Die Theorie außenpolitischer Raserei

Wer die historischen Hintergründe, Motive und Ziele von George W. Bushs umstrittener Außenpolitik verstehen will, kann nichts besseres tun, als das letztes Jahr (März 2004) von der Harvard University Press veröffentlichte schlanke Bändchen ‚Surprise, Security and the American Experience‘ zu Hand zu nehmen“, schrieb Hanspeter Born in einem Beitrag für die Welt. Dessen Autor John Lewis Gaddis, Historiker und Politikwissenschaftler an der Universität von Yale, geht es in diesem Buch vor allem um historische Kontinuitäten. Gaddis‘ Hauptthese lautet, daß die Politik, die Bush nach den terroristischen Angriffen des 11. September 2001 eingeschlagen hat, weder eine radikale Zäsur noch einen grundsätzlichen Bruch mit der bis zu diesem Zeitpunkt praktizierten US-Politik darstelle. Unilateralismus, Hegemonialpolitik und Präventivschläge seien schon immer Kennzeichen der Politik der USA gewesen, meint Gaddis. Historisch untermauert der Historiker diese Thesen unter anderem mit dem Hinweis auf das Jahr 1814. Damals setzten die Briten das Weiße Haus und das Kapitol in Flammen. Die dadurch nicht nur im Nationalstolz gekränkten Amerikaner reagierten mit unerwarteten Gegenangriffen. Hieraus entwickelte sich die Strategie der Präventivschläge, für die maßgeblich Staatssekretär John Quincy Adams verantwortlich gezeichnet haben soll. Parallel hierzu setzte die Gewinnung von Lebensraum im Westen ein, die Hand in Hand mit der „Ausbreitung der Freiheit“ ging, so wie sie die Amerikaner verstehen. Gaddis behauptet, daß diese Strategie bis zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour auf den eigenen Kontinent beschränkt geblieben sei. Erst unter US-Präsident Franklin Delano Roosevelt (1933-1945) sei es zu einer Abkehr vom bis dahin praktizierten Unilateralismus gekommen, um Japan und Deutschland niederringen zu können. Dieses multilaterale Vorgehen charakterisierte später auch die von George Kennan konzipierte „Eindämmungsstrategie“ („Containment“), die schließlich mit dem Berliner Mauerfall und der Auflösung der Sowjetunion erfolgreich zu Ende geführt werden konnte. Mit dem Angriff auf die USA im September 2001 sei klargeworden, daß Abschreckung und Eindämmung den neuen Bedrohungen und geopolitischen Herausforderungen nicht mehr gerecht werden können. Konsequenterweise habe George W. Bush deshalb in seiner National Security Strategy (NSS) vom September 2002 den Faden des Unilateralismus, der Präventivschläge und des Hegemoniestrebens des frühen 19. Jahrhunderts wieder aufgenommen. In dieser NSS findet sich überdies bereits jene Freiheitsrhetorik, die Bushs zweite Amtszeit leitmotivisch durchziehen soll: „Wir werden den Frieden verteidigen, indem wir Tyrannen und Terroristen bekämpfen. Wir werden den Frieden bewahren, indem wir unter den großen Mächten gute Beziehungen aufbauen. Wir werden den Frieden ausdehnen, indem wir freie und offene Gesellschaften auf allen Kontinenten ermutigen.“ Gemäß dieser Strategie gilt die Souveränität eines Landes nichts mehr, wenn es den Terrorismus fördert oder unterstützt, ihn duldet oder Terroristen Unterschlupf bietet und Minderheiten knechtet oder drangsaliert. Wann das der Fall ist, bestimmen natürlich die USA selbst. Bush stehe Feinden gegenüber, die von grundsätzlich anderer Art als die früheren sind, konstatiert Gaddis. Bei seinen Feinden handele es sich um Terroristen, die zu jeder Zeit und an jedem Ort der Erde zuschlagen könnten. Abschreckung stelle deshalb aus der Sicht von Gaddis keine zielführende Option mehr dar. Bush müsse den Terroristen zuvorkommen und mit Präventivschlägen reagieren, bevor diese Schaden anrichten könnten. Der Irak-Krieg war ein Ausfluß dieser Strategie, den Bush gegen die Opposition Rußlands, Deutschlands und Chinas herbeiführte. Gaddis ist der Überzeugung, daß die Motive für diesen Krieg auch im psychologischen Bereich zu suchen seien. Bush habe eine psychologische Schockwirkung erzielen wollen. Durch die Beseitigung des Diktators Saddam Hussein, der angeblich den Terrorismus unterstützt und nach Massenvernichtungswaffen gestrebt haben soll (was heute als widerlegt bezeichnet werden kann), habe Bush ein abschreckendes Beispiel erzeugen wollen und der Modernisierung und Demokratisierung des Nahen Ostens den Weg bahnen wollen. Gaddis muß aber eingestehen, daß dieses Vorpreschen Bush den Ruf als „chief destabilizer“ in den internationalen Beziehungen eingebracht habe. Bei seiner Suche nach historischen Parallelen zu Bushs „Schocktherapie“ (Hanspeter Born) wird Gaddis bei Otto von Bismarck fündig, der mit drei angeblich bewußt provozierten Kriegen, nämlich gegen Dänemark 1864, gegen Österreich 1866 und gegen Frankreich 1870, den Weg zur deutschen Einheit eröffnet haben soll. Nach 1871 setzte Bismarck gemäß Gaddis aber dann konsequent auf die Konsolidierung des Erreichten, und zwar in einer Form, die allen daran Beteiligten Vorteile gebracht habe. Der Revolutionär Bismarck wurde zum Konservativen. Hier liege, so Gaddis, der Unterschied zu Politikern wie Napoleon, Wilhelm II. oder auch Hitler. Diese hätten den Sprung vom Systemzerstörer zum Systemschöpfer nicht geschafft. Analog zu Bismarck sollte Bush von jetzt an besiegte Feinde, widerstrebende Verbündete und alle jene, die der US-Politik mit Vorbehalten gegenüberstünden, davon zu überzeugen versuchen, das neugeschaffene System zu akzeptieren. Wenn Bush Bismarcks Beispiel zu folgen in der Lage sei, dann werde die Geschichte seine nach dem 11. September 2001 entwickelte Strategie einmal positiv bewerten. Von Bush ist bekannt, daß er Gaddis‘ Büchlein gelesen hat und beeindruckt war. Das gleiche gelte auch für die jetzige US-Außenministerin Condoleezza Rice. Inwieweit dies Aufschluß darüber gibt, was Bush in seiner jetzigen Amtszeit vorhat, bleibt abzuwarten. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, daß er sich bestimmte Gedankengänge Gaddis‘ zu eigen gemacht hat. Foto: US-Präsident George W. Bush winkt US-Soldaten in Videokonferenz zu: Im Zweifel präventiv John Lewis Gaddis: Surprise, Security and the American Experience. Harvard University Press, Cambridge 2004, 160 Seiten, 18,95 Dollar

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