Gegenwehr

Das Luxushotel „Cortisen“ am österreichischen Wolfgangsee wird ab Mai des kommenden Jahres zur kinderfreien Zone. Mädchen und Jungen unter zwölf Jahren sollen von der Beherbergung ausgeschlossen sein, da sie sich wie „Terroristen“ benähmen. Hunde hingegen sind weiterhin willkommen. Der mutige Schritt der Hotelleitung mag alle, die gegen jegliche Diskriminierung voreingenommen sind, erschrecken und zudem als neuerliches Indiz für eine anscheinend grassierende Kinderfeindlichkeit gewertet werden. Darüber sollte jedoch nicht ausgeblendet werden, daß hier offensichtlich bloß die Notbremse gegen eine Fehlentwicklung gezogen wurde, die die Gesellschaft zu verantworten hat. Durch die Umkehrung der einstigen Bevölkerungspyramide ist das Wissen um eine zielorientierte und effiziente Erziehung des Nachwuchses im Schwinden begriffen. Einzelkinder sind die Regel geworden, um sie konkurrieren exklusiv zwei Eltern und vier Großeltern, deren Bemühungen sie nicht selten gegeneinander auszuspielen wissen. Die Zuwendung durch Erwachsene ist zumeist darauf gerichtet, im Buhlen um die Gunst der Kleinen die Nase vorn zu haben, eine Erziehung im eigentlichen Sinn ist nicht intendiert. Da Kinder so selten sind, können in sie Geld, Zeit und Gedankenarbeit in einem verschwenderischen Maß investiert werden, das Eltern einstmaliger vier- oder gar fünfköpfiger Standardfamilien nicht möglich war. Damit einher geht eine Überschätzung der im Kinde vorhandenen Anlagen, denen unter Verzicht auf eine als autoritär mißverstandene Prägung – und das heißt nicht zuletzt Disziplinierung – der Persönlichkeit freier Lauf gelassen werden müsse. Das Resultat sind Wesen, die unter dem gesetzlichen Schutz vor Gewalt in Schule und Elternhaus zu einer asymmetrischen Bedrohung für ihre Mitwelt heranwachsen – der Vergleich mit Terroristen ist daher durchaus angebracht. Die Gegenwehr der Gesellschaft kann da nicht ausbleiben. Zumeist ist sie weitaus weniger spektakulär als jene des österreichischen Hotels. So setzt man derzeit insbesondere auf eine ganztägige Kasernierung des Nachwuchses – entsprechende Schulangebote sollten folglich nicht auf den Aspekt reduziert werden, den Eltern uneingeschränkte Berufstätigkeit zu erlauben. Langfristig dürfte aber auch diese Problemlösung kaum ausreichend sein. Wo die erzieherische Kompetenz der Eltern dahinschmilzt und die Erziehungsberechtigten somit ihr Recht verwirken, gibt es zum Internat als Pflicht keine vernünftige Alternative.

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