Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Rebell, der weiß, um welche Tradition es geht

Hans Blüher (1888-1955) ist einer der bemerkenswertesten und zugleich am wenigsten erforschten Vertreter der „Konservativen Revolution“. Armin Mohler zählte ihn in seinem Standardwerk zusammen mit ungleich bekannteren Größen wie Ernst Jünger, Carl Schmitt und Oswald Spengler zur erlesenen Handvoll der „kategoriensprengenden Autoren“. Bis heute gibt es jedoch kaum biographische Literatur über ihn; ebensowenig wurde bislang eine vollständige Bibliographie publiziert. Der Hauptgrund ist wahrscheinlich die zeitgenössische Verfemung, der sein Werk aufgrund seiner antifeministischen und antisemitischen Polemiken unterliegt. Seine immense Bedeutung für die Jugendbewegung und seine epochalen Thesen zur kulturellen Bedeutung der Homoerotik sichern ihm jedoch einen verdienten Platz in der deutschen Geistesgeschichte. Seine bekanntesten Werke bleiben die mythisierende Chronik des „Wandervogel“ (1912) und die Männerbundstudie „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ (1917/19), die einst von Köpfen wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Gottfried Benn zum Teil enthusiastisch rezipiert wurde. Geniale Neben- und Spätwerke wie der „Traktat über die Heilkunde“ (1926) und das Opus magnum „Die Achse der Natur“ (1949) dagegen sind beinahe gänzlich in Vergessenheit geraten. Seit einigen Jahren scheint sich aber ein verstärktes Interesse an dem Berliner Philosophen abzuzeichnen. So näherten sich Arbeiten von Nicolaus Sombart, Ulfried Geuter, Ulrike Brunotte und Karlheinz Weißmann in Ansätzen dieser schillernden Figur. Die meisten Darstellungen über Blüher leiden jedoch unter der zeitgeistbedingten Voreingenommenheit ihrer Autoren. Häufig wird er mit unverhohlener Feindseligkeit behandelt und in landesüblicher Masche als „Wegbereiter“ des Nationalsozialismus abqualifiziert. Gemäß der pseudo-antifaschistischen Prämisse, daß der Gegner stets von vornherein dumm, primitiv und widerlegt sei, verbinden sich derlei Simplifizierungen gern mit der hartnäckigen Weigerung, den geistigen Rang Blühers auch nur ansatzweise zu würdigen. Blühers Werk wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt Exemplarisch für diese Haltung ist die von Bernd-Ulrich Hergemöller zusammengestellte „Annotierte und kommentierte Biobibliographie“ zu Hans Blüher. So erfreulich es ist, daß hier zum Teil eine Lücke geschlossen und ein nützlicher Anfang gemacht wurde, so wenig Gutes verheißt jedoch das Vorwort, in dem der Hamburger Mediävist die Erforschung von Blühers Leben und Werk mit dem Hinweis rechtfertigt, man müsse doch auch jene „Personen und Gedanken“ untersuchen, die „zur Destruktion des Humanum“ beigetragen hätten, und zwar mit „derselben Akribie und Exaktheit wie diejenigen, denen das allgemeine Wohlwollen der Zeitgenossen sicher ist“. Mit anderen Worten, die Beschäftigung mit Blüher sei nur dann legitim, wenn man sie vor den Karren der ewigen Vergangenheitsbewältigung spannen und einen weiteren Schuldigen ausfindig machen kann. Dermaßen mit ideologischen Scheuklappen versehen, bleiben Hergemöllers knappe Ausführungen relativ wertlos und erschöpfen sich über weite Strecken darin, Schlagworte zu applizieren. So wird eines von Blühers Hauptwerken, „Die deutsche Renaissance“, in dem die „Judenfrage“ nur am Rande vorkommt, platterdings mit den Worten abgekanzelt: „Der Begriff ‚Renaissance‘ wird zur antijüdischen Hetze mißbraucht.“ Nicht nur hier reduziert Hergemöller fahrlässig Blühers kompliziertes und widersprüchliches Verhältnis zum Judentum. Unermüdlich versucht er dessen facettenreiches Werk mal offenkundig, mal unterschwellig als hanebüchen und „protofaschistisch“ hinzustellen, womit es bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird. Fällt Hergemöller gar nichts mehr ein, dann läßt er sich zu Albernheiten herab, wie den vorgeblich „plumpen Verstoß gegen die deutsche Grammatik“ in einem Blüher-Titel lautstark anzuprangern. Vergleicht man Blühers brillantes Deutsch mit dem unsäglichen Jargon seines Kritikers, wirkt diese billige Häme um so peinlicher. Wie schon in früheren Beiträgen zu Blüher demonstriert Hergemöller am laufenden Band, wie unsicher und wenig einfühlsam er sich in der Materie bewegt. Das zeigen besonders die unverzeihlichen Auslassungen im „objektiven“ Teil der Bibliographie, die beispielsweise die Zeugnisse von wichtigen Weggefährten wie Kurt Hiller und Hans-Joachim Schoeps und unter den Tisch fallen läßt – Quellen, die nicht nur leicht aufzuspüren, sondern jedem, der einigermaßen mit dem Thema vertraut ist, ein Begriff sind. Ein sorgfältigerer Blick in den Nachlaßrest in der Staatsbibliothek Berlin hätte noch erheblich mehr Primär-und Sekundärmaterial zu Tage gefördert, als in die Bibliographie aufgenommen wurde. Dafür hat Hergemöller aber nicht vergessen, ganze zehn zumeist belanglose Einträge aus seiner eigenen Feder „akribisch“ anzuführen, freilich ohne auf die damals unterlaufenen groben Fehler hinzuweisen. Schlampigkeiten und Verständnisfehler finden sich auch im „subjektiven“ Teil der Bibliographie sowie der „Vita Hans Blüher“ zur Genüge. Das alles wäre nicht weiter erwähnenswert, würde sich Hergemöller nicht so penetrant als Blüher-Pionier inszenieren. Ein typischer Fall eines Unberufenen, der sein Thema zur Produktion von karriereförderndem Bewältigungsdampf mißbraucht. Eine tatsächliche Pionierarbeit hat Jürgen Plashues in seinem Beitrag zum „Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung“ geleistet. Der Pädagoge Plashues, der bereits 1983 eine Diplomarbeit über Blüher vorgelegt hat, ist ein intimer Kenner von Leben und Werk des exzentrischen Philosophen. Detailliert zeichnet er die Widersprüche und Wandlungen des auch äußerlich kauzig wirkenden Denkers nach, so etwa die vom „Linksradikalen“ zum „konservativen Revolutionär“, vom atheistischen Freidenker zum gläubigen Protestanten, vom Homo- zum Heterosexuellen, vom Philo- zum Antisemiten. Er bringt dabei bisher unbekanntes und kaum beachtetes biographisches Material zur Kenntnis. Zum Beispiel vermutet Plashues, daß Blüher zeitlebens der nicht unbegründete Verdacht einer jüdischen Abstammung geplagt habe, was einen großen Teil seiner ambivalenten Haltung zum Judentum erklären könne. So verehrte er trotz aller Diskrepanzen den mit ihm in losem Briefkontakt stehenden Martin Buber als eine Art jüdisches Alter ego. Weiter findet Plashues Indizien für eine bisher unbekannte erste Ehe Blühers und enthüllt den Namen seiner geheimnisvollen Muse „Peregrina“ Ena Wittek, der Schwester des Kinderbuchautors Fritz Steuben. Blühers lutherisch fundierter Hang zur Vielweiberei war es auch, der seine zweite Ehe mit der homöopathischen Ärztin Else Hebner äußerst schwierig gestaltete. Sie kam für den Großteil des Lebensunterhalts der Familie auf, während Blüher gelegentlich als Psychotherapeut tätig war, tagsüber schlief und bis spät in die Nacht arbeitete. Widersprüche, Wandlungen eines kauzigen Denkers Politisch stand der preußische Monarchist dem jungkonservativen „Herrenklub“ um Heinrich von Gleichen nahe. Den Nationalsozialismus deutete er zunächst als „konservative Revolution“ und setzte auf den ausgleichenden Einfluß des Vizekanzlers Franz von Papen. Gleichzeitig sah er in der Beantwortung der „Judenfrage“ ein drängendes Problem, das aber keinesfalls durch Gewalt gelöst werden solle. So prophezeite er den „Weltpogrom“, von dem Deutschland als einziges Land Abstand nehmen werde. Nach dem Tod Hindenburgs und dem Röhmputsch im Juni 1934 zerstreuten sich Blühers Hoffnungen, er zog sich ins Privatleben zurück und tauchte erst 1949 wieder aus der publizistischen Versenkung auf. Den Nationalsozialismus verurteilte er später kompromißlos und nannte Hitler einen „Neandertaler“. Nach dem Krieg veröffentlichte er sein umfangreichstes Werk „Die Achse der Natur“ und die Autobiographie „Werke und Tage“ (1953). Er starb nach schwerer Krankheit, vergessen und verarmt, im Februar 1955. Plashues stellt Blühers Werk ein im großen und ganzen positives Zeugnis aus, ohne für seine fragwürdigen Seiten blind zu sein: „Die Vielfalt seiner Anschauungen und sein Biß könnten auch heute noch manches klären, was zur weltanschaulichen und politischen Eskalation des vorigen Jahrhunderts beigetragen hat. Frisch wie am ersten Tag, haben seine Schriften nichts von ihrer Vehemenz und Schärfe verloren.“ Das konstituierende Element in Blühers Denken sei sein Hang zur zugespitzten Polarisierung gewesen, die „jede Zeile (…) seiner unendlichen Polemik beherrscht“. Plashues sieht in dem elitären Verehrer des „Jünglings im Überschwang seines schöpferischen Wesens“ (Blüher) einen „leidenschaftlichen Maler in Schwarz und Weiß“ und verweist auf die schopenhauerische Wurzel seines Kulturpessimismus. Er sei ein „unbequemer Subjektivist“ gewesen, auf den das Verdikt Thomas Manns zutreffe, wonach es typisch deutsch sei, „den Radikalismus ins Geistige zu verweisen und dem Leben gegenüber praktisch-ethisch, anti-radikal sich zu verhalten“. Den späten Blüher sieht er zum „Humanisten geläutert“, im Sinne von Bertrand d’Astorgs Wort: „Der Rebell, der weiß, um welche Tradition es geht – das ist vielleicht die Definition des Humanisten von morgen.“ Es bleibt zu hoffen, daß mit dieser knappen Studie der erste Schritt zu einer umfangreicheren, längst überfälligen Monographie getan ist. Bernd-Ulrich Hergemöller: Hans Blüher 1888-1955. Annotierte und kommentierte Biobibliographie. HHL-Verlag, Hamburg 2004, 140 Seiten, 15 Euro Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 19/1999-2004. Wochenschau Verlag, Schwalbach 2004, 326 Seiten, 29 Euro Foto: Hans Blüher (1888-1955): Vom Atheisten zum gläubigen Protestanten, vom Philo- zum Antisemiten

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