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Herr des Ungesagten

Im letzten Herbst meinte die Times hämisch das irritierte „Wer?“ referieren zu müssen, das die Vergabe des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek auf der Frankfurter Buchmesse ausgelöst habe. Der diesjährige Preisträger ist dem ehrwürdigen Londoner Blatt ein Begriff, wenn auch ein umstrittener: Harold Pinter sei „so ungefähr der größte und schärfste Stock, mit dem das Nobelkomitee Amerika ins Auge stoßen kann“. Anders als der im Irgendwo beheimatete Ire Samuel Beckett (Nobelpreisträger 1969) oder der rumänische Weltbürger Eugène Ionesco blieb selbst der Dramaturg des Absurden, der Pinter zunächst war, seiner Alltagswelt verhaftet. Insofern sie überhaupt handeln, handeln Werke wie „Der Hausmeister“ (1960) – gewiß – von der conditio humana, genauso gewiß aber vom England der Nachkriegszeit. So sie denn Worte finden, sprechen seine Figuren den Slang dortiger Gossen; ihr Schweigen ist ein universelles. Längst schreibt die Politik das absurdeste Theater, führt es an Kriegsschauplätzen auf, die das Englische nicht zufällig als theatres of war bezeichnet. Und Pinter, der sein Handwerk einst von der Pike auf als Schauspieler lernte, hat für sich eine neue Rolle entdeckt: die des öffentlichen Intellektuellen. Er, der das Ungesagte, Unsagbare, die Pausen zwischen und jenseits der Sprache beherrscht wie kein anderer, ergeht sich nun in wüsten, unflätigen, eben „pinteresken“ Beschimpfungen der Mächtigen von „Mrs. Bloody Thatcher“ über den „Toren“ Tony Blair bis zum „Massenmörder“ George W. Bush. Während man sich in den USA rechtschaffen über die „nicht nur lächerliche, sondern anstößige“ (Roger Kimball im New Criterion) Entscheidung der Schwedischen Akademie der Schönen Künste empört, herrscht in deutschen Medien das Gefühl vor, der 75jährige Pinter sei ein Mann von gestern, nicht mehr relevant und als bloßer Stückeschreiber sowieso kein richtiger Literat. Pinter, der sich nach einem Sturz mit Platzwunde und blauem Auge versehrt den Kameras stellte, sagte, er wisse nicht, „warum sie mir diesen Preis gegeben haben“, sei aber gespannt darauf, in Stockholm mehr über die Vergabekriterien zu erfahren. Tatsächlich scheint sich auch die Jury uneins: Soll der Nobelpreis ein Lebens- oder aber ein einzigartiges Meisterwerk würdigen? Künstlerische Verdienste oder politisches Engagement? Oder macht man sich einfach einen Spaß daraus, alle Jahre wieder das internationale Feuilleton vor den Kopf zu stoßen?

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