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Der Dichter und der Denker

Klages erinnert an einen protestantischen Pastor mit dem Temperament eines Condottiere“, behauptete der bekennende Reaktionär und Aphoristiker des Nihilismus E.M. Cioran; dem Charme dieses Mannes, der einem Magier gleiche, „kann sich niemand entziehen“, ja, so fährt Cioran voller Emphase fort, „er ist der am meisten verwirklichte Mensch, dem ich bisher begegnet bin.“ Gewiß hat der rumänische „Schöpfungskritiker“ mit diesem Begeisterungsausbruch nicht gemeint, daß man nun gerade predigen und Kriege führen müsse, um sich als ganzer Mensch „zu verwirklichen“, aber er hat doch etwas benannt, was den meisten – Nietzsche würde sagen: den „Herdenmenschen“ – fehlt, nämlich Überzeugungen und der Wille, für diese auf eine streitbare Weise einzustehen. In einem anderen Sinne hat er freilich auch auf den Zwiespalt hingewiesen, der den neben Nietzsche, Spengler und Bergson wichtigsten Vertreter der Lebensphilosophie Ludwig Klages (1872-1956) charakterisiert, den Gegensatz zwischen dem systembeflissenen Professor, der der eigenwillig-unabhängige Privatgelehrte nicht hat werden wollen, und dem Dichter, der der poetisch begabte Bohemien doch nicht hat werden können; in stark verallgemeinerter Form durchzieht dieser Dualismus Klages‘ gesamte Philosophie und Charakterkunde als These vom „Geist als Widersacher der Seele“, wie der Titel seines zwischen 1929 und 1932 erschienenen Hauptwerkes lautet. Hört man nun die unlängst von Thomas Knoefel und Richard Reschika publizierte CD mit Originaltonaufnahmen von Klages aus den Jahren 1949 und 1952, so verstärkt sich der dem Klages-Leser vertraute Eindruck des Gegensätzlichen: Der Sprecher zeigt einerseits den altertümlich-ernsthaften Habitus eines deutschen Denkers, der im Zeitalter der post-68er Bildungsdebatten und Pisa-Studien in mythische Ferne entrückt ist, und gleichzeitig den eines Schauspielers, dessen rollendes „Rrrrr“ und ungewohntes, heute geradezu fremdartiges Pathos seine nüchtern-sachlichen Ausführungen gelegentlich zu überlagern scheint. Die Dualität von Körper und Geist ist eine Dreiheit „Das Problem des Menschen“ ist der erste der beiden Vorträge betitelt, der am 9. Februar 1952 vom Hessischen Rundfunk gesendet wurde und gleichsam die Klages’sche Philosophie in nuce darstellt. Dieses Problem, das nach Klages‘ anfänglicher Unterscheidung nicht einer experimentellen und die physiologischen „Ursachen“ des Denkens untersuchenden Psychologie, sondern nur einer philosophischen Seelenkunde zugänglich sei, besteht in seinen Augen in der Dualität von Geist und Seele im Menschen, die jedoch aufgrund des Zusammenhangs der Seele mit dem Leibe eigentlich auf einer Dreiheit beruhe. Den Griechen sei diese anthropologische Dreigestalt noch bekannt gewesen; die spätere und insbesondere neuzeitliche Philosophie seit Descartes habe die seelischen Vermögen fälschlicherweise den geistigen zugeschlagen und das Verhältnis zwischen dem als Erkenntnisvermögen aufgefaßten Geist und dem auf das Körperliche reduzierten Leib als ein kausales mißverstanden – was in der modernen, sogenannten analytischen Philosophie als body-and-mind-problem bezeichnet und neuerdings verstärkt unter neurologischen Gesichtspunkten diskutiert wird: Was – so lautet die bange Frage – wenn in Wirklichkeit alle unsere Handlungen und Gedankengänge, in denen wir uns selbst als frei erleben, von Aktivitäten unseres Gehirns gesteuert werden? Wie läßt sich unser Konzept von menschlicher Freiheit aufrecht- erhalten, wenn jedem noch so geringen Tun ein neuronaler Prozeß zugrunde liegt, der vom Bewußtsein weder als solcher reflektiert noch beeinflußt werden kann? Allenfalls könnte ein anderer neuronaler Prozeß an seine Stelle treten, der dann jedoch unser Erleben genauso determinieren würde, und so weiter in infinitum. Diese Sorge ist nach Klages jedoch unbegründet: Zwar könne auf seelischer Ebene nichts geschehen, was nicht seine leibliche Entsprechung habe, und umgekehrt, aber das Verhältnis ist weder als eines von Ursache und Wirkung noch im Sinne des psychophysischen „Parallelismus“ als gleichzeitiger Ablauf unterschiedlicher Ereignislinien zu denken, deren wohlbemessenes Abschnurren wie bei Leibniz ein göttlicher „Uhrmacher“ garantiere, sondern es handelt sich um einen Ausdruckszusammenhang: „Der Leib ist die Erscheinung der Seele, die Seele ist der Sinn des Leibes.“ Ähnlich verhalten sich zueinander auch das Wort als „lautlicher Leib“ und dessen Sinn, so daß das Verhältnis insgesamt hermeneutisch, vom Horizont des Verstehens aus, und nicht kausal zu fassen ist. Die hier vorwaltende Struktur ist eine der Polarität, ein Zusammenhang wechselseitiger und nicht einsinnig-kausaler Bedingtheit, und deshalb ist es eine Frage des Erkenntnisinteresses, ob man den Blick auf die seelischen Phänomene oder ihre leiblichen Entsprechungen richtet. Die schnöde Tatsache, daß sich ein Gemälde auch als Ölgemisch auf einer Leinwand beschreiben läßt, tut seiner Schönheit oder Kitschigkeit oder Expressivität keinen Abbruch, wie Peter Bieri jüngst in einem Essay zum Leib-Seele-Problem dargelegt hat (Spiegel Online vom 11. Januar 2005). Dem Leib kommt nach Klages ein „betastendes Empfinden“ als spezifische Weise der Welterfahrung zu, während der Seele eine Fähigkeit zur „Schauung“ eignet; ersterer ist stets gegenwärtig auf Dinglichkeit und Nähe, letztere auf „Ganzheit“ angelegt und in die Ferne gerichtet, die sich, zeitlich gesehen, als Vergangenheit offenbart. Der Zukunft hingegen kommt nach Klages‘, seine linken Kritiker provozierenden Ansicht keinerlei Realität zu (eine „Zukunftsforschung“ ist schließlich, anders als eine Geschichtsschreibung, unmöglich), was neben anderem ein Grund dafür ist, daß er seit Georg Lukács‘ stalinistischem Machwerk über „Die Zerstörung der Vernunft“ (durch nichtmarxistischen „Irrationalismus“) gerne mit dem Faschismusvorwurf bedacht wird. Der Geist schließlich bildet nach Klages‘ – freilich recht problematischer – Meinung kein polares Verhältnis zur Leibseele oder dem Seelenleib, sondern er greift spaltend und analysierend in jeden lebendigen Zusammenhang ein und bereitet damit den negativen Folgen der modernen Zivilisation den Boden, die Klages bereits 1913 in seinem berühmten Aufsatz „Mensch und Erde“ so vehement kritisiert hat und auch in dem späten Rundfunkbeitrag einmal mehr zur Sprache bringt, weshalb er, wie Reinhard Falter in seiner Monographie „Ludwig Klages – Lebensphilosophie als Zivilisationskritik“ (JF 41/03) dargestellt hat, zu den frühen Vordenkern einer konservativen Ökologiebewegung zählt. Der zweite, knapp halbstündige Vortrag vom 7. September 1949 über die „Grundlagen der Charakterkunde“ spezifiziert diese allgemeinen Aspekte im Hinblick auf die individuelle menschliche Psyche und formuliert drei Grundfragen, nämlich was ein Charakter sei, wie er erkannt werde und worin die Ziele der Charakterkunde bestünden. Die erste wird dahingehend beantwortet, daß der Charakter das Gefüge von Eigenschaften einer Person, das heißt eines ichbegabten Eigenwesens sei, wobei sich diese Eigenschaften ständig, aber nach einem individuellen Entwicklungsprinzip, wandelten. Der Charakter zeigt sich in Handlung und Ereignis Erst diese Wandlungen machen nach Klages‘ Erkenntnis den Charakter physiognomisch erkennbar, worin eine besondere Innovation gegenüber der älteren Physiognomik etwa Lavaters besteht, denn diese ging von statischen Organen aus und konnte nur Typen klassifizieren, deren Anwendbarkeit auf den Einzelfall fragwürdig blieb, während Klages die Organfunktionen, also zeitliche Prozesse, in den Blick nimmt. Der Charakter zeigt sich somit nicht in festen Eigentümlichkeiten, sondern im Ereignis und Zusammenspiel einzelner Handlungen, wobei stets von der leiblichen Ganzheit auf die Teile und von den Teilen auf das Ganze geschlossen werden muß. Besonders geeignet zur Untersuchung des Charakters ist für Klages daher die Graphologie, da sie einerseits von einer lebendigen Bewegung, der des Schreibens, ausgeht und andererseits den Vorzug bietet, diese an der Schrift als bleibender Hinterlassenschaft studieren zu können. Die Ziele der Charakterkunde bestimmt Klages abschließend als Bestimmung derjenigen Merkmale, die wirkliche Charaktereigenschaften von scheinbaren unterscheiden, weiterhin als deren Klassifizierung und letztlich als eine Theorie der Seele des Menschen, des Tieres, der Pflanze und damit des Lebens überhaupt. Ob und wie es Klages gelungen ist, diese weitgespannten Ziele im einzelnen zu verwirklichen, kann nur durch die Lektüre seiner Werke entschieden werden – eine Anregung dazu und erste Hinführung zu diesen liefert die vorliegende CD, die nicht nur den philosophischen Impuls von Klages, sondern auch die existentielle Eindringlichkeit seines Philosophierens verlauten läßt. Ludwig Klages: geboren am 10. Dezember 1872 in Hannover, studiert Ludwig Klages Chemie mit den Nebenfächern Physik und Philosophie in Leipzig und München, wo er promoviert. 1896 gehört er zu den Mitbegründern der Deutschen Graphologischen Gesellschaft, später redigiert er als Herausgeber die Graphologischen Monatshefte. Zwischen 1910 und 1948 veröffentlicht er knapp zwei Dutzend Bücher und arbeitet als Privatgelehrter. Klages stirbt am 29. Juli 1956 in Kilchberg bei Zürich. Heute kümmert sich die Ludwig-Klages-Gesellschaft Marbach e.V. um die Verbreitung seines Werkes. (JF) Foto: Ludwig Klages: „Die Seele ist der Sinn des Leibes“ Ludwig Klages: Das Problem des Menschen, supposé Verlag, Köln 2004, 18 Euro.

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