uns im Frieden als riesige, schlechthin unakzeptable Preisgaben erschienen wären, stecken wir weg wie nichts. Haben wir früher über den Verlust etwa einer einzigen Sammeltasse oder über ein einziges Fünfmarkstück gebarmt, so sehen wir jetzt dem Abbrennen unseres ganzen Hauses inklusive Hausrat und wertvoller Bibliothek mit nachgerade unheimlicher Gelassenheit zu, und daß unser ganzes Gespartes unwiederbringlich in Kriegsanleihen draufgeht, macht uns überhaupt nicht unglücklich. Denn: „Wir leben ja noch, auch wenn wir bloß existieren“, das Existieren ist, genau wie es Kierkegaard lehrt, die Hauptsache, die einzige Sache, und sie besteht in der Angst und in der Grenzsituation und in der vorlaufenden Entschlossenheit zum Tode. Freilich, als bloßer Kriegs- und Katastrophenphilosoph, der uns Heutigen nichts mehr zu sagen habe, läßt sich Sören Kierkegaard nicht abtun, im Gegenteil. Sein unverrückbarer Blick auf das Eigentliche und sein unermüdlicher Appell an unseren Mut zur Entscheidung sind Stimulanzien, die man auch in schwierigen Friedenszeiten gut gebrauchen kann. Er war ein wirklich großer Schriftsteller, den man gerade in absurden Lagen gern zum Bruder hat. Literatur: Joakim Garff, Sören Kierkegaard, Biographie, Hanser Verlag, München 2004, 960 Seiten gebunden, 45 Euro Sören Kierkegaard am Schreibtisch (undat. Zeichnung von Luplau Janssen): Denker des Absurden und der Grenzsituation

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