Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Zweite Liga

Zwischen 1975 und 1982 war der heute 53jährige Chris Norman Sänger der erfolgreichen Popband Smokie. Das Quartett aus Bradford/Yorkshire zählte zu den umschwärmtesten Gruppen der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Smokie interpretierten haufenweise ohrwurmträchtige Chinn/Chapman-Hits: „Lay back in the Arms of Someone“, „If you think you know how to Love me“, „Don’t play your Rock-n’Roll to me“ und vor allem das häufig gecoverte „Living next Door to Alice“ lebten besonders von Chris Normans romantisch-rauher Stimme. Nach der Trennung der Band veröffentlichte Chris Norman 1982 sein erstes Soloalbum („Rock away the Teardrops“ ), das jedoch ungehört verhallte. Erst mit der von Dieter Bohlen geschriebenen Ballade „Midnight Lady“, die 1986 als Filmmusik eine „Tatort“-Folge schmückte, konnte er sich wieder ins Gespräch bringen. Doch nach 1993 – die Single „Goodbye Lady Blue“ wurde ein letzter kleiner Radiohit – interessierte sich niemand mehr für Chris Norman. Von seinen Soloalben nahm kaum jemand Notiz. So kam die von Arabella Kiesbauer moderierte „Comeback-Show“ auf Pro 7 gerade recht. Chris Norman gewann die hochnotpeinliche Show und war plötzlich erneut ein gefragter Interviewpartner; seine aktuellen Songs von der CD „Handmade“ wurden wieder im Radio gespielt. Daraufhin stellte Edel Records eine Doppel-CD mit Normans Erfolgen der Jahre 1986 bis 1988 zusammen, die unter dem Titel „Heartbreaking Hits“ soeben auf den Markt kam und das gesamte Programm der längst vergriffenen Soloscheiben „Some Hearts are Diamonds“ (1986) und „Different Shades“ (1987) beinhaltet. Zudem gibt es ein paar Singlehits und B-Seiten zu hören, die bislang auf keinem regulären Album zu finden waren, sowie bis zu siebenminütige Maxiversionen der vier größten Hits. Kommerziell am erfolgreichsten zeigten sich seinerzeit die von Dieter Bohlen für Chris Norman komponierten Gänsehautballaden. Nach dem Überhit „Midnight Lady“ folgten die ähnlich gestrickten Songs „Some Hearts are Diamonds“ (1986) und „Broken Heroes“ (1988) – bevor Chris Norman seinen Vertrag bei Hansa/Ariola verlor und von Plattenfirma zu Plattenfirma zu irren begann, ohne an seinen früheren Status anschließen zu können. 25 Originalsongs sind auf „Heartbreaking Hits“ zu hören. Stets sympathisch, aber selten mitreißend, konventioneller Pop/Rock, der nur selten Wiedererkennungswert aufweist. Alles plätschert gemütlich vor sich hin; die Kompositionen nerven nicht, bleiben aber auch kaum im Ohr; die meisten Songs werden in der Schublade mit der Aufschrift „Zweite Liga“ eingesperrt bleiben. Drafi Deutscher schrieb für Chris Norman die sanfte Gospelballade „Never make my Angel cry“, für „Wheels of Fire“ verpackte das Münchener Produzentenduo Günter Mende/Candy de Rough (Nino de Angelo, Jennifer Rush) typische Smokie-Klänge in den synthilastigen Sound der 1980er. Einen Großteil seiner frühen Sololieder verfaßte Chris weiterhin zusammen mit seinem einstigen Schlagzeuger Pete Spencer. Abgesehen vom knalligen Rocker „Sarah – You take my Breath away“, ein mittelprächtiger Hit im Dezember 1987, der tatsächlich Ohrwurmqualitäten besitzt, ist den beiden jedoch zehn Jahre nach ihren oft genialischen Kompositionen nicht mehr viel Interessantes eingefallen. Statt dessen gibt es nette Liedchen zum Nebenbeihören, mehr jedoch nicht. Immerhin: Da die Songs seit Jahren vergriffen sind, die Maxiversionen von „Midnight Lady“ oder „Broken Heroes“ noch nie auf CD vorlagen, zudem die Texte aller Lieder abgedruckt wurden, ist „Heartbreaking Hits“ zumindest für Chronisten, Sammler und beinharte Fans interessant.

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