Gesprächswunsch

Die Unruhen in französischen Vorstädten sollten nicht als das Wüten ziel- und zügelloser Gewalt mißverstanden werden. Sie stellen vielmehr den verzweifelten Versuch dar, das längst überfällige Gespräch über die Konsequenzen zu eröffnen, die aus dem irreversiblen Faktum der Einwanderung zu ziehen sind. Viele Verantwortliche in unserem Nachbarland machen es sich hier nämlich zu einfach. Wo Immigranten auf ihre Probleme aufmerksam machen wollen, werden sie mit dem so billigen wie zynischen Bekenntnis abgespeist, daß sie doch Citoyens seien und daher schlicht dazugehörten. Durch diese pathetische Ignoranz ist ihnen aber keineswegs geholfen. Die Kommunikation zwischen der autochthonen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Staat auf der einen Seite sowie den Neu-Bürgern auf der anderen ist gestört. Millionen von Einwanderern hausen in inoffiziellen Ghettos unter Bedingungen, die in ihren Herkunftsländern auch nicht viel schlechter waren. Mit Recht fragen sie sich, wozu sie die Mühen der Migration auf sich genommen haben, wenn ihnen an deren Ziel nun so wenig geboten wird. Die französische Staatsbürgerschaft alleine ist eine Ehre, für die man sich nichts kaufen kann. Endlich Menschenrechte zu genießen, ist zwar gut und schön, diese vermögen aber individuelle Lebenschancen nicht zu ersetzen. Wenn sich „die anderen“ hinter republikanischen Phrasen verschanzen, bleibt einer jungen, dynamischen und engagierten Generation von Migranten eben nichts anderes übrig, als durch Leuchtfeuer zu signalisieren, daß sie von einer Republik, die die ihre sein soll, mehr erwarten. Daß 28.000 vormalige Autos, die allein in diesem Jahr einen solchen Zweck erfüllen sollten, nicht ausreichten, um die französische Gesellschaft zum Nachdenken zu bewegen, wirft auf diese ein schlechtes Licht. Die Zeit für einen aufrichtigen Dialog scheint nun gekommen. Dessen Anfang darf aber nicht durch gegenseitige Schuldzuweisungen belastet werden. Ein Verantwortlicher für die Exzesse ist gleichwohl zu ermitteln, um unverkrampft miteinander reden zu können. Dieser mag im französischen Rechtsextremismus ausgemacht werden. Er malt seit Jahrzehnten jene Horrorszenarien einer vermeintlich mißlingenden Ausländerintegration an die Wand, von denen jetzt in den Zeitungen zu lesen ist. Mit Fug und Recht kann daher von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gesprochen werden. Wer sie leichtfertig in den Raum stellte, hat die unmißverständliche gesellschaftliche Ächtung verdient.

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