Finger weg von Rudi Dutschke!

In der „RAF-Ausstellung“ in Berlin Mitte, oben in den Räumen, die der ästhetischen Darstellung von „Gewalt“ gewidmet sind, hängt ein Bild, das auf den Einband dieses Buches gehört hätte. Ein gesichtsloses Männchen zielt mit einer Steinschleuder auf den eigenen Kopf. Über dem Schreibtisch hängen, nur konturenhaft skizziert, Porträts von Dutschke und Baader. Ein Schreibtischtäter bläst sich mit einer primitiven Waffe das Gehirn aus dem Schädel, nachdem er über seine Vorbilder den Terror in das Land gebracht hatte. Genau das behaupten auch die Texte von Reemtsma und Kraushaar. Dutschke hätte das Klima für den bewaffneten Kampf bereitet und wäre selbst in den illegalen Krieg gezogen, hätte ihn nicht der Schuß des Attentäters Bachmann niedergestreckt. Baader und der Anhang von weiblichen Kämpferinnen und männlichen Gefolgschaften habe lediglich dort fortgesetzt, wo Dutschke bereits die Lunte angezündet hatte. Reemtsma, der Leiter und Geldgeber der Stiftung, die dieses Buch herausbringt, greift selbst zur Feder und schreibt in distanzierter Pose von der geistigen Brandstiftung, die SDS und Kommune vorgenommen hätten. Kraushaar dagegen benimmt sich wie der Historiker „Gedächtnislos“, eiert herum, kommt dann nach vielen „Wenn“ und „Aber“ zu den gleichen Ergebnissen wie sein Chef. Nun sind dieses Institut und auch Kraushaar nicht irgendwer. Hier liegen die unterschiedlichen Nachlässe einiger Exponenten der Revolte. Hier sind auch die privaten Aufzeichnungen, Kommentare und Notizen von Dutschke zu finden, die die Witwe vertrauensvoll an das Institut verkauft hatte. Kraushaar selbst hat sich über viele Bücher und Aufsätze zu einem Experten und Vielschreiber aufgeschwungen, der durchaus kenntnisreich, jedoch mit vielen Wiederholungen die unterschiedlichen Facetten der Ereignisse von damals festgehalten hat. Nun gibt er zu erkennen, daß nach seiner Überzeugung alles letztlich durch den Radikalismus von Dutschke auf Terror und Gewalt zulief. Dutschke habe das Konzept der „Stadtguerilla“ entwickelt Kraushaar und Reemtsma gehörten nicht zu den Akteuren dieser Revolte. Sie waren zu jung, kamen nach den „heroischen Zeiten“ an die Universitäten und erlebten die Zerfallsformen, die Putztruppen, RAF-Szene und die roten Banner der K-Gruppen. Sie bildeten eine Art „dritter Generation“ des SDS. Reemtsma nahm alles nur in großer Distanz wahr und konnte den Ekel vor dem Pöbel nicht verbergen, Kraushaar jedoch veröffentlichte Anfang 1980 unter dem Pseudonym ASTA in einer Studentenzeitung das „Organisationsreferat“ von Dutschke und Krahl. Diese Thematik im weiten Sinne bescherte ihm akademische Ehren und darüber fand er seine Berufung, lebenslang über den „Linksradikalismus“ nachsinnen zu müssen. Wenn er heute einen Schlußstrich zieht, hat das etwas zu bedeuten. Geschichtsschreibern, Soziologen und Geheimdienstleuten wäre gemeinsam, wollten sie die Hintergründe und Zusammenhänge von Jugendbewegungen, spontanem Radikalismus und Klandestinität außerhalb der Ordnung von Parteien und Verbänden beschreiben, daß sie auf unterschiedliche Materialien und Zuträger angewiesen waren. Da eine Radikalopposition vorerst auf die staatliche Exekutive nur reagierte, der Extremismus nicht nur aus dem Milieu von Protest und Demonstration kam, sondern durchaus ein Extremismus des Polizeiapparates entstand, der über Provokationen und Spitzel die Opposition in die Illegalität treiben wollte, mußte eine Untersuchung sehr subtil verlaufen. Die schriftlichen Zeugnisse waren wichtig, aber nicht ausreichend. Es galt, die Stimmungen festzuhalten, Versammlungen, Treffen und Demonstrationen, die Emotionalität, aufzuzeichnen. Es war wichtig, die theoretischen und religiösen Einflüsse nachzuweisen. Eine Studentenrevolte lebte von den Seminaren und Vorlesungen der Professoren und Dozenten, von den Bildungserlebnissen und von den Diskussionen und Schulungen in den eigenen Reihen. Der Zusammenhalt unterschiedlicher Generationen war wichtig, die Rollenspiele der Männer und Frauen, ihre großen und kleinen Neurosen mußten Anerkennung finden. Ein Persönlichkeitsbild der Sprecher und Ideengeber, der Aufwiegler und Agitatoren mußte entworfen werden. All die Ereignisse fanden in West-Berlin und an den westdeutschen Universitätsstädten statt, aber nicht in einem luftleeren Raum, sondern in den Zeiten sozialer und politischer Umbrüche, in einem gespaltenen Land, das außerdem unter dem Einfluß zweier gegensätzlicher Großmächte stand. Der Vietnamkrieg und die Eskalation des Krieges bewegte die Gemüter. Ein Zivilpolizist erschoß in Berlin einen Studenten. Autos des Springer-Verlages wurden von Polizeiagenten angezündet. Sie beschafften Waffen und Dynamit und wollten die Opposition in den bewaffneten Kampf treiben, um den SDS zu verbieten. Der Agent Peter Urbach war kein Einzelgänger. Er besaß den Rückhalt eines Apparates, einer Staats-RAF. Aber auch die DDR besaß ihre Späher und Wühler. Die Gewalt wurde in diese Opposition hineingetragen. Sie mußte darauf reagieren. Eine derartige Kombination von Mikrosoziologie und gesellschaftlicher Gesamtsicht war angewiesen auf die feinfühlige Gruppenanalyse, auf Verbandsgeschichte, Persönlichkeitspsychologie, Biographien, Situationsschilderungen, Fernsehbilder, Zeitungsberichten und Zeugenaussagen. Kraushaar kennt die Komplexität der mikrosoziologischen Untersuchung des SDS im Übergang zu einer Massenbewegung und Radikalopposition und in seiner Nähe zu Terror und Gewalt. 1986 wurde über diese Thematik an der Freien Universität Berlin ein großes Symposium veranstaltet und im Detail über die Distanz gesprochen, die gerade Dutschke besaß, nicht in die Illegalität und in den irregulären Partisanenkrieg abzutauchen. Kraushaar widersprach damals nicht. Der Autor dieser Zeilen ist in seiner Dutschke-Skizze bewußt auf diese praktische und theoretische Faszination Dutschkes vor der „Gewalt“ eingegangen. Kraushaar zitiert sie nicht, nicht weil er sie nicht kennen würde, sondern weil er nicht eine Broschüre benennen und dadurch bekannt machen will, die in einem „rechten Verlag“ gedruckt wurde. So absurd wird heute mit Wissenschaft und Beweisen hantiert. Aber sicherlich steckt noch mehr hinter einem Buch, das nach 35 Jahren SDS und RAF identisch setzen will. Kraushaar behauptet kühn, für Europa und Westdeutschland wäre Dutschke der Erfinder des Konzepts „Stadtguerilla“. Jahre vor dem Brasilianer Marighuela hätte Dutschke die Stadt zum Fokus illegaler und revolutionärer Kampfeinheiten erklärt. Kraushaar unterschlägt bei dieser Behauptung, daß Franz Fanon zu Beginn der sechziger Jahre über die notwendige Abkehr der kolonialen Intelligenz von der imperialistischen Kultur gesprochen und dabei auf die Kämpfe in den Städten verwiesen hatte. Diese Texte wurden im Berliner SDS diskutiert. Es gab noch andere Einflüsse über die Seminare von Hans-Joachim Lieber, der sich speziell mit dem jungen, syndikalistisch eingestellten Georg Lukacs befaßt hatte. Dieser hatte den frühen Terrorismus in Rußland entdeckt und war auf die Spuren des revolutionären Existentialismus von Dostojewski gestoßen. Die psychologische Tragweite und die Selbstzerstörung der Revolutionäre durch den illegalen Militarismus von Kommandounternehmen wurde diskutiert. Boris Sawinkow schrieb unter dem Pseudonym Alexander Ropschin einen Roman mit dem Titel „Als wär‘ es nie gewesen“, in dem dieser sozialrevolutionäre Stadtkämpfer den menschlichen Verschleiß und vor allem die politische Instrumentalisierung der Illegalen durch die Geheimpolizei benannte. Der Polizeiminister Plehwe hatte über die Ochrana den Spitzel Assew in die Reihen der Revolutionäre geschleust. Diese agierten im Sinne des Staates, indem Konkurrenten der Karriere oder kritische und liberale Beamte erschossen oder in die Luft gesprengt wurden. Die Stadtguerilla fungierte hier als Ordnungsprinzip des Staates. Die psychologische Disposition der Kämpfer veränderte sich in der Illegalität. Der Haß gegen das Bestehende mußte stimuliert werden durch eine geistige und moralische Abschottung von der Wirklichkeit. Es entstand ein Nihilismus, der sich gegen eine eingebildete Bösartigkeit der Gesellschaft absetzte und der gegen die eigene Existenz gerichtet war. Zynismus und Lebensgier bildeten die Kehrseiten einer Haltung, die jedes Attentat als Opfergang und Selbstbestätigung sah. Letztlich mordeten die Revolutionäre, um sich Stück für Stück selbst zu töten. Sie spielten den zeitverzögerten Selbstmord durch und hatten jeden Bezug zu einem erfüllten Leben verloren. Dutschkes Profil entsprach nicht dem eines Militärs Dutschke war nicht nur deshalb gegen den Aufbau einer illegalen Partisaneneinheit eingestellt, weil er als Christ und Mensch überhaupt kein Verhältnis zur militärischen Gestalt eines Kommandeurs besaß. Jede Kälte, jeder Zynismus waren ihm fremd. Sawinkow hatte ihm und uns aufgezeigt, welche charakterlichen Veränderungen einsetzten, schloß sich eine Gruppe über Ideologie oder Emotionen von der Mehrheitsgesellschaft ab. Aus diesen Gründen nahm Dutschke nicht teil an dem Kommune-Experiment und in einem christlichen Trotz gründete er eine Familie, bekam einen Sohn und wollte sich auf dem Höhepunkt der Turbulenzen zurückziehen und als Familienvater und lernbegieriger Student in die USA abtauchen. In Wolfgang Venohrs Film werden diese Absichten öffentlich vorgestellt. Aber warum dieses „Organisationsreferat“ und wieso dieser „Vietnamkongreß“ 1967 und 1968? Rechtsanwälte hatten die Führung des SDS darauf hingewiesen, daß der SDS als extremistische Organisation vom Innenminister verboten werden sollte. Die Organisationsfrage nahm die Probleme einer „Dialektik“ von Legalität und Illegalität auf und diskutierte die Konstituierung einer Szene aus den unterschiedlichen Gruppen und Initiativen, die sich nicht verbieten ließen und die über Kampagnen und Aktionen sich zusammenfügen lassen würden. Vietnamdemonstrationen, der Hochschulkampf und die Anti-Springer-Kampagnen sollten den Kern einer „Bewegung“ bilden, die aus der Peripherie der „schwachen Glieder“ in das Zentrum der Gesellschaft vorstieß. Der „lange Marsch durch die Institutionen“ war gedacht als Berufsweg der vielen Lehrer, Richter und Staatsanwälte, die in einem illegalen Kontakt zu dieser Szene subversiv von innen die Ordnung von Staat und Bildung unterminieren sollten. Für Dutschke war eindeutig, daß über kurz oder lang die beiden Großmächte zusammenbrechen würden. Hierauf mußte sich eine Radikalopposition vorbereiten, selbst wenn einzelne Organisationen verboten wurden. Er dachte nicht im Traum an eine illegale Partisaneneinheit. Der Vietnamkongreß war auf die doppelte Initiative von Dutschke und Feltrinelli zurückzuführen. Der italienische Großverleger war überzeugt, daß über die Mafia, die Loge P2 und die Nato ein Militärputsch vorbereitet wurde, um die Unruhen in Europa zu bekämpfen. Ihm lag daran, illegale Widerstandsgruppen europaweit zu bilden und die Kontakte zum alten Widerstand aufzunehmen. Nach Berlin kamen tatsächlich einzelne Revolutionäre, die später einzelne Stadtguerilla bilden würden. Dutschke war dagegen. Der Kongreß wurde zu einem „Revolutionstreffen“ umfunktioniert. Die verbotene Demonstration durch die Innenstadt wurde durch Rechtsmittel legalisiert und galt als Manifestation eines großen Bündnisses, das langfristig die Wahlgänger der etablierten Parteien erreichen würde. Mit Hilfe der Gelder von Feltrinelli wurde ein Internationales Nachrichten Institut (INFI) gegründet, das bewußt vom SDS abgesetzt wurde. Es war zu keinem Zeitpunkt mit dem SDS verbunden, wie Kraushaar schreibt, sondern sollte eine Koordinationsstelle einer anwachsenden „Bewegung“ sein. Es war vor allem gegen die traditionelle Linke gerichtet, deren verbotene Partei als DKP durch das Innenministerium legalisiert wurde. Das INFI war nicht die Vorform einer Stadtguerilla, sondern im Gegenteil Forschungsinstitut, Bibliothek und so etwas wie das Sekretariat einer ost-westlichen „Internationale“ einer aufständischen Jugend. Kraushaar weiß das alles. Warum er sich abmüht, Dutschke zum geistigen Vater von Baader zu erheben, bleibt vorerst sein Geheimnis. Dutschke hatte viele Heißsporne und Revolutionäre um sich gesammelt, etwa Georg von Rauch, Holger Meins und Jan Carl Raspe, aber er hielt sie gerade vom illegalen Kampf ab, weil die offene Politik sehr viel mehr Möglichkeiten bot. Für den Koffer mit Dynamit wird kein Zeuge genannt Kraushaar hat dann noch eine Räuberpistole in der Hinterhand. Dutschke hätte einen Koffer Dynamit, der von Urbach stammte, nach Frankfurt gebracht, um die Sendemaste von AFN in die Luft zu jagen. Niemand wird als Zeuge benannt. Ich halte diese Geschichte für Phantasie oder bewußte Falschmeldung, denn die Staats-RAF um Urbach hätte zu keinem Zeitpunkt die Gelegenheit versäumt, Dutschke als gefährlichen Bombenleger hinter Gitter zu bringen. Als Feltrinelli mit einem ähnlichen Anliegen kam und den Sprengstoff lieferte, bugsierte Dutschke mit einem Kinderwagen das Zeug in die Spree. Dutschke war ein radikaler Revolutionär, jedoch kein Spieler, kein Dandy des Nichts und schon gar kein potentieller Selbstmörder. Karin Wieland demonstriert in der Charakterskizze von Andreas Baader in diesem Buch, daß dieser einen vollkommen anderen Typus von Mensch, Persönlichkeit und Fighter darstellte. Er wuchs über die RAF in die Rolle des Kommandanten hinein, weil er genug Zynismus, Selbstgefälligkeit und Selbstzerstörung mitbrachte, diese Position einzunehmen. Ein Dutschke wäre in der RAF undenkbar. Man muß bezweifeln, daß Kraushaar und Reemtsma ohne Sinn und Verstand eine derartige analytische Luftblase loslassen. Deshalb liegt der Verdacht nahe, daß die „Wehrmachtsausstellung“ nun auf den SDS und die RAF ausgedehnt werden soll. Die Söhne und Töchter der kleinen Leutnants, Feldwebel oder Gefreiten dieses Heeres wollten die Niederlage ihrer Väter rächen. Deshalb drehten sie den SDS in Richtung Stadtguerilla um und gründeten die RAF. Jetzt begannen sie den geheimen Krieg gegen die USA und waren dabei, den Zweifrontenkrieg auch gegen die Sowjetunion zu eröffnen. Dutschke nutzte nur ein anderes Vokabular, um nicht als Revanchist erkennbar zu sein. Baader war mit seiner Fäkaliensprache da schon eindeutiger. Wieso sollte das schlechte Gewissen der „Political Correctness“ nicht in diese Richtung treiben? Reemtsma, ein Spätgeborener, entstammt einer NS-Dynastie, die als Wehrmachtszigarette „Juno dick und rund“ Hunderte von Millionen Mark verdient hatte und die auch Anteil hatte an dieser Diktatur. Der jüngste Sohn, nach 1945 geboren, übernahm den Laden, verkaufte alles und ließ sich als Förderer der schönen Künste und der deutschen „Erinnerungsarbeit“ nieder, finanzierte eine Reihe von Wissenschaftlern und fand in Hamburg Blankenese sein Publikum, wären da nicht die Gewissensbisse der Mittäterschaft seiner Familie. Aber wie viele NS-Kinder vollzieht er den Sprung auf die Seite der Opfer. Nun spielt er den Antifaschisten, der allen „Anfängen“ wehren will. Ihm fällt dabei nicht einmal auf, daß er sich durchaus im Sinne seiner Dynastie bewegt. Immer oben schwimmen und dem herrschenden Opportunismus huldigen, war die Parole. Wer sich nicht der Geschichte der eigenen Familie stellt, wird deren Fehler stets wiederholen. Finger weg von Dutschke, muß die Antwort sein. Foto: Dutschke argumentiert gegen die Große Koalition, Berlin 1966: Kein Verhältnis zum Militärischen Wolfgang Kraushaar, Jan Philipp Reemtsma, Karin Wieland: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. Hamburger Edition, Hamburg 2005, 143 Seiten, gebunden, 12 Euro Prof. Dr. Bernd Rabehl , Jahrgang 1938, ehemals engster Vertrauter von Rudi Dutschke, war einer der wichtigsten Theoretiker des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), dessen Bundesvorstand er bis 1968 angehörte. 2002 veröffentlichte er die Monographie „Rudi Dutschke. Revolutionär im geteilten Deutschland“ (Edition Antaios, Schnellroda).

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