Dialektisch

Ray Davies jr., Frontmann der Beat-Legende The Kinks, ist einer der begabtesten und vielseitigsten Lyriker des britischen Rocklebens. Seit 1963 gelang es dem in Muswell Hill/London geborenen Rockentertainer ein ums andere Mal, aussagekräftige Texte – sarkastisch, aber niemals verletzend, spöttisch und doch zugleich oft sehr verständnisvoll – mit ohrwurmträchtigen Melodien zu verbinden. Auch unter deutschsprachigen Musikern finden sich – von BAP-Chef Wolfgang Niedecken bis Heinz Rudolf Kunze – viele Anhänger der längst zum Mythos erwachsenen Kinks, die seit 1993 kein gemeinsames Studioalbum mehr veröffentlicht haben. Als der österreichische Erfolgsproduzent und Studiobesitzer Robert Hafner (Scorpions, Konstantin Wecker, STS, Marianne Mendt etc.) vor einigen Jahren die Idee hatte, Kinks-Klassiker nachgeborenen Generationen nahezubringen, lud er ein halbes Dutzend österreichischer Rock- und Popstars in sein Studio und ließ diese ihre ureigenen Fassungen von Kinks-Kompositionen einsingen – größtenteils mit selbstverfaßtem Text und – wie sonst? – in österreichischem Dialekt. Jetzt liegt das Ergebnis „Lola! – Kinks-Klassiker interpretiert von Ambros bis Wilfried“ (Amadeo/Universal) vor, und es erweist sich als eine runde Sache. Elf bekannte Titel von Davies und Co. wurden von den angesehensten Austropoppern der letzten 25 Jahre mit viel Liebe zum Detail erst übersetzt und anschließend peppig- mitreißend aufgenommen. Dabei legte Hafner wert darauf, daß die alpenländischen Rocklegenden zwar (zumeist) selbständig texteten und natürlich auch selbst sangen, die Instrumentierung jedoch von denselben Musikern – Gitarre: Conrad Schenk, Baß: Ulli Langer, Schlagzeug: Florian Holoubek – vorgenommen wurde. Dadurch ist ein wiedererkennbarer Sound entstanden, der Hafners Projekt ein hohes Maß an Authentizität verleiht. Den Anfang macht Wolfgang Ambros, der bereits mit wienerischen Bearbeitungen von Bob-Dylan- und Tom-Waits-Liedern für Furore gesorgt hatte. „Herumliegen in der Sunn“, seine Version von „Sunny Afternoon“, hält sich sehr nah an den Originaltext, schafft es damit aber, genau jene Verliererstimmung auf den Punkt zu bringen, die auch Ray Davies 40 Jahre zuvor hör- und spürbar gemacht hatte. Wilfried, der sich in letzter Zeit musikalisch sehr rar gemacht hatte, versucht sich hardrockig an „You really got me“ (hier: „I g’spür Di Zuvü“) und philosophisch an „Death of a Clown“ („Am Grabe des Clowns“), während Georg Danzer die (nur vordergründig) romantische Frühherbst-Stimmung von „Waterloo Sunset“ nach Wien transferiert und vom „Korneuburg – Sonnenuntergang“ augenzwinkernd schwärmt. E.A.V.-„Dandy“ Klaus Eberhartinger besingt denselben, den einst Ray Davies karikierte, STS-Mitglied Gert Steinbäcker verhohnepipelt den pressesüchtigen „Adabei“, der überall „a dabei“ sein möchte, auf der musikalischen Grundlage von „Dedicated Follower of Fashion“. Höhepunkt der CD ist jedoch der titelgebende Transvestiten-Hymnus „Lola“, den Heinz Rudolf Kunze seinerzeit aus Old Soho nach Dortmund-Nord überführte und der 2005 bei Günter Timischl und Schiffkowitz im 15. Wiener Bezirk seine Heimat findet. Dicht am Original und doch unnachahmlich österreichisch, besingen die beiden den verklemmten Jüngling. Einziger Wermutstropfen: Die elf Lieder weisen nur eine Gesamtspielzeit von knapp 33 Minuten auf. Doch auch so stellt das Album eine auf Originalität, Spiel- und Textfreude der beteiligten Musiker bedachte Sammlung unvergänglicher Beatklassiker dar, eingepackt in fetzige, gitarrenorientierte Arrangements. Ein Album zum Amüsieren, Nachdenken und Mitsingen.

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