Aktivismus im Namen der Tradition

Wer in diesem Sommer auf der Nationalstraße 24 entlangfuhr, der wichtigsten Verbindung zwischen Rennes und dem bretonischen Westen, konnte an den zahlreichen Brückenpfeilern immer dieselben Plakate sehen. Angebracht hatte sie die Gruppe Adsav, ein bretonisches Wort, das soviel wie „Wiederauferstehung“ bedeutet, für die Frankophonen bezeichnet als Parti Breton („Bretonische Partei“). Adsav hat mit dieser Propagandakampagne erneut auf sich aufmerksam gemacht und einen Aktivismus gezeigt, der auch sonst die Arbeit der erst vor fünf Jahren gegründeten Organisation kennzeichnet. Vergleichbar ist sie in dieser Hinsicht nur mit einer anderen Formation der bretonischen Bewegung, Emgann („Kampf“), die seit dem Frühjahr vor allem für die Freilassung der „politischen Gefangenen“ eintritt, die 2000 im Zusammenhang mit dem Sprengstoffanschlag auf eine McDo-nald’s-Filiale in Quévert verhaftet wurden und nun vor Gericht stehen. Die Militanz ist allerdings die einzige Gemeinsamkeit zwischen Adsav und Emgann, die an den entgegengesetzten Flügeln des bretonischen Autonomismus stehen. Sie teilen zwar die separatistische Zielsetzung, aber die innere Ordnung einer unabhängigen Bretagne sähe jeweils ganz verschieden aus. Denn Emgann gehört in die Tradition jenes linken Regionalismus, der seit den siebziger Jahren das Bild der Gesamtbewegung bestimmt hat. Dessen politische Ausrichtung entsprach in vielem der der französischen Sozialisten oder Kommunisten. Das gilt auch und gerade für die größte seiner Organisationen, die Union pour la Démocratie bretonne (UDB). Mit der Sprache verlischt die kulturelle Autonomie Die UDB entstand aus der Studenten- und der Umweltbewegung, die sich in Reaktion auf die großen Tankerhavarien vor der Küste gebildet hatte. Sie hat bis heute einen erheblichen Einfluß auf die bretonische Kulturszene, und deren Aushängeschild, der Sänger Alan Sti-vell, gehört zu ihren wichtigsten Parteigängern. Allerdings ist es der UDB in der Vergangenheit nicht gelungen, zu einer stärkeren politischen Kraft zu werden. Wer sich unter den Abgeordneten der Regionalvertretungen als prononciert bretonisch betrachtet, gehört der UDB an, aber diese verfügt nicht einmal über zehn Prozent der Sitze. Die parlamentarische Schwäche der bretonischen Autonomiebewegung hat immer wieder den Anstoß zur Bildung außerparlamentarischer Gruppen gegeben. Deren Radikalität ist aber vor allem eine rhetorische. Darüber kann auch die Solidarisierung von Emgann mit IRA oder ETA nicht hinwegtäuschen. Die gelegentlich von sich reden machende Armée Révolutionnaire Bretonne (ARB), der auch das oben erwähnte Attentat zur Last gelegt wird, hat bisher auf Gewalt gegen Personen verzichtet und spielt bestenfalls eine marginale Rolle. Insofern ist auch Emgann nur als Kleinformation anzusehen, die in erster Linie durch ihre Propaganda existiert. Dazu hilft, daß die Mehrzahl der autonomistischen Gruppen den Anliegen von Emgann mit einem gewissen Wohlwollen gegenübersteht. Aber das kann auch nicht über den Einflußverlust des linken Autonomismus in den letzten zehn Jahren hinwegtäuschen. Der geht vor allem auf die zunehmende Folklorisierung und Kommerzialisierung alles Bretonischen zurück, die man dem Aufschwung des Tourismus verdankt, hängt aber auch mit mangelnder ideologischer Konsistenz zusammen. Ein Teil der Anziehungskraft des Autonomismus lag in der Möglichkeit, eine „identitäre“ Position beziehen zu können, ohne damit in den Ruch des Rechtsradikalismus zu geraten. Zu den irritierenden Momenten der bretonischen Bewegung gehörte ja gerade, daß sich deren äußerste Linke ausdrücklich als „nationalistisch“ bezeichnete. Aber im Grunde versuchten diese linken Nationalisten nur, den Republikanismus des größeren Frankreich auf die bretonischen Verhältnisse zu übertragen, und mieden bei allem Rekurs auf das keltische Erbe doch peinlich den Eindruck, irgendeiner Art von rassischer oder völkischer Ideologie anzuhängen. In dem Maß, in dem die Bretagne mit ihrem wachsenden Wohlstand zum Anziehungspunkt von Einwanderern aus dem Maghreb und Schwarzafrika wurde, verlor die Unentschiedenheit in der Frage, was denn das Eigene ausmache, an Harmlosigkeit. Hinzu kommt, daß auch die übrigen objektiven Faktoren, die die Sonderstellung der Bretagne bisher begründeten, in dramatischem Tempo verfallen. Dazu gehört vor allem die bretonische Sprache. Nach einem Gottesdienst zum Abschluß der Festival Interceltique im August sprach der Bischof von Vannes, Monsignore François-Mathurin Gourvès, davon, daß jedes Jahr hundert Menschen sterben, die das Bretonische beherrschten, aber nur einer geboren werde, der es lerne. Damit drohe das Bretonische als lebendige Sprache zu verlöschen, warnt Gourvès: „Es kann keine bretonische Kultur geben ohne die Sprache, die sie trägt …“. Männer wie Gourvès sehen sehr genau, daß sich parallel zum Tod des Bretonischen der Niedergang des eher kulturell und weniger politisch ausgerichteten Autonomismus vollzieht, der sich seit dem 19. Jahrhundert auf die katholische Frömmigkeit und das bäuerliche Erbe stützte. Alle Versuche in der jüngeren Vergangenheit, der konservativen Bretagne eine neue selbständige Vertretung zu schaffen, sind gescheitert. In gewisser Weise ist die Entstehung einer Bewegung wie Adsav als Reaktion auf diese Veränderungsprozesse zu betrachten. Sie bezieht nicht nur vehement Stellung gegen alle Versuche der linken Autonomisten, das Bretonische auf eine Konstruktion zu gründen, sie hat sich auch von der attentistischen Linie der Konservativen abgewandt. Programmatisch tritt man für die Loslösung von Frankreich und die Schaffung eines eigenen Staates ein, der die Einwanderung scharf begrenzen soll (im Grunde gilt Frankreich schon als verloren und die Bretagne als eine Art mögliches „Homeland“ für die weiße Bevölkerung keltischer Herkunft). Die politischen Sympathien liegen bezeichnenderweise bei Formationen wie dem Vlaams Belang. Schon damit isoliert sich Adsav im Rahmen der Gesamtbewegung, noch entscheidender dürfte aber die nostalgische Verklärung des Nationalismus der Zwischenkriegs- und Kriegszeit sein. Diese Traditionslinie gilt in der Bretagne gemeinhin als kontaminiert wegen der Rolle, die Nationalisten in der Zeit der deutschen Besetzung spielten. Bretagne als „Homeland“ für Weiße keltischer Herkunft Der ausdrückliche Bezug auf Männer wie Frans Debauvais oder Olier Mordrel, die damals für eine enge – auch ideologische – Kollaboration eintraten, um einen bretonischen Staat in Hitlers „Neuen Europa“ zu ermöglichen, trug jedenfalls dazu bei, daß Ad-sav von Anfang an unter Faschismusverdacht stand – ein Problem, das sich kaum überwinden lassen dürfte. Zwar gibt es in den Reihen von Adsav auch Dissidenten des Front National, aber die bretonischen Wähler, die sich für die Rechte entscheiden wollen, werden im Zweifel eher für die gesamtfranzösische als für die bretonische stimmen. Wahrscheinlich müßte man aber auch unter günstigeren Umständen mit der Aussichtslosigkeit einer konsequenten bretonischen Position rechnen. Anders als in Spanien, wo die großen Regionen mit Nachdruck ihre Anerkennung als „Nationen“ verlangen, wird man in Frankreich einen sukzessiven Rückgang dieser Tendenzen feststellen müssen. Mit Ausnahme Korsikas, das als Sonderfall gelten kann, ist es Paris gerade mit der Politik einer moderaten Regionalisierung seit den achtziger Jahren gelungen, jene zentrifugalen Tendenzen zu bändigen, die das von seinen „natürlichen Grenzen“ umschlossene Hexagon hätten in Frage stellen können. Adsav-Plakat: Politische Sympathien etwa für den Vlaams Belang

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