Der Vertreter eines teuflischen Pragmatismus

Jeder Autor, der eine Biographie über den sowjetischen Diktator verfassen möchte, muß sich mit vergleichbaren Problemen auseinandersetzen: Wie läßt sich die Suche nach möglichst interessanten Details mit jenen Massenverbrechen, die Stalin und seine kommunistischen Epigonen zu verantworten haben, in einem möglichst ausgewogenen Verhältnis miteinander verknüpfen? Welche Fakten sind tatsächlich für die Entwicklung zu einem der blutigsten Tyrannen des zwanzigsten Jahrhunderts wesentlich? Klaus Kellmann, Dezernent an der Landeszentrale für politische Bildung in Kiel und Autor einer jüngst erschienenen Stalin-Biographie, versucht diese Grundsatzprobleme zu umgehen, indem er bewußt auf die Suche nach neuem, bislang unbekannten Faktenmaterial verzichtet. Seine Arbeit soll statt dessen – so der Autor im knapp gehaltenen Vorwort – „nicht der Vielfalt wissenschaftlicher Spezialuntersuchungen eine weitere hinzufügen“, sondern „Politik, Person und Verbrechen des georgischen Diktators auf der Basis der seit der Zeitenwende von 1990/91 publizierten, analysierten und interpretierten jüngeren und jüngsten Quellenzeugnisse aus Moskauer Archiven im Gesamtzusammenhang der russischen, sowjetischen und europäischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Form und im Stil des biographischen Essays griffig und lesbar darzustellen“. Daher sei auch der potentielle Ansprechpartner nicht nur der professionelle Osteuropahistoriker. Ob eine solche Vorgangsweise am Ende ein besseres Resultat hervorbringt, ist fraglich. Zweifellos macht die Beschränkung auf vorhandenes Material den Autor inhaltlich unangreifbarer. Im Gegenzug muß er sich aber eng an die Vor- und Zuarbeiten anderer Autoren binden und damit auch deren unterschiedliche Forschungsansätze berücksichtigen. Insbesondere bei der Auswertung der Relevanz der Materials können sich daraus Schwierigkeiten ergeben. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die einzelnen Kapitel der Biographie, so offenbaren sich die Grenzen einer solchen Vorgehens rasch: Es fällt auf, daß Kellmann zwei nahezu diametral entgegengesetzte Schreibstile verwendet: Den einen zeichnet ein abwechslungsreiches Gegenüberstellen von Fakten und ihre anschließende Diskussion aus, die der Autor äußerst nachvollziehbar und transparent gestaltet. Der andere jedoch wirkt spröde und gespreizt und mündet – wenngleich mit teilweise interessanten Details zubereitet – in einen teilweise unerträglichen Plauderton. Das Buch weist überall dort gravierende Schwächen auf, wo Kellmann nur wenig neuen Stoff aus den von ihm einbezogenen Werken abschöpfen konnte. Wo ihm dagegen eine gute Vorarbeit zur Verfügung stand, vermag auch der Autor die Stärke spannender historischer Abhandlungen voll zur Geltung bringen. Insgesamt entwirft Kellmann auf gut 300 Seiten das Bild eines Taktikers und Strategen, welcher alles der Sicherung und Ausdehnung seiner eigenen Macht unterordnete und dafür jederzeit bereit war, Opfer in nahezu unbegrenzter Zahl bewußt in Kauf zu nehmen. Dazu bediente sich Stalin zwar jener bekannten ideologischen Doktrin des Kommunismus, die ihm als Basis und Absicherung diente. Im wesentlichen war der Diktator jedoch in diesem Bereich ein Pragmatiker: Mit seiner offenen Ablehnung des Gedankens der „Weltrevolution“ nur wenige Monate nach dem Tod seines Ziehvaters Lenin hatte er sich schon früh vom grenzenlosen Idealismus des frühen Kommunismus abgegrenzt. Es ist leicht nachvollziehbar, daß ihm bereits diese Positionierung einen entscheidenden Vorsprung vor seinen interparteilichen Rivalen, insbesondere vor Trotzki, bescherte. Noch deutlicher wurde dies in Stalins Haltung gegenüber seinem allmählich zum größten Rivalen werdenden Antipoden Hitler. Obwohl in den zwanziger Jahre die Vorbereitungen für einen kommunistischen Umsturz in Deutschland gelegt waren, zögerte der Diktator vor der letzten Konsequenz, weil er bereits zu diesem Zeitpunkt das Potential Hitlers und einiger ihm nahestehender Gruppierungen des äußersten rechten Flügels zum Zwecke der Zerschlagung der bürgerlichen Institutionen im Reich zu erkennen glaubte. Mit der politischen Stärkung Hitlers und der Machtergreifung sah sich Stalin bestätigt. Aktiven Widerstand der Kommunisten gegen die Nationalsozialisten blockierte der Diktator bewußt, indem er mit der Sozialfaschismus-Theorie den Hauptgegner bei der Sozialdemokratie verorten ließ. Auch die Repressionen der neuen Machthaber gegen Kommunisten nahm Stalin bewußt in Kauf. Zwölf Jahre später, aus der Perspektive von 1945, konnte sich der Diktator bestätigt fühlen: Zwar hatte der Krieg erhebliche Opfer gekostet, doch zumindest ermöglichte er die kommunistische Umwälzung in Mittel- und Osteuropas ohne größere Widerstände. Zugleich stellt Kellmann Stalin als klassischen Instinktpolitiker dar. Dafür spricht nicht nur sein erfolgreiches innerparteiliches Ringen um die Macht, sondern auch seine grundsätzlichen innenpolitischen Methoden zur Machtsicherung, zu deren Zweck er die ethnischen und gesellschaftlichen Gegensätze geschickt auszunutzen verstand. Auch in der Außenpolitik trog Stalins Instinkt ihn selten – einmal allerdings in einer welthistorisch wichtigen Phase: Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges überschätzte Stalin die Westmächte ebenso, wie er zwei Jahre lang seinen Bündnispartner Deutschland unterschätzte. Das interessanteste Kapitel des Buches stellt der Schlußabschnitt dar, den der Autor „Stalins Erben“ widmet. Aufbauend auf der Theorie, daß das wesentliche Merkmal der Herrschaft Stalins nicht die starre kommunistische Ideologie, sondern die Schaffung einer unumschränkten Alleinherrschaft war – durchgesetzt mit nahezu grenzenlosem Terror und einem großen Personenkult -, beobachtet er in der heutigen russischen Gesellschaft unter Putin einen abgeschwächten Ausprägungsgrad. So wurden bereits unter Jelzin seit Mitte der neunziger Jahre die Rechte der Duma und des Föderationsrates – der beiden Institutionen des Parlamentarismus – stark beschnitten, auf der anderen Seite die Rechte des Präsidenten immer weiter ausgeweitet. In den ersten Schulklassen werden Bücher über Putins Kindheit verteilt, eine Wanderausstellung befaßt sich unter dem Titel „Unser Putin“ mit dem Präsidenten, und selbst Medien mit kritischer Ausrichtung werden erfolgreich dazu bewogen, Leitartikel mit Lobeshymnen auf Wladimir Putin abzudrucken. Eine große Gefahr für die heutige russische Gesellschaft sieht Kellmann ferner darin, daß in Rußland bis heute keine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Stalin-Ära und der kommunistischen Herrschaft stattgefunden habe. Nachdem Gorbatschow Ende der achtziger Jahre die Archive für Wissenschaftler und Publizisten weit öffnen ließ und dadurch eine Beschäftigung mit dem Gulag-Komplex, eine seriöse Schätzung der Toten sowie eine kritische Beschäftigung mit der Zwangskollektivierung ermöglichte, werde Putin heute schon ärgerlich, sobald er nur mit diesen Kapiteln sowjetischer Vergangenheit konfrontiert werde. „Es gibt in ganz Rußland kein Gericht, bei dem auch nur ein einziges Verfahren wegen der im Gulag begangenen Verbrechen anhängig wäre, Schinder und Gequälte schweigen weiterhin.“ Klaus Kellmann: Stalin – Eine Biographie. Primus Verlag, Darmstadt 2005, 351 Seiten, gebunden, 24,90 Euro Foto: Wilhelm Pieck und Josef Stalin betrauern 1933 den japanischen KP-Führer Sen Katajamas: Aktiven Widerstand gegen Hitler blockiert

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