Eine Stadt erfindet sich neu

Hamburg ist bekannt für seinen Hafen, die Reeperbahn und auch für sein kulturelles Angebot. Was momentan in der Hansestadt entsteht, verbindet jedoch auf phänomenale Art und Weise Schiffergeschichte und Kunst auf höchstem Niveau. Wie geht das zusammen, gibt es etwa ein neues Musical mit seemännischen Themen, einen Shantychor? Weit gefehlt. In Hamburg entsteht ein neuer Stadtteil, mitten im Hafen. Durchzogen von Kanälen und Kaimauern schießt ein neues Vorzeigeobjekt aus dem Boden. Das Großvorhaben geisterte zwar schon länger als Vision durch die Stadt, doch nun werden nach und nach die Ideen und Projekte Wirklichkeit, von denen man hörte. Unweit der Innenstadt entsteht sie nun, die Hafencity. Eingebettet in dem neuen Stadtteil wird das sehr ehrgeizige Großprojekt „Elbphilharmonie“ verwirklicht. Der Startschuß wurde durch eine Senatsentscheidung am 14. Juni 2005 gegeben, in der die Landesregierung die Realisierung des Projekts beschloß. Im Zentrum der Planungen steht ein Kulturtempel, den man in ähnlicher Weise mit der Hansestadt verbinden will, wie die Oper Sydneys mit der australischen Metropole. Laut Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) soll das Vorzeigeprojekt künftig zu den „zehn besten Konzerthäusern der Welt“ gehören. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, bedarf es jedoch mehr als nur eines repräsentativen Gebäudes. So darf man zusätzlich gespannt auf die erste Generalintendanz warten, unter der die Elbphilharmonie und die bestehende Laeiszhalle vereint werden. Kosmopolitischer Glanz in der Hansestadt Hamburg will mit diesem Vorhaben also einen weiteren Schritt in Richtung Kulturstadt mit Weltruhm gehen. Durch die Philharmonie soll ein Stück mehr Glanz in die Hafenstadt geholt werden. Dazu haben sich die Verantwortlichen einen repräsentativen Ort ausgesucht und ein Design erdacht, durch das Traditionelles und Modernes, Hanseatisches und Kosmopolitisches verschmelzen soll. Auf dem Kaispeicher A, von Werner Kallmorgen entworfen und zwischen 1963 und 1966 erbaut, soll unter einer gläsernen, zeltdachähnlichen Konstruktion die neue Elbphilharmonie eingerichtet werden. Das Design des Zeltdachs erinnert an eine aufgewühlte See, auf der Wellen in alle Richtungen rollen. Es steht in krassem Kontrast zu dem geradlinigen, eckigen, völlig schnörkelfreien Ziegelbau, der das Fundament bilden wird. Das 90-Millionen-Euro-Projekt nach den Entwürfen der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron soll überwiegend privat finanziert werden. Einen großen Teil zur Finanzierung hat der weit über die Grenzen Hamburgs hinaus als Mäzen bekannte Bau- und Immobilienunternehmer Helmut Grewe mit seiner 30-Millionen-Spende geleistet. Die Realisierungschancen liegen laut Investor Dieter Becken bei 95 Prozent, was vermutlich auch auf die großzügigen privaten Spenden zurückzuführen ist. Auf den 58.000 Quadratmetern ist neben einem großen Konzertsaal mit 2.200 Plätzen eine weitere kleinere Halle geplant, die 600 Besuchern Platz bieten soll. Doch in dem Gebäudekomplex wird es nicht nur Kultur geben, dem Gast soll hier ein abgerundetes Programm geboten werden. Für das leibliche Wohl sollen diverse Restaurants und Bars sorgen, von denen man einen atemberaubenden Blick über Elbe und Skyline haben wird. Durch die Distanz, die die Elbe zwischen der Innenstadt und Philharmonie schafft, wird der Blick jedoch nicht nur den Besuchern innerhalb des Gebäudes freigegeben, erst durch diese Distanz erschließt sich auch dem Außenstehenden die Gesamtheit des imposante Neubaues, ähnlich einem Gemälde, von dem man einige Schritte zurücktreten muß, um es zu erfassen. Zudem sollen in dem Komplex 31 Luxuswohnungen eingerichtet werden, die zu einem dauerhaften Residieren in der Hafencity einladen. Für kürzere Besuche wird das hauseigene Hotel einige hundert Zimmer sowie Konferenzräume bereithalten. Der Kaispeicher A, auf dem die Philharmonie aufgebaut wird, bleibt nur in seiner äußeren Fassade erhalten, sein Innenleben wird einem Parkhaus weichen. Die Philharmonie ist nur ein Teil dessen, was jenseits der Elbe aus dem Boden gestampft wird. Insgesamt geht es bei dem Projekt Hafencity um ein 155 Hektar großen Gebiet. Ein Drittel dieser Fläche ist Wasser, das sich in Kanälen durch das gesamte Neubaugebiet schlängelt. Auf dem Festland werden auf 1,8 Millionen Quadratmetern Bruttogeschoßfläche neben 5.500 Wohnungen Dienstleistungsflächen für über 40.000 Arbeitsplätze Platz schaffen. Während andere europäische Metropolen nicht mehr wissen, woher noch Platz in den überfüllten Innenstädten genommen werden soll, ist Hamburg in der komfortablen Situation, in 800 Metern Entfernung zum Rathaus und 1.100 Meter vom Hauptbahnhof die Innenstadt um 40 Prozent erweitern zu können. Um eine Anbindung an die Reststadt zu gewährleisten, ist der Bau einer neuen U-Bahn-Linie geplant. Was in der Hansestadt entsteht, sind Bauten, die den Balanceakt zwischen moderner Funktionalität und Architektur einerseits und traditionellem hanseatischen Stil andererseits schaffen wollen und sich zudem in die bestehende Speicherstadt einfügen sollen. An innovativen Ideen, verbunden mit einer Portion positiven Größenwahn mangelt es den Entwürfen nicht. So wird neben der Elbphilharmonie das Überseequartier einen weiteren Akzent in der Stadtentwicklung setzten. Dieses Quartier soll den Mittelpunkt der Hafencity bilden. Es wird, so lassen die Modellentwürfe vermuten, eine Komposition aus unterschiedlichsten Nutz- und Wohnflächen, umbaut von einer einzigartigen Architektur. Auf acht Hektar Fläche sollen 270.000 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche entstehen. Neben Bürofläche und Einzelhandel sollen auch Wohnungen, Hotels, Gastronomie, ein neues Kreuzfahrtterminal und ein Riesenaquarium realisiert werden. Bis das Gesamtensemble fertiggestellt ist, wird allerdings noch sehr viel Wasser die Elbe abwärts fließen, mit dem Ende der Bebauung wird in den Jahren 2020 bis 2025 gerechnet. Doch schon jetzt pulsiert in dem neuen Stadtteil das Leben; regelmäßig werden fertiggestellte Bauabschnitte eingeweiht. Bewußt wird die neue Innenstadt auch in die Speicherstadt eingegliedert, die schon jetzt mit ihren vielfältigen Möglichkeiten aus kulturellen, kulinarischen und architektonischen Eindrücken ein Anziehungspunkt für Einheimische und Besucher aus der ganzen Welt ist. Die Innenstadt wird um vierzig Prozent größer Welche Bedeutung die Einbindung der Hamburger in die Neuentwicklung hat, wird auch durch das Informationscenter deutlich, in dem sich die Besucher anhand von Modellen, Schautafeln, Filmen und Literatur über die Hafencity informieren können. Und so darf man schon jetzt gespannt sein auf das, was in der Hansestadt entsteht, und wie es sich, auch über die Grenzen Deutschlands hinaus, für Hamburg auswirken wird. Man kann sich zuversichtlich den Worten des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust (CDU) anschließt, der die Ziele und Erwartungen der Hafencity und der Elbphilharmonie umreißt: „Das anspruchsvolle Ziel der Stadt, herausragenden Städtebau und hochwertige Architektur in Hamburg auf ein internationales Niveau zu stärken, wird (…) auf vorbildliche Weise realisiert. Die Hafencity bekommt dadurch ein weltweit beachtenswertes Ensemble moderner Architektur mit einem attraktiven Nutzungsmix, der die besondere Qualität der Elbphilharmonie nachhaltig unterstreicht.“ Kaispeicher A mit geplanter Elbphilharmonie (Computersimulation): Ein Drittel der Hafencity ist Wasser Foyer der Elbphilharmonie (Computergraphik): Hohe Ansprüche

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